Reise
in die Alte Heimat (Journey to the Homeland)
Von Ron Vossler
North Dakota Horizons, Winter, 1997
Übersetzung: Alice Morgenstern, München, Deutschland
English
"Es läßt sich behaupten, dass die Vergangenheit
ein Land ist, aus dem wir alle herkommen, und dass es ein Teil unseres
menschlichen Loses ist, dass wir sie verlieren" - Salman
Rushdie
Warum einen Ort erkunden, den unsere Großeltern vor langen
Jahren verlassen haben? In welcher Weise, wenn überhaupt,
formt eine bestimmte ethnische Vergangenheit das Leben von heute?
Das sind gute Fragen für jeden Amerikaner. Gute Fragen auch
für die 50 Reiseteilnehmer - in der Hauptsache schwarzmeerdeutscher
Herkunft- die sich Mitte Juni von Minneapolis zur "Journey
to the Homeland Tour: Germany and Ukraine" aufmachten, die
von den North Dakota State University Libraries gefördert
worden war.
Historische Rückschau über dem Atlantik
Für die Gruppe lag die Antwort zu diesen Fragen in der Geschichte
der schwarzmeerdeutschen Bauern, die sich zwischen 1886 und 1914
in großer Zahl als bäuerliche Bevölkerung in Nord-
und Süddakota angesiedelt hatten.
Es ist dies eine komplexe Geschichte, die sich über zwei
Jahrhunderte und mehrere Erdteile erstreckt, mit ausreichend Stoff
für Kriege, Hungersnöte und dramatische Ereignisse für
eine beliebige Menge von Romanen und Filmen. Sie schmiedete im
19. Jahrhundert eine Vielfalt von Angehörigen deutscher Stämme
zu einer homogenen ethnischen Gruppe zusammen mit eigener Sprache,
Kultur und Weltanschauung.
Die Geschichte jedoch drängt stürmisch weiter und ist
unpersönlich. Die meisten Mitreisenden hatten sicherlich
ähnlich wie der Verfasser dieser Zeilen Mühe, sich oder
ihre Vorfahren in solch breiten Strömungen wiederzufinden.
Aber während unser Flug einen Bogen hoch über den Atlantik
spannte - über den Ozean, den unsere Vorfahren ein Jahrhundert
früher im Dampfschiff überquert hatten - fiel es uns
allmählich leichter, uns diese Leute als lebendige Menschen
vorzustellen, als jung und alt, als unsere Eltern, Großeltern
und Urgroßeltern, als Menschen voller Hoffnung.
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Ein Schnappschuss des Reiseleiters Michael Miller von
einigen Frauen beim Melken der Kühe in der Enklave von Beresan
in der Ukraine. |
Um jedoch ehrlich zu sein: nur wenige kannten die wirkliche
Geschichte einer solchen Reise, mindestens nicht in einem so erstaunlichen
Maß, wie der Sitznachbar des Verfassers, ein pensionierter
Erzieher, der farbige Anekdoten von der "Überfahrt"
seiner Großeltern von Russland nach Amerika erzählte.
Und die Art, wie er sie vorbrachte, voll Humor, Mitgefühl
und Würde, sprach Bände über die besten Eigenschaften,
die Schwarzmeerdeutsche ihren Nachkommen weitergaben.
Während der ersten Etappe unserer Reise, bis wir die eisigen
Klippen Grönlands unter der Tragfläche erspähten,
erzählte er Geschichten, die tragische Einwandererthemen
berührten: von Seebestattungen für jene, die die Härten
der Schiffspassage nicht überstanden hatten; von den Hebammen,
die Kinder in dem übelriechenden Steuerraum zur Welt brachten;
von einem Großvater, der nach der Zugfahrt quer durch das
Land von New York nach Süddakota bei dem Anblick der unendlichen
Öde der Prärie tot zusammenbrach.
Soziologen sind der Ansicht, dass die psychischen Wirkungen solcher
"Passagen" in den folgenden Generationen immer noch
nachwirken. Und wie sollte es auch anders sein? Die Schwarzmeerdeutschen,
die in Russland ein geselliges Landvolk gewesen waren, fanden
sich isoliert in weitverstreuten "Heimstätten"
(Anwesen) wieder. und zum zweiten Mal innerhalb von 200 Jahren
fanden sie sich darüber hinaus in eine Steinzeitvergangenheit
katapultiert, in ein Prärie-Grenzland, wo der goldene Traum
von Amerika wie eine verrückte Illusion erschienen sein mußte.
Andere ethnische Gruppen, wie z.B. die südafrikanischen
Buren, erzählen in ihren "vortrekker Sagas" mit
Stolz über ihre Geschichte. Die Schwarzmeerdeutschen zogen
es vor zu vergessen. Kaum jemals sprachen sie über den persönlichen
Preis, den sie der entschlossene Sprung in die Neue Welt gekostet
hatte. Wenn überhaupt, dann gelangten nur spärliche
mündliche Berichte über diese doch so heroischen Leistungen-
die Besiedlung der letzten Grenze in Amerika - an die Nachkommen.
Später trugen zwei Weltkriege gegen einen deutschen Feind
noch zusätzlich zu den zwiespältigen Gefühlen über
ihr deutsches Erbe bei.
Es ist daher nicht zu verwundern, dass viele Nachfahren von Schwarzmeerdeutschen,
die immerhin 30 bis 40% der Bevölkerung von Norddakota ausmachen,
nur selten in persönlichen Worten über ihr reiches Erbe
sprechen. Ebensowenig ist es verwunderlich, dass 50 Teilnehmer
an dieser persönlichen Odyssee die Landung in Deutschland
gespannt erwarteten, so dass sie selbst die Gegend erkunden konnten,
wo diese ganze Geschichte ihren Ausgang genommen hatte.
Schwimmen im "Gen-Pool"
In der ersten arbeitsreichen Woche, mit einem Standquartier in
einem Hotel in Stuttgart, besuchte die Reisegruppe Einrichtungen,
in denen das Leben der Schwarzmeerdeutschen dokumentiert wird.
Dazu gehören das Bessarabische Heimatmuseum und die Landsmannschaft
der Rußlanddeutschen.
Was noch wichtiger war: es gab eine Busfahrt, auf der Teile der
Urheimat (im englischen Text: "ur heimat") in Süddeutschland
und im französischen Elsass aufgesucht wurden. Dies waren
die ursprünglichen Regionen, seinerzeit übervölkert
und von Kriegen verwüstet, aus denen deutsche Bauern und
Handwerker zwischen 1804-1862 auf Einladung der Zaren nach Südrußland
auswanderten.
Im elsässischen Dorf Cleebourg schienen Zeit und Sprache
auf seltsame Weise zusammenzurücken. Es gab Mitreisende,
die sich ohne Mühe mit den Einheimischen in einer gemeinsamen
Muttersprache unterhalten konnten, und zwar in demselben altertümlichen
Dialekt mit seinen melodischen Nuancen, den viele von ihnen als
Kinder in der amerikanischen Prärie kennen gelernt hatten.
In Stuttgart wurde es den Teilnehmern der Reise auch rasch bewusst,
dass das Sammelbecken der schwarzmeerdeutschen Ahnen nicht groß
ist. Bei den Gesprächen am Frühstückstisch, in
der Hotelhalle, oder im Bus entdeckten sie die labyrinthischen,
durch wechselseitige Heiratsverbindungen geprägten Verhältnisse
des schwarzmeerdeutschen Familienlebens. Sie zählten auf,
"wer wen geheiratet hatte", und dabei kam manchmal heraus,
dass sie irgendwie miteinander verwandt waren. Auch der Verfasser
war hier keine Ausnahme, er entdeckte, dass das Netz seiner eigenen
Familie weit gespannt war. Mindestens ein Dutzend seiner Mitreisenden
gehörten auf die eine oder andere Weise zur Familie.
Das große Finale des Besuchs in Stuttgart war das "Bundestreffen".
Dort drängten sich in riesigen Kongresshallen mehr als 50,000
russlanddeutsche Aussiedler. Sie waren Nachkommen derer, die statt
nach Amerika auszuwandern, in ihren angestammten Dörfern
in Russland geblieben waren. Einige waren Verwandte (im engl.
Text: "verwanten"), denen Gruppenteilnehmer zum ersten
Mal begegneten. Alle waren von den Wogen des Zweiten Weltkriegs
nach Deutschland gespült worden, oder sie waren nach dem
Zusammenbruch des Kommunismus dorthin zurückgekehrt - manche
erst im vergangenen Jahr, aus der Nachkriegsverbannung in die
fernsten Ränder des alten sowjetischen Imperiums.
Der Informationsstand der NDSU Libraries beim Bundestreffen,
der von Mitgliedern der Gruppe besetzt war, trug dazu bei, dass
diese Schwarzmeerdeutschen zu ihren amerikanischen Verwandten
Kontakt aufnehmen konnten. Aber in einem gewissen Sinn sind diese
Aussiedler ein verlorenes Volk, die abgebrochenen Zweige des Stammbaums,
oft von Deutschen wie von Russen verachtet. Die jüngere Generation
jedoch erscheint als eine Verbindung der beiden Kulturen, wie
sich dies sinnfällig bei einigen Deutschen aus Sibirien zeigte,
die mit blitzenden Goldzähnen in unsicherer kyrillischer
Schrift die deutschen Namen ihrer vormaligen deutschen Dörfer
auf Zettel kritzelten.
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Ein Mitreisender, Bruder Placid Gross, Richardton, North
Dakota, mit Antonia Welk Iwanowa aus Selz in der Ukraine.
Antonia ist verwandt mit dem ehemaligen Bandleader Lawrence
Welk. (Photo: Michael Miller) |
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Beim Bundestreffen der Russlanddeutschen in Stuttgart
(Deutschland). Ron Vossler ist einem Aussiedler aus Sibirien
behilflich, Kontakte mit Verwandten in Nordamerika herzustellen.
Vossler aus Grand Forks, ND, ist der Verfasser dieses Berichts
für "Horizons". (Photo: Michael Miller) |
Nach dem Bundestreffen brach unsere Gruppe zum Flug in die Ukrainische
Republik auf und folgte in der Luft ungefähr dem Überlandweg,
den unsere Vorfahren zweihundert Jahre zuvor gezogen waren: über
Tschechien, die Slowakei, die Karpaten streifend und dann dem
gewundenen Lauf des Dnjestr folgend.
Südlich von Kischinew entrollte sich die Steppe zum ersten
Mal vor unseren Blicken bis weit in die dunstige Ferne. Dort,
rund um die Dörfer waren goldene Vierecke zu sehen: Winterweizen-
und Roggenfelder, die in dem fruchtbaren Boden von Südrußland
reiften, in einem Gebiet, das heute zu Moldawien und zur Ukraine
gehört. Dorthin waren einst unsere Ahnen durch zaristische
Manifeste, die ihnen Freiheit und Landbesitz versprochen hatten,
gelockt worden. Dort, fern von europäischer Zivilisation
geschah es, dass sie in den ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts
deutsche Dörfer gründeten- Inseln im weiten Meer Russlands.
Odessas verblasste Schönheit
Unsere Maschine setzte mit einem heftigen Ruck auf einer Landebahn
auf, die einer schlecht gewarteten engen Straße auf dem
Land glich. Man konnte sich nur schwer vorstellen, dass wir einst
die Sowjetunion fürchteten, angesichts der Zollbeamten, die
gleichermaßen armselig und gelangweilt wirkten. In einer
sich langsam vorwärtsschiebenden Reihe wuchteten wir unser
Gepäck samt dem Unterrichtsmaterial für die Schulen
durch die Räume des Flughafengebäudes. Das schwache
Licht und ihr schadhafter Zustand bewog einige Teilnehmer dazu,
Geschichten über das Farmleben zu erzählen, weil sie
sich so sehr an Scheunen in der Prärie erinnert fühlten.
Sie gedachten der Ritte zu ländlichen Schulen und zum deutschen
Konfirmationsunterricht um die Jahrhundertmitte.
Nach dem düsteren Flughafen schien Odessa in hellstes Sonnenlicht
getaucht. Es ist eine Millionenstadt, deren noble Architektur
von einem Ring stalinistischer Appartement-Hochhäuser eingefasst
wird. Im Stadtzentrum gab es jahrhundertealte Gebäude mit
einstmals reich verzierten bröckelnden Fassaden. Schmiedeeiserne
von Weinlaub umrankte Balkongitter waren vollgehängt mit
Wäschestücken und Wolldecken. Zerbeulte gelbe Straßenbahnen
und Dieselöl spuckende Busse bahnten sich ihren Weg durch
überfüllte Straßen.
In unserem Standquartier, dem Chornoye More, dem Schwarzmeer
Hotel, erwachten wir am Morgen, wenn der Wind die Vorhänge
ins Zimmer wehte, schwer vom Geruch der Steppe und des Meeres.
An den Abenden konnte man von den Hotelfenstern und Balkonen aus
entlang des östlichen Horizonts die Wasser des Schwarzen
Meeres wahrnehmen.
Erkundung der Enklaven
Unsere Reise wurde begleitet vom Team der Präirie Public
Television, deren Kameras die Höhepunkte für eine geplante
Dokumentarserie über die schwarzmeerdeutschen Reiseerfahrungen
festhalten sollten. Hinzu kamen Fahrer, Fremdenführer und
Dolmetscher, die die Gruppe während der nächsten Woche
zu den fünf Enklaven begleiten sollten, die Deutsche einst
im alten russischen Kaiserreich gegründet hatten.
Für diejenigen Teilnehmer, die in der Prärie aufgewachsen
waren, brachten diese Fahrten teils vertraute, teils befremdliche
Eindrücke mit sich. Als wir einmal einen gewundenen Pfad
entlangholperten, zwischen den Dörfern Rohrbach und Johannestal,
schien es uns, als führen wir einen Feldweg entlang.
Ein andermal, als wir uns auf einer Straße ohne Bezeichnung
verirrt hatten, taten Reisende das, was jeder Präriebewohner
in dieser Situation tut, sie bestimmten die Position nach dem
Sonnenstand.
In der Enklave von Glückstal bei Kassel gab es weite Täler
und abgerundete Hügel, ganz so wie in Teilen des westlichen
Nord Dakota. "Wo ist Hazen?" scherzte einer. In Bessarabien
schienen die Täler tiefer eingeschnitten zu sein, und in
den Dörfern fanden sich eingesunkene Hofmauern und Zäune
aus Flechtwerk, die den Ortschaften ein älteres und abgeschiedeneres
Aussehen verliehen.
In den Enklaven von Liebental und Kutschurgan, nicht weit von
Odessa, lagen die Dörfer in zahlreiche Wein- und Kirschgärten
eingebettet. Diese Dörfer konnten sich auch intakter Reihen
deutscher Häuser rühmen, die noch so dastanden wie vor
hundert Jahren, mit in Stuck gearbeiteten Familiennamen, wie z.B.
"Gotz" unter dem Dachfirst.
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Amerikanische und deutsche Verwandte bei der Zusammenkunft
im Heim von Melita und Andreas Karcher in Göppingen, Deutschland.
Von links nach rechts: Leo und Frieda Brosowski, Mildred Thurn,
Leah und Harold Grasmick, Herb Thurn, Melita und Andreas Karcher
und ihre Tochter Melitta. Leah Grasmick, Lodi, California
und Herb Thurn, Bismarck, ND, sind Geschwister. Ihre Mutter
kam in Deutschland zur Welt. Frieda und Melita sind Cousinen
zweiten Grades. (Photo: Herb und Mildred Dockter Thurn) |
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Eine Ukrainerin schneidet Brot auf die alte Weise in
der Glückstalenklave in Kassel. (Photo: Elaine Becker Morrison) |
Ein Lied schlägt Brücken
Für den Verfasser ereignete sich der bewegenste Augenblick
der Reise in Alt Postal, in Bessarabien, wohin unsere Gruppe von
Vera Wolchow begleitet wurde, einer älteren Frau, deren Vater
ein Schwarzmeerdeutscher war, der eine Leidenszeit durch die traurige
Geschichte Bessarabiens erlebt hatte.
Es war ein heißer Tag. Wir hatten uns gerade im Friedhof
umgesehen, wo viele Vorfahren des Verfassers begraben lagen. Teilnehmer
der Gruppe fanden sich, bereit zum Aufbruch, gerade am Bus ein,
der im gesprenkelten Schatten von Bäumen geparkt stand. In
diesem Augenblick schwang sich eine zitternde Stimme in die Stille.
Es war die alte Vera, die da allein sang.
Bald gesellten sich die Stimmen zweier Teilnehmer dazu. Gemeinsam
erklang das Lied: "Gott isch die Liebe" (so im Text
deutsch zitiert), das Lied der Schwarzmeerdeutschen auf dem Sterbebett.
Oft waren diese Worte die letzten auf den Lippen derer, die die
Welt verließen, in diesem oder im letzten Jahrhundert, in
der Ukraine, in der Öde Sibiriens, im asiatischen Kasachstan
oder in Dakota.
Als diese klagenden Stimmen sich vereinten - solch trauervolles
Singen hatten die Schwarzmeerdeutschen von den Ukrainern in der
Steppe gelernt - fühlte sich der Verfasser in seinem Inneren
tief berührt. Für einen Augenblick schien der hohe wolkenlose
ukrainische Himmel der christliche Himmel des Präriegebiets
zu sein. Die Akazien verwandelten sich in im Winde säuselnde
Pappeln. Und die Stimmen waren die Stimmen aus der Kindheit an
jenen Sommersonntagen, wenn am Morgen Erweckungsgottesdienste
im "Lehrtabernakel" stattfanden, dem heiligen Ort im
Herzen des evangelischen Landes der Schwarzmeerdeutschen in Dakota,
wo die Menschen auf Stroh knieten um zu beten.
Für viele Mitglieder der Gruppe war der Augenblick bewegend,
wenn sie über eine Hügelkuppe kamen und vor sich das
Dorf der Eltern oder Großeltern liegen sahen oder wenn sie
die staubigen Straßen entlanggingen, auf denen jene einst
gegangen waren, oder ihre Gegenwart noch in den Häusern oder
Kirchen zu spüren, Menschen zu begegnen, die sie noch gekannt
hatten, wie die alte Ukrainerin auf dem Heimweg von einer Beerdigung,
die einst in den 30er Jahren bei den Verwandten des Verfassers
in Tarutino, in Bessarabien, gedient hatte.
Kirchen und Friedhöfe
Zuweilen fanden Mitreisende die Gräber ihrer Ahnen. Im allgemeinen
jedoch waren die Grabsteine, die aus weichem Gestein gehauen und
vom Wetter abgeschliffen waren, unleserlich geworden. Viele Friedhöfe
waren gänzlich verschwunden. In der Nähe eines Dorfes,
an einem Ort, den die Ukrainer "das Tal der großen
Moskitos" nennen, fanden sich nur ein paar Überreste
menschlicher Schädel und Zementbrocken, die in einem Feld
verstreut lagen, das man offenbar mit einem Bulldozer umgegraben
hatte, und für einen nahegelegenen orthodoxen Friedhof platz
zu schaffen.
Im Tschabatal, in der Nähe der Ortschaft Friedental, gab
es aufeinandergestapelt, um eine Vertiefung in der Straße
aufzufüllen, ganze Schichten deutscher Grabsteine. Im Westen
bedeutet das natürlich ein Sakrileg. In der Ukraine jedoch,
wo Friedhöfe und Grabhügel untergegangener Völker
seit langem als natürliche Ressourcen angesehen werden, sind
solche Vorgänge, einer Quelle zufolge, nicht ungewöhnlich.
Mitreisende bemerkten, dass die alten deutschen Kirchen die dörflichen
Landschaften beherrschen. Die hochragende gotische Bauweise wirkt
selbst ohne spitze Türme imposant. Einige Kirchen wurden
in russisch- orthodoxe Gotteshäuser umgewandelt. Während
der sowjetischen Ära hat man sie als Klubhäuser, Kinos,
Kulturzentren oder Getreidespeicher benutzt. Andere haben die
Gemeinden selbst gesprengt, um sie vor Entweihung zu bewahren.
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Drei Mitglieder der Familie Ketterling: LaRose Ketterling
aus Mercer, ND, und Harley Miller, Chehalis, Washington, besuchen
Melita Hochhalter, die in Kassel, Glückstal Distrikt von Odessa,
geboren wurde. Melita und ihre Familie wurden 1943 aus Kassel
evakuiert und lebten bis 1945 in einem Flüchtlingslager in
Polen. Dann schickte man die Familie in ein Arbeitslager nach
Sibirien. Melita und ihre Familie kamen 1972 nach Deutschland
und ließen sich in Herleshausen nieder. (Photo: LaRose Ketterling) |
Nach unterschiedlichen Quellen wurden die meisten Türme
entweder erst in der Chruschtschow-Ära entfernt, oder es
geschah während des Zweiten Weltkriegs, damit sie nicht als
Beobachtungsposten dienen konnten oder noch früher in den
30er Jahren, als Stalin den Zugriff auf das Land verstärkte.
Im Dorf Kassel in der Glückstalregion konnten die Reisenden
feststellen, dass die Dorfbewohner eine gewisse Zuneigung zu der
alten lutherischen Kirche fühlen, obwohl sie nicht von ihren
Leuten gebaut wurde. Lieber als eine neue Schule, sagen die Dorfleute,
möchten sie ihr spirituelles Leben wieder aufbauen nach 70
Jahren kommunistischer Herrschaft. Als sie davon sprachen, dass
diese Kirche eines Tages restauriert werden sollte, erzählten
sie die folgende Geschichte:
Vor etwa eineinhalb Jahrhunderten, als die deutschen Kolonisten
zuerst ihre Kirche bauten, trug jede Familie in Kassel nicht nur
mit ihrer Arbeit dazu bei, sondern auch mit großen Mengen
von Milch, Eiern und Honig. Mit Hilfe dieser Naturalien wurde
ein dauerhaftes Baumaterial zum Bau der Kirchenmauern gemischt.
Neuere Strukturen sind zerfallen, aber diese Mauern sind von Dauer,
mehrere Fuß dick und genauso solide und standfest wie am
Tag ihrer Erbauung. "Geht hin und schaut selbst!" sagten
die Dorfbewohner und deuteten auf die Kirche.
In den Dörfern der Vorfahren
Einstmals gab es mehr als 3,000 Dörfer von Deutschen in
Russland. Von diesen brachen nach dem Beginn der Russifizierung
in den 80er Jahren die meisten Einwanderer auf, um sich in Dakota
niederzulassen. In den Dörfern aber blieben die Anverwandten
der Dakotadeutschen zurück und mussten den Bürgerkrieg,
den stalinistischen Terror, Hungersnöte und die Kollektivierung
erdulden.
Und schließlich wurde zu Beginn der 40er Jahre das alte
leben aus jenen Dörfern gänzlich hinweggefegt und geriet
in Vergessenheit. Die Schwarzmeerdeutschen wurden von der sowjetischen
Armee mit Gewalt nach Sibirien und Kasachstan verschleppt; oder,
wer mehr Glück hatte, zog unter dem Schutz des eingedrungenen
deutschen Heeres in Trecks nach Westen, nach Polen oder zurück
nach Deutschland. Nun leben Angehörige anderer Nationalitäten
in jenen Dörfern; die letzten Ankömmlinge wurden aus
dem Gebiet der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl evakuiert.
Und dennoch sind einige ursprüngliche deutsche Häuser
stehen geblieben. Ihre Dächer sind gedeckt mit den alten
orangefarbenen glasierten Dachziegeln (im eng. Text: "dachsiegels").
Die Wände sind dick, die Fenster tief eingesetzt. Manche
umgibt eine Sandsteinmauer, die mit blau gefärbtem Mörtel
beworfen ist, und alte Dorfbewohner lehnen sich auf ausgedienten
Bänken sitzend daran, ganz so, wie einst unsere Vorfahren.
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Mel Maier (links) aus Bismarck, ND, beim Betrachten
alter Photos zusammen mit einem Verwandten, der kürzlich
aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert
ist. |
Vieles, was man sehen oder als Struktur wahrnehmen konnte, schien
denjenigen vertraut zu sein, die die Großen Ebenen Amerikas
kennen. Im Beresaner Dorf Johannestal stiegen beißende Gerüche
von viereckigen Misthaufen (im eng. Text: "mischt")
auf, die ganz in der Nähe einiger Häuser trockneten.
Es handelt sich dabei um Dung, der mit Stroh gemischt und in Blöcke
geschnitten wird und als primitives Brennmaterial, wie seinerzeit
auch in den Grassodenhäusern in Dakota verwendet wird.
In den Höfen einiger ukrainischer Häuser standen Sommerküchen.
In Bessarabien gab es "vorhausias", schattige, mit Weinlaub
bewachsene Lauben an der Vorderseite der Häuser. In der Enklave
von Beresan konnte man auch viele außerhalb der Häuser
errichtete Vorratskeller mit abgeschrägten Dächern sehen.
"Sturm Keller" nannten wir sie in der Umgebung von Wishek,
in Norddakota.
Einige Teilnehmer übernachteten in den Häusern von
Ukrainern. Sie nahmen teil an den Mahlzeiten, von denen die Kinder
zuweilen ausgeschlossen blieben, ein Brauch, den ältere Nachkommen
von Schwarzmeerdeutschen noch kennen. Der Speiseplan konnte auch,
wie bei den eigenen Prärie-Großeltern, "bokklajohna"
(=Tomaten) oder "kartoffellin" oder Blintzes enthalten,
die mit Quark gefüllt waren, und mindestens so aussehen wie
die schwarzmeerdeutsche Köstlichkeit "Blachenda".
Bei einer dieser Mahlzeiten drückte eine Ukrainerin den
runden Brotlaib an die Brust, führte das Messer rund um das
Brot und schnitt auf diese Weise dicke Scheiben ab- so dass sich
manche Amerikaner daran erinnert fühlten, wie ihre eigene
Mutter oder Großmutter das Brot geschnitten hatten.
Die Erkundung von Odessa
Mit dem Staub von den Dörfern der Ahnen an den Schuhen und
immer noch mit dem Duft von Kamillen und Wermut von den wuchernden
Baschtan-Gärten in der Nase; mit inneren Bildern von Vieh-
und Gänseherden und Kornfeldern, wo John-Deere-Mähdrescher
gestaffelt in stummen Reihen standen - kehrten die Reisenden jeden
Abend nach Odessa zurück.
Viele besuchten Weltklasse-Opern oder Ballette. Es schien wie
ein Traum, wenn man in den Plüschsesseln des goldverzierten
Opernhauses von Odessa sass, während die auf- und abwogenden
Stimmen der Sänger das überreich verzierte Gebäude
füllten; auch war es eine Art von Kulturschock, wenn man
am selben Tag aus den altertümlichen Dörfern kam, wo
die Alten Feuerholz herbeischleppten und zum Staatsinstitut für
Polytechnik ging, um über World Wide Web elektronische Nachrichten
über die Reise einzugeben.
Während des Aufenthalts in Odessa gab es auch Stadtrundfahrten
einschließlich des Besuchs der Potemkinschen Treppe am Hafen,
der Denkmäler berühmter Künstler, z.B. auch Puschkins,
bis hin zu dem düsteren Denkmal für den "Großen
Vaterländischen Krieg", auf dessen glänzenden Marmorplatten
frische blutrote Blütenblätter lagen.
An den Abenden im Hotel fanden Programme statt, bei denen Studenten
in farbenfrohen Volkstrachten ukrainische Musik spielten. Außerdem
wurde eine Pressekonferenz abgehalten, zusammen mit einem Seminar,
wobei die Reiseteilnehmer ihr Interesse an den alten Dörfern
ihrer Vorfahren einer Zuhörerschaft von Studenten und Reportern
erläuterten.
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Eine katholische Kirche beherrscht das Landschaftsbild
in Karlsruhe, in der Enklave von Beresan. Während der sowjetischen
Herrschaft dienten Kirchen als Klubräume, Kinos, Kulturzentren
und Getreidespeicher. |
Während des gesamten Aufenthalts in der Ukraine verteilten
die Teilnehmer eine beträchtliche Menge an Schulmaterial
in den verschiedenen Dörfern der Enklaven, das sie in ganz
Amerika gesammelt hatten. Andere brachten dringend benötigte
Medikamente in die Krankenhäuser von Odessa und Tarutino.
Die engagierten Genealogen der Gruppe besuchten die Archive von
Odessa, wo verschiedene Ausweispapiere und offizielle Dokumente
der Schwarzmeerdörfer aufbewahrt werden.
Als unsere Zeit in Odessa allmählich zur Neige ging, unternahmen
wir noch einen Tagesausflug nach Peterstal, einem Container-Dorf,
wo Deutsche, die während des Zweiten Weltkriegs nach Sibirien
und Kasachstan verbannt waren, versuchen, sich wieder anzusiedeln.
Es handelt sich um ein Joint-Venture, das durch die deutsche Regierung
mit der Unterstützung durch Arbeit und Material durch die
Ukrainische Republik ins Leben gerufen wurde, in dem Bemühen,
die Rückwanderung von Aussiedlern nach Deutschland zu begrenzen.
Hier, in einer neu errichteten Wirtschafts- und Industriezone
produziert eine Bäckerei wöchentlich mehrere tausend
Laibe Brot. Während einer kleinen Feier nach dem Essen versicherte
der Organisator der Reise, Michael Miller, den Versammelten: "Wir
Schwarzmeerdeutschen in Amerika haben unsere sibirischen Brüder
und Schwestern nie vergessen."
Zurück in die Zukunft
Am folgenden Tag flogen wir nach Deutschland. Während unsere
Maschine abermals dem Lauf des Dnjestr folgte, blickten wir zögernd
zurück, etwa so wie unsere Vorfahren, als sie "Mütterchen
Russland" verließen.
Und was hat die Gruppe auf der Reise hinzugelernt? Haben sie
eine Antwort auf diese Fragen gegeben? Jeder einzelne mag etwas
anderes zu erzählen haben. Vielleicht fühlen sie sich
tief dankbar für die schicksalhafte Entscheidung ihrer Großeltern,
nach Amerika auszuwandern, eine Wahl, die sie in Dakota und nicht
in Sibirien zur Welt kommen ließ. Oder, wie es einer aus
der Gruppe formulierte: "Große Steine aus dem Prärieboden
klauben, klingt jetzt nicht mehr so schlimm im Vergleich zu dem,
was die anderen Deutschen mitmachten, die zurückblieben."
Vielleicht lernten die Reisenden etwas, was sie eigentlich bereits
wussten, aber sich erst klarmachen mussten: dass die Geschichte,
dass Russland ihren Großeltern, ihren Eltern und letztendlich
auch ihnen seinen Stempel aufgedrückt hat, dass die Vergangenheit,
obgleich begraben, dennoch nicht gänzlich tot ist, dass Grenzen
nicht verschwinden, sondern im Menschen Dauer haben. Oder wie
es der Verfasser an sich erfuhr, dass manchmal die augenfälligsten
Dinge, die man nur einfach übersieht, dem Leben Festigkeit
und Substanz verleihen - so wie der Honig, die Milch und die Eier
in jenen Kirchenmauern.
Hilfe für die Kinder
Die Teilnehmer der Reise im Jahr 1996 waren gebeten worden, ein
zweites Gepäckstück mit Unterrichtsmaterial mitzubringen,
das in Odessa und verschiedenen Dörfern verteilt werden sollte.
Bei den vorausgegangenen Reisen in dieses Gebiet besuchte der
Organistar Michael M. Miller Klassenzimmer in den Schulen und
stellte einen entsetzlichen Mangel nicht nur an Schulbüchern,
Landkarten und Bibliotheksbüchern fest, sondern er sah auch,
daß es an den einfachsten Unterrichtsmitteln wie Bleistriften
und Papier fehlte. Kinder spielten mit zerbrochenen Spielsachen.
Die erste Sendung von Unterrichtsmaterial kam im Juni in der
Ukraine an. Diese Vorräte wurden Lehrern und Studenten zur
Verfügung gestellt; gedacht waren sie für den Schuljahrsbeginn
im September. Es werden jedoch noch viel mehr Dinge gebraucht.
Weitere Vorschläge dazu sind: Atlanten, geographische Karten,
Schreibblöcke, Schreibmaterial von Bleistiften bis zu Kugelschreibern,
Radierer, Bleistiftspitzer, Scheren, Zeichenpapier, Wasserfarben
und Pinsel, Gummistempel und Stempelkissen, Puzzles und Pastelspiele,
Bälle für verschiedene Ballspiele usw.
Spender von Schulmaterial oder Geldzuwendungen an das Projekt:
"Caring Hearts and Sharing Gifts for Ukrainian School Children"
mögen sich an die eingangs genannte Adresse wenden.