| Liebe Besucher des Deutschen Katholikentages
in Ulm
Von Maria
(Heinz) Ibach, Ulm, Deutschland 19 Juni 2004
Ich möchte mich ihnen kurz vorstellen.
Mein Name ist Maria Ibach, geb. Heeinz, und ich
bin 68 Jahre alt. Ich kam mit meiner Familie 1976
nach Deutschland und lebe seitdem in Ulm.
Ich wurde gebeten, Ihnen heute meinen Lebenslauf
zu schildern.
Ich nehme diese Gelegenheit gerne wahr, um zu zeigen,
welch schwierige und grausame Schicksale Rußlandsdeutsche
Landsleute erleiden mußten, weil sie Deutsche
waren. Mit meinen persönlichen Ausführungen,
die stellvertretend sind für so viele andere,
möchte ich um mehr Verständnis für
unsere Landsleute werben.
Ich wurdeam 9. Juni 1936 geboren im schönen
Kutscherganer Tal in Neufeld, auf russisch "Nowij
Mir" am schwarzen Meer.
Dieses Dorf, das rein katholisch war, liegt 60 km
von Odessa entfernt, zwischen Odessa und der Moldawischen
Republik.
Meine Vorfahren folgten damals dem Ruf der Kaiserin "Katharina
der Großen" nach Rußland. Diese
hatte die deutsche Bauern dazu aufgerufen, sich in
Russland niederzulassen und dort Landwirtschaft zu
betreiben. Ihnen wurde Religionsfreiheit und Land
versprochen.
Die Vorfahren meines Vaters kamen aus Rheinland-Pfalz,
aus Kandel. Die meiner Mutter stammten aus Elsaß.
So wanderten meine Vorfahren aus Deutschland aus,
in der Hoffnung auf ein besseres Leben und siedelten
such am schwarzen Meer an.
Mein Vater, Ignatz Heinz und meine Mutter, Regina
Heinz, geborene Herzog, waren vor der Oktober Revolution
1917 einfache Bauern. Während der Sowjetzeit
haben sie in der Kolchose gearbeitet. Meine Eltern
hatten 8 Kinder.
Während der Sowjetzeit war das Schicksal der
Deutschen in Rußland begleited von bitterem
Hunger und großer Not.
Im August 1941 wurden wir von der deutschen Wehrmacht
besetzt. Die deutschen Soldaten kamen auf Motorrädern
und ihnen folgten ihre Panzer. Ich kann mich noch
sehr gut an diesen Tag erinnern. Is war ein warmer
Sommertag. Gegenüber von unserem Hof war Munition
gelagert, die die Russen nicht mehr wegschaffen konnten.
Sie hatten in Eile das Dorf verlassen und hinter
sich alles angezündet und niedergebrannt, um
nichts den Deutschen Einmarschtruppen zu hinterlassen.
Am andern Ende vom Dorf wurde das Kolchosevieh, Geräte
und alles andere an die Dorfbewohner von Neufeld
verteilt.
Als die Front weiterzog, war es wider schön
friedlich in unserem Dorf. Alle Einwohner waren ausschließlich
Deutsche. Wir konnten wider Weihnachten feiern, Gebetshäuser
errichten und der Sonntag war endlich wieder zum
Beten da. Es war damals der Brauch, dass die ganze
Familie am Abend gemeinsam betete. Auch wir Kinder
durften wider frei unser Abendgebet verrichten, was
ja früher bei don Sowjets strikt verboten war.
Es kamen auch trurige Tage. Die eresten deutschen
jungen Männer wurden in den Krieg eingezogen.
Es dauerte nicht lange, bis der erste Todesschein
von einem unserer Dorfbewohner eintraf.
Die wirrungen, die deutsche Auswanderer in Rußland
während des Krieges miterlebten, sjpiegelten
sich auch in unserer Familie wider. Mein ältester
Brruder wurde von der Sowjetmacht in das Militär
berufen und mußte dort gegen die Deutschen
- seine eigenen Landsleute - kämpfen. Dagegen
wurden zwei weitere Brüder und main Vater vonn
der deutschen Wehrmacht eingezogen. Der Jüngere
der beiden Brüder war zu diesem Zeitpunkt noch
keine 17 Jahre alt. Er fiel mit 17 bei Wien. Mein
Vater dam mit meinem anderen Bruder zum Kriegsende
zurück.
1942 kam ich in die Schule. Dort wurde deutsch unterrichtet,
da wir abgegrenzt von der russischen Bevölkerung
wie in deutschen Kolonien lebten. Wir sprachen deutsch
und wir lebten die deutsche Kultur. Den Russen waren
wir Deutsche ein Dorn im Augge. Deutsche Tugenden
wie Fleiß, Arbeit und Ordnung haben uns ein
genügsames und gutes Leben beschert, während
die Russen eher schlecht lebten.
Im März 1944 mussten wir von zu Hause weg. Hitler
beschlossen, uns als Volksdeutsche mit ins reich
zu nehmen. Mit Pferden und Wagen ging es los, bis
zur polnischern Grenze. Es war eine schreckliche
Zeit. Viele mussten diese weiten Strecken zu Fußgehen.
Krankheit, Hunger, Not und Bomben waren unsere Wegbegleiter.
Wir kamen in den Warthegau, im hetigen Polen. Es
gab dort viele Deutsche aus Bessarabien, die schon
1939 angesiedelt waren. Ich konnte auch wieder zur
Schule gehen und hatte auch wider neue Freundinnen
gefunden.
Doch beriets im Januar 1945 mussten wir schon wieder
los. Diesmal mussten wir innerhalb von 2 Stunden
unsere notwendigstes Hab und Gut zusammen packen
und losziehen, weil die Russen bereits zu enahe kamen.
Wieder unser neues Dorf verlassen, in dem wir uns
etwas eingelebt hatten. Meine Mutter hatte vor den
Pferdewagen einen schimmel eingespannt. Mein jügerer
Bruder Michael und ich, wir waren ja noch Kinder,
saßen auf dem Wagen. Der Schimmel hätte
eigentlich vorher beschlagen werden sollen, aber
dafür blieb einfach keine Zeit mehr. Es war
kalt und die Strassen waren glatt. Immer wieder ist
das Tier ausgerutscht und gefallen, aber irgendwie
ging es doch. Es mußte einfach. Sie können
sich vorstellen, wie so etwas in den Erinnerungen
eines Kindes haften bleibt. Meine Mutter war mit
ihren Kindern allein auf sich gestellt, da ja mein
Vater bereits im Krieg war.
Im Februar kamen wir nach Strenznaundort bei Halle
in Sachsen. Wir waren dort bei einer Bauernfamilie
untergebracht. Der Bauer war selbst im Krieg, nr
die Frau bewirtschaftete den Hof.
Doch zum Kriegsende wurde Strenznaundorf wider von
den Sowjets besetzt. Deshalb worden wir - auf grund
der Tatsache, dass wir Deutsche waren und aus Rußland
stammten - am 13. August nach sibirien deportiert.
Man verlud uns in Viehwaggons unnd brachte uns weg.
Dort angelangt war das Elend am Gröten. Wir
mußten usere Unterkünfte oder besser behausungen
aus dem Boden ausgraben. Es waren Erdlöcher,
die mit Balken und Erde überdacht waren. Und
dasim kalten Sibirien.
Alle dort - Männer, Frauen und Kinder - mußten
tagtäglich Schwerstarbeit verrichten, unabhänig
von Kraft und Alter und Gesundheitszustand und ohne
nur halbwegs geeignete Kleidung.
Die Russen nannten diese Siedlung Spöttisch "Neues
Berlin."
Doch das ware noch nicht das Ende der Odysse.
Im June 1946 wurde meine familie wieder auf einen
Lastwagen verladen und wieder wegtransportiert. Keiner
wußte wohin. Zwei meiner Schwestern mit ihren
kleinen Kindern blieben allein zurück, da auch
ihre ehemänner im Krieg waen und meist durch
amerikanische gefangenschaft auch nie mehr zu ihren
Familien zurück kehrten.
Man hatte uns in eine Sowchose gebracht. Meine Eltern
und meine Geschwister mußten dort in einer
Schweineaufzucht arbeiten. Ich selbst kam dor 1946
wider zur Schule, diesmal aber in russiche Schule.
Und ich mußte wieder in der ersten klasse beginnen,
da ich trotz meiner 10 jahr ja bis dahin kein Wort
russisch sprechen konnte. Lediglich das word "Faschist".
das war mir bekannt.
Ich war eine gute Schülerin, die russischen
Sprache habe ich gelernt und vollkommen beherrscht.
1953 habe ich erfolgreich meinen Schulabschluss gemacht
und wollte anschließend zur Pädagogischen
Berufsschule.
Es war schon immer mein Wunsch gewesen, Grundschullehrerin
zu werden. Eich bewarb mich also an der Pädagogischen
Berufsschule, aber meine Papiere wurden noch nicht
einmal angenommen - ich war ja Deutsche.
Voller Enttäuschung über meinen geplatzen
Traum ging ich dan zum Landwirtschaftlichen Technikum.
Ich habedie Aufnahmeprüfung erfolgreich bestande,
aber wider kam es anders. Alle deutschen Bewerber
wurden aus dem Auswahlprozess eifach rausgeschmissen.
Aber ich hatte Glück. 2 Monate später
wurde die Derektorin des Technikums entlassen. Der
neue Direktor hatte allen deutschen Bewerbern ermöglicht,
die Schule zu besuchen. So habe ich nach 4 Jahren
1957 das Technikum im Fach Buchführung in der
Landwirtschaft erfolgreich abgeschlossen.
Ich hatte auch Glück, dass mein Vater rechtzeitig
zurück kam. Viele Mädchen in meiem Alter
mußten ihren Müttern helfen, die kleineren
Geschwister versorgen oder arbaiten gehen.
Nach dem Abschluss des Technikums konnte ich in
der Buchhaltung der Sowchose arbeiten.
1956 wurden wir,dank Konrad Adenauer, von der Kommandatur
befreit und konnten uns freibewegen. Ich bin dann
mit meiner Familie nach Kirgisien gezogen.
1957 habe ich geheiratet. Mein Mann als Kind mit
seiner Familie das gleiche Schicksal erleidet, wie
alle Deutschen. Unsere drie Töchter sind alle
in Kirgisien zur Welt gekommen. Mein Mann und ich,
wir bemühten uns schon früh um die Ausreise
zurück nach Deutschland. Wir wollten unseren
Kindern ein besseres Leben ermöglichen.
1976 erhielten wir die Ausreisegenehmigung. So kehrten
wir mit unseren Kindern und meiner Mutter zurück
in die deutsche Heimat. Meine Mutter starb hier im
Alter von 91 Jahren. Und bis dahin konnte sie noch
immer nicht richtig russisch sprechen, obwohl sie
die meiste Zeit ihres Lebens in Russland verbracht
hatte. Dafür war sie trotz ihres harten Lebens
immer voller Gott Vertruen und konnte deutsche Lieder
singen, die heute die wenigsten kennen. Dan Verlauf
der Messe und die kirchlichen Feiertage kannte sie
alle auswendig.
Der Anfang in Deutschland war für uns sehr
mühsam.
Aber main Mann und ich, wir haben Arbeit gefunden.
Ich sogar in meinem beruf als Buchhalterin.Wir waren
dankbar für jede Hilfe, die uns entgegen gebracht
wurde. Und durch deutschen Fleiß und Ausdauer,
den wir als Kinder gelernt hatten, haben wir es geschafft,
uns hier eine neue Hemat aufzubauen und unseren Kindern
und Enkelkindern eine bessere und hoffenlich gute
Zukunft zu bieten ohne Ausgrenzungen.
Ich bin Gott dankbar, dass in Deutschland alles
so gut erlaufen ist und freue mich aufjeden neuen
Tag. Es geht luns gut, aber ich vergesse nicht, dass
es uns auch sehr schlecht ging.
Allen neu angekommenen Landsleuten wünche ich
Mut und Kraft, sich hier auf die neue aber bessere
Lebenssituation einzustellen. Das Allerwichtigste
ist, vor allem für die Jungendlichen, die deutche
Sprache zu erlernen, um sich in diese Gesellschaft
integrieren zu können.
Dies können aber nicht andere, dass muss jeder
Einzelne für sich selbst tun.
Mir persönlich tut es jedesmal weh, in der
Zeitung lesen zu müssen, dass junge Russlanddeutsche
in Drogendelikte, Schlägereien oder sonstige
Verbrechen involviert sind.
Ich empfinde es als Undankbarkeit gegenüber
dem deutschen Staat und der deutschen Gesellschaft,
die ihnen diese Chance gegeben haben, ein neues Leben
aufzubauen.
Sie dürfen sich nicht selbst ausgrenzen. Ich
weiß, das sie doppeltes leisten müssen,
um hier anerkannt zu werden. Wir müssen Deutschland
und den Deutschen Dankbarkeit entgegen bringen, dass
wir hier wider aufgenommen wurden und auch Unterstützung
bekamen.
Ich bin nun am Ende meiner Ausführungen angekommen.
In Anbetracht derkurzen Zeit war dies nur ein kleiner
Einblick in meinen Lebenslauf, der aber stellvertretend
ist für so viele Schicksale der Rußlandsdeutschen,
die aber immer wieder durch ihren glauben an Gott
neue Hoffnung schöpfen konnten.
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