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Sie
können mit den Aussiedlern in Stuttgart, Deutschland, wieder nach
Hause gehen
Ronald Vossler, Schreiber
North
Dakota Living Magazine (formerly North Dakota REC/RTC Magazine),
März 1997
Übersetzerin: Alice Morgenstern, München, Deutschland
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Neue Karte der rußlanddeutschen Dörfer bei Odessa, Ukraine.
(Karte mit Genehmigung der Germans from Russia Heritage Collection,
NDSU Libraries, Fargo) |
Mit den Aussiedlern in Stuttgart können Amerikaner in die alte
Heimat kommen.
Ich habe mich oft gefragt: Wie erging es den Schwarzmeerdeutschen,
die nicht wie meine Großeltern und Urgroßeltern in die amerikanischen
Prärien auswanderten, sondern im "Alten Land" in Rußland zurückblieben?
Beim Bundestreffen auf dem Messegelände Killesberg in Stuttgart
im letzten Sommer fand ich endlich die Antwort auf meine Frage.
Obwohl ich in der südlichen Mitte von Nord Dakota, dem Zentrum von
Schwarzmeerdeutschen auf der westlichen Hemisphäre, aufgewachsen
bin, hatte ich noch nie so viele Menschen dieser ethnischen Gruppe
zusammen gesehen. Sie stiegen aus Reisebussen, die kilometerlang
auf beiden Seiten der Strasse parkten. Sie drängten sich auf den
Bürgersteigen. Sie standen in Gruppen beim Eingang. Als der halbe
Vormittag vorbei war, hatten sich mindestens 60,000 Menschen im
riesigen mehrstöckigen Kongressgebäude zusammengefunden.
Im Inneren, vom oberen Stockwerk aus blickte ich auf dieses Menschenmeer.
Viele trugen ihren Sonntagsstaat. Da gab es ältere Frauen mit Kopftüchern,
stämmige, untersetzte Männer mit steifkrempigen Hüten, Frauen in
dunklen Hosenanzügen und irgendwo waren unter ihnen zweifellos auch
entfernte Verwandte von mir, vielleicht Vettern und Kusinen meines
Großvaters oder ihre Kinder und Enkel.
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Eine ältere schwarzmeerdeutsche Frau sitzt an einem Tisch
im Teil Alte Siedlung. |
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Blick auf einen Teil der Kongreßhalle, wo sich mehr als
50,000 Rußlanddeutsche beim Bundestreffen im Juni 1996 in Stuttgart,
Deutschland zusammenfanden. (Foto von Michael M. Miller, Germans
from Russia Bibliographer) |
So hart das Prärieleben auch sein mochte, besser als in Rußland
zu bleiben, war es allemal
Es war für mich ein seltsamer Gedanke, mir vorzustellen, daß ich selbst
einer dieser Aussiedler sein könnte, wenn meine Großeltern in Russland
geblieben wären: einer, der in den fernen Regionen des alten sowjetischen
Imperiums zur Welt gekommen und jetzt in die alte Heimat Deutschland,
die meine Vorfahren vor 200 Jahren verlassen hatten, zurückgekehrt
wäre.
Noch sonderbarer aber war es, mir klarzumachen, dass ich vielleicht
überhaupt nicht mehr am Leben wäre, wie die Million von Deutschen,
die mit 20 Millionen anderer durch die mörderische Politik Stalins
umgekommen waren.
Meine Vorfahren gelangten mit der großen Einwanderungswelle um
die Jahrhundertwende nach Nord Dakota. Damals sehnten sich diese
Pioniere noch oft nach ihren vertrauten Dörfern in Russland, denn
die unendliche Prärie, wo sie ihr Leben auf abgelegenen Bauernhöfen
fristeten, schien sie fast zu überwältigen. Eine Frau erzählte aus
jenen frühen Jahren, nur der Gedanke an den Ozean habe sie daran
gehindert, in die alte Heimat zurückzugehen.
Es war ein schweres Leben für meine Vorfahren: die ersten Jahre
auf der Prärie, ein Leben an Leiden und der Verlassenheit. Dazu
kamen noch: Dürre, Todesfälle unter jungen Menschen, Heuschreckenplagen,
Präriefeuer und Blizzards. Wären sie jedoch wie so viele ihrer Angehörigen
in Russland geblieben, hätten sie noch viel Schlimmeres mitgemacht:
Bürgerkrieg, Militärdienst, Stalins absichtlich herbeigeführte Hungersnöte,
die mörderische Kollektivierungspolitik, wahllose Erschießungen,
Verhöre, Zwangsarbeitslager und Deportationen. Verglichen damit
schienen diese ersten Jahre in den Dakotas, so hart sie auch sein
mochten, doch die Mühen zu lohnen, wenn auch erst für die folgenden
Generationen, die den größten Nutzen von den Opfern der Pioniere
hatten.
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Sebastian Schlosser (auf dem Bild mit seiner Frau Francis
und Familie) kam 1901 nach Amerika und siedelte sich in Emmons
County, North Dakota, an; er wurde 1877 in Strassburg, Kutschurganer
Gebiet, Bessarabien, geboren. Das Foto entstand 1924. Verwandte
vieler Familien blieben in Rußland zurück; jetzt suchen Familien
auf beiden Seiten des Atlantiks nach dem Verbleib und dem Schicksal
ihrer Verwandten. Das Bundestreffen hilft dabei. (Schwarz-weiß
Fotos der ersten Rußlanddeutschen gedruckt mit Genehmigung aus
dem Buch "Researching the Germans from Russia", veröffentlicht
von der Germans from Russia Heritage Collection, NDSU, Fargo).
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Vertraute Gesichter und Dialekte
Dies waren einige meiner Gedanken an jenem Sonntag im Sommer, als
ich mich mit der Menschenmenge befasste und lange Korridore entlangging,
wo an den Wänden Kunstwerke der Schwarzmeerdeutschen hingen, gleichsam
zerbrochene Bilder von blutigen Sowjetsicheln und Schaftstiefeln,
die über leblose hingestreckte Gestalten in dunkler Landschaft stampften
und die nur zu lebendig die Geschichte dieser ethnischen Gruppe in
Russland zur Schau stellten.
Im Kongressgebäude waren in der Abteilung "Alte Siedlung" lange
Tische aufgestellt, um dort ehemalige Einwohner der ursprünglichen
deutschen Siedlungen in der Ukraine vor deren Auflösung im Zweiten
Weltkrieg zusammenzubringen.
Ich fühlte mich an den "Sauerkraut-Tag" in meiner Kindheit in
den 50er Jahren in Wishek, ND, erinnert. Die Frauen mit den breiten
Gesichtern, den typischen Zügen dieser ethnischen Gruppe, erinnerten
mich an meine Tanten und Grosstanten und die wortkargen o-beinigen
Männer an meine Onkel. Alle sprachen den melodischen aber rauhen
deutschen Dialekt, den ich so gut aus meiner Jugendzeit kannte.
Für mich war das wie eine Reise in die Vergangenheit; diese Leute
schienen mir so vertraut und doch so verschieden. Denn es wurde
mir plötzlich bewußt, dass sie, anders als meine Grosseltern, nie
in Amerika gelebt hatten; ihr Leben hatte in den deutschen Kolonien
in der Ukraine begonnen, dann waren sie durch den Zweiten Weltkrieg
in alle Winde verstreut worden, zu Gehöften im Warthegau in Polen
und später in Lager in Deutschland geschickt, nach dem Krieg wurden
sie "repatriiert" und zurück in die Sowjetunion gebracht, wo man
sie zwangsweise ins Exil in die Berge des Ural, nach Sibirien oder
nach Kasachstan schickte. Nun waren sie hier wieder in Deutschland,
dem Land ihrer und meiner Vorfahren, die es vor 200 Jahren verlassen
hatten.
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Schwarzmeerdeutsche am Kutschurganer (Mannheimer) Tisch
in dem Teil Alte Siedlung. Für diejenigen, die Informationen
über Verwandte suchen, weisen Schilder auf den Tischen auf die
russischen Heimatorte der Vorfahren. |
Auf der Suche nach Verwandten
Am amerikanischen Stand, den die North Dakota State University Libraries
eingerichtet hatten, standen schwarzmeerdeutsche Aussiedler Schlange,
um Hilfe bei der Suche nach Kontakten mit amerikanischen Verwandten
zu finden, die sie während der stalinistischen Säuberungsaktionen
der 30er Jahre verloren hatten.
Sie hatten kleine, durch den Krieg und das Exil beschädigte Gegenstände
mitgebracht. Sie zeigten alte Fotografien, die mit unbewegten Mienen
denen der Verwandten glichen, die sich vor den Grassodenhäusern
auf der amerikanischen Prärie hatten fotografieren lassen. Wie heilige
Reliquien drehten sie zerrissene Briefumschläge aus der Zeit der
Jahrhundertwende zwischen den Fingern, auf die Adressen in alter
deutscher Schrift gekritzelt waren und Anschriften von Verwandten
in Kansas, Idaho oder Kulm, ND, trugen.
Auf einmal lehnte sich ein kräftiger sibirischer Aussiedler über
den Informationsstand und sagte: "Ich suche meine amerikanischen
Verwandten. Ich heisse Pius Gross."
"Pius Gross?" fragte der Amerikaner am Stand interessiert, und
seine Stimme wurde lauter. "Aber so heisse ich auch!" Dieses Wiederfinden
kam für beide als Schock. Sie starrten aufeinander wie in einen
Spiegel. Dann aber schüttelten sich die beiden Pius Gross die Hand,
sie hatten denselben Grossvater, und so waren nach einem Jahrhundert
die beiden Zweige der Familie wieder vereint: die einen, die im
Dorf ihrer Vorfahren in der Ukraine geblieben waren und die anderen
mit mehr Glück, die nach Amerika ausgewandert waren und sich in
Logan County, ND, niedergelassen hatten.
Etwas später kam am Tisch mit dem Plakat: Enklave Kutschurgan,
Ukraine, auch für mich eine Art von Verbindung zustande, als ich
einen strammen weisshaarigen Mann fragte, ob er irgendetwas über
die Angehörigen meines Stiefvaters wisse, die Engelharts aus dem
katholischen Dorf Mannheim, die in Russland geblieben waren.
"Die Engelharts? Natürlich!" polterte er, und seine Augen blitzten
in einem alten Zorn auf. "Sie waren meine Nachbarn. Peter und Franz.
Von den Sowjets erschossen. Im Herbst 1937."
Solche tragischen Geschichten hörte ich nur allzu oft beim Bundestreffen;
die immer gleiche tragische Geschichte von Schwarzmeerdeutschen,
die unter den mörderischen Launen von Stalins Sowjetisierungsprogramm
in den 20er und 30er Jahren zu leiden hatten. Später während des
Zweiten Weltkriegs befanden sie sich in einer auswegslosen Lage:
zwischen den Russen, in deren Land sie geboren waren einerseits,
und den einrückenden deutschen Armeen andererseits, deren Sprache
und Kultur sie teilten.
Viele schwarzmeerdeutsche Männer waren Kanonenfutter in diesem
Krieg. Sie kämpften auf der Seite der Russen, und sie kämpften auf
der Seite der Deutschen, und die größten und kräftigsten wurden
zu den SS Divisionen eingezogen, die durch den Krieg an der Ostfront
starke Verluste erlitten hatten.
Einige kämpften auf beiden Seiten. Ein alter Mann, der im Zweiten
Weltkrieg den schlimmen Winterfeldzug vor Moskau überlebt hatte,
(auf wessen Seite, wurde mir nicht ganz klar), zog zwei abgegriffene
und mehrfach gefaltete Fotos als Beweis aus seiner Brieftasche.
Das eine zeigte ihn in einer sowjetischen Uniform mit keck aufgesetzter
Militärmütze, die mit Hammer und Sichel dekoriert war. Das andere
zeigte ihn nach seiner Gefangennahme und der "Repatriierung als
Volksdeutscher" in Wehrmachtsuniform, und an seine Brust war eine
Medaille für die Teilnahme am Winterfeldzug geheftet.
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Zita Dauenhauer Gieser, aus Dickinson, mit erhobener Hand,
Volontärin des beim Bundestreffen von NDSU gesponserten Tisches,
erklärt einem neuen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjet Union,
wie man Verwandte in Nord Amerika findet. |
Auf der nach Suche Überlebenden
An einem anderen Tisch mit einem Plakat, das den Namen des Geburtsorts
meines Großvaters in der Enklave Beresan in der Ukraine trug, näherte
ich mich einigen grauhaarigen Frauen, die mich misstrauisch musterten.
Es war der gleiche Blick wie in früheren Jahren in meinem Heimatort,
als ich versucht hatte, Zeitungen von Haus zu Haus an ältere Menschen
zu verkaufen, die keine Abonnements wollten.
"Mein Großvater, Henry Woehl, wurde in Rohrbach geboren", sagte
ich und wies auf das Plakat. "Er ging als junger Mann nach Amerika."
Sie runzelten die Stirn. Sie schienen verwundert über mich zu
sein. Was wollte dieser Fremde? Wieso sprach er ihren Dialekt mit
amerikanischem Akzent?
"Keine Woehls hier", sagte die eine. "Amerika?" fragte eine andere
Frau auf deutsch. "Sie meinen, man spricht unsere Sprache in Amerika?"
"Ganz gewiss", sagte ich auf deutsch. "Das ist eine so schöne
Sprache, die muss man doch sprechen."
Das freute sie ungemein. Ihr Misstrauen schwand. Sie bat, mich,
mit an den Tisch zu setzen. Als ich bei ihnen saß, spürte ich die
alte schlichte Ruhe, die ich bei Besuchen bei meinen Großeltern
in meinem Heimatort in Nord Dakota gefühlt hatte.
Eine alte Frau - ich nenne sie einfach Mathilda - erzählte mir,
dass sie bei jedem Bundestreffen alte Freunde aus der Heimat trifft.
Es ist ein Festtag für die, die überlebten und ein Tag, um für alle
diejenigen zu trauern, die nicht mehr am Leben sind. Sie reden über
ihre Renten, über ihr neues Leben in Deutschland, über das Gefühl
des "Friedens". Sie erinnern sich an den Krieg und an die "Flucht",
an den Trek über Land mitten im Winter, den die zurückweichende
deutsche Armee organisiert hatte und der ihrem alten dörflichen
Steppenleben für immer ein Ende setzte.
Sie weinen. Sie warten auf Familienmitglieder, die sie im Krieg
verloren haben.
Mathilda fragt sich, was aus ihren beiden Onkeln geworden ist,
die seit der Schlacht von Stalingrad vermisst sind, was mit anderen
Verwandten geschah, die vor einem halben Jahrhundert von den Sowjets
mit vorgehaltener Waffe nach Sibirien "verschleppt" wurden. Vielleicht
haben sie die Gulaglager überlebt, redet sie sich ein. Vielleicht
haben sie das Exil in Kasachstan überlebt.
"Man kann nie wissen." sagt sie, und ihre Augen schweifen durch
die Menge. "Vielleicht tauchen sie eines Tages auf. Oder ihre Kinder..."
Auch die Jugend ist mit dabei
Es ist durchaus möglich, daß die Kinder ihrer verschollenen Verwandten
nur einige Stockwerke weiter unten in dem Teil der Kongresshalle sind,
wo sich die Deutschen aus Asien in Großen Hallen, wo es nach Knoblauch,
Wurst und Wodka riecht, zusammengefunden haben.
Wie die meisten, die jüngeren Generationen angehören, wollen sie
nicht über die Dörfer ihrer Eltern und Großeltern reden, die sie
selbst nie gesehen haben. Einige dieser jüngeren Leute, die auch
schon eigene Kinder mitgebracht hatten, sahen ihren Eltern nicht
mehr ähnlich. Als Abkömmlinge von Schwarzmeerdeutschen und Asiaten,
schienen sie die Züge beider Gruppen auf das beste zu vereinen.
Viele waren im oder nach dem Zweiten Weltkrieg in Städten und Regionen
auf die Welt gekommen, wo die Deportationszüge ihre hungernden Eltern
oder Großeltern abgeladen hatten. Es waren Orte mit romantisch klingenden
Namen, wo sie jedoch kein so romantisches Leben führten, wenn sie
Holz fällten oder in Bergwerken Kohle und wertvolle Mineralien abbauten.
Es gab Namen, die das Blut in den Adern der meisten Einwohner der
ehemaligen Sowjetunion stocken ließ: Karaganda, der Ural, Krasnojarsk
oder der schlimmste Ort von allen, die Hölle auf Erden, in der nur
wenige überlebten: Kolyma.
In der letzten Dekade kamen pro Jahr etwa 200,000 Aussiedler mit
ihren Kindern nach Deutschland, bewogen durch die vor kurzem erlassenen
Gesetze, die denen, die im Zweiten Weltkrieg Verluste erlitten hatten,
die deutsche Staatsbürgerschaft und Entschädigungen anboten. Mindestens
2 Millionen ethnischer Deutscher sind deshalb nach Deutschland zurückgekehrt.
Aber dieses moderne Deutschland ist nicht das Paradies. Viele
Deutsche verachten diese Neuankömmlinge und nennen sie "Fluchlinge".
Das ist ein Schimpfwort für die Flüchtlinge, die sie als minderwertig,
als wirtschaftliche Belastung und als Ursache für verschiedene soziale
Probleme ansehen. Nachdem die Aussiedler nach 200 Jahren in der
Fremde deutsch, wenn überhaupt, so doch nicht mehr als ihre Muttersprache
sprechen können, scheinen sie oft eher Russen als Deutsche zu sein.
Trotz und vielleicht auch wegen dieser Sachlage hat die deutsche
Regierung Sozialisierungsprogramme eingeschränkt, einschließlich
der Sprachkurse. Das Ergebnis ist, dass sich jung und alt und selbst
Akademiker, die in Russland ausgebildet wurden, wie Ärzte oder Ingenieure,
zusammen mit Gastarbeitern um die niedrigsten Arbeitsstellen bewerben.
Als die jungen Männer herausfanden, dass ich Amerikaner war, leuchteten
ihre Augen. Es war, dachte ich, vielleicht die gleiche Reaktion
wie bei meinen eigenen Vorfahren in den Steppen während der 80er
Jahre, als sie von kostenlosem Land in der Neuen Welt hörten - wenn
sie jeden Abend auf die untergehende Sonne zeigten und wiederholten:
"Dort naus liegt Amerika."
Ein junger Mann mit einem Pullover über der Schulter schwang beim
Reden eine Bierdose. Er wollte wissen, ob es schwer sei, Englisch
zu lernen. Er habe keine Angst vor der Arbeit. Er habe über Amerika
gelesen und Filme darüber gesehen. Würde ich ihn sponsern? Als ich
seinen Namen und seine Adresse aufschrieb, tat er mir plötzlich
leid.
Er erinnert mich an meinen eigenen Sohn: 18, gut aussehend, sympathisch.
Aber voll von falschen Ideen über Amerika, genauso wie die älteren
Leute, die im Exil in Sibirien oder Asien ihren Kindern den Traum
von einer deutschen Heimat weitererzählen, die sie nie gesehen haben,
einem monarchischen Deutschland lange vor den Weltkriegen, das schon
längst nicht mehr existierte.
Diese jungen Leute teilten ihr Essen und ihren Wodka mit mir.
Sie lachten häufig und tanzten zu lärmender Rockmusik. Und sie hielten
Zigaretten in den Fäusten wie die asiatischen Bauern, die ich in
Indien gesehen hatte. Und auf einmal schrieben einige junge sibirische
Deutsche gleichsam magische Zeichen mit ihrer unsicheren kyrillischen
Handschrift auf das Schild auf dem Tisch, um die deutsch geschriebenen
Namen der elterlichen Dörfer dadurch zu ersetzen. Sie lächelten
zufrieden, so daß ihre Goldzähne blitzten.
Tanz - ein Symbol für Einheit
Als ich in die Abteilung "Alte Siedlung" zurückkam, schien die Atmosphäre
dort geruhlich. Die Musik spielte langsamer, anders. Es gab eine Kapelle
mit Akkordeon und Blasinstrumenten; nur manchmal ging die Melodie
in die bekannten melancholischen Weisen russischer Volkslieder über.
Auf der improvisierten Tanzfläche tanzten Paare und wiegten sich
zu der Musik. Der weißhaarige Mann aus Manheim, der vorher meine
Frage so erregt beantwortet hatte, wirkte besänftigt. Er glitt elegant
mit seiner Partnerin dahin, einer Frau deutschrussischer Abkunft
aus Kalifornien. Auch der Amerikaner Pius Gross war hier und tanzte
mit Frau Kraft, der Schwester seines sibirischen Verwandten, die
ihn fragte: "Danz noch?" Es war eine vorsichtige Frage, so als wollte
sie sich nach einem Jahrhundert der Mühsal und Trennung vergewissern,
ob sie noch zusammen feiern und tanzen könnten.
Es war ein fröhlicher Tanz und er schien zu besagen: Ja - vielleicht
würde für die Aussiedler in Deutschland, der Heimat ihrer Väter,
nach 200 Jahren noch alles gut werden.
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Ein rußlanddeutsches Auswandererspaar an seinem Hochzeitstag:
Frank Jahner (1884-1966) und Agnes Nagel (1891-1984) wurden
am 4. November 1913 in der Trinity Catholic Church westlich
von Strasburg in Emmons County, N.D. getraut. |
Ron Vossler stammt aus Wishek, Nord Dakota, ist freier Schriftsteller
und lebt in East Grand Forks, MN. Vossler, der einen Lehrauftrag
für kreatives Schreiben an der University of North Dakota in Grand
Forks hat, ist für die von den North Dakota State University Libraries
gesponserte Reise: Journey to the Homeland Tour vom 17-31. Mai 1997
als Dolmetscher und Berichterstatter tätig. Die Reisegruppe besuchte
St. Petersburg in Russland, Odessa in der Ukraine und Stuttgart
in Deutschland. Ein Team der Prairie Public Television begleitete
die Reise, um einen Dokumentarfilm darüber zu drehen.
Reisen mit Herz
Im vergangenen Juni flogen zwei Flugzeuge mit Touristen (viele von
ihnen aus North Dakota) und ihrem Gepäck nach Deutschland und in das
Gebiet von Odessa in der südlichen Ukraine (einstmals Teil der UdSSR).
Es waren keine normalen Touristen sondern vielmehr waren die meisten
von ihnen Nachkommen von Deutschen, die Ende der 1700er bis in die
Mitte der 1800er lebten und Landwirtschaft betrieben, später in
die Vereinigten Staaten einwanderten und sich in den Dakotas niederließen.
Es war keine gewöhnliche Reise! Es war eine Reise mit einer Mission:
dringend benötigten Schulbedarf Kindern, die Schulen in deutschen
Dörfern im ehemaligen Gebiet von Odessa besuchen, zu bringen.
Jeder Reiseteilnehmer nahm einen zusätzlichen Koffer mit Dingen
wie Bleistifte, Radierer, Kugelschreiber, Malstifte, Blöcke, Kreide,
Bänder, Spitzer, Scheren, Aquarellfarben und Pinsel, Gummistempel
und Stempelkissen, Klebstoff, Locher und Büroklammern mit.
Michael M. Miller, ein Nachkomme von Rußlanddeutschen und ursprünglich
aus Strasburg, N.D., war selbst Organisator dieser Reise; er ist
Bibliograf für die Germans from Russia Heritage Collection an North
Dakota State University (NDSU) Libraries, Fargo.
Bei der Reise im Jahr zuvor hatte Herr Miller eine typische Schule
im ehemaligen deutschen Dorf Sofiental (heute in Nowosamarka umbenannt)
in der Nähe der Glückstaler Dörfer in Moldavien besucht. Er war
vom Mangel an Schulbedarf wie geschlagen. Die Tische, die die Kinder
benutzten, sagte er, waren mehrere Generationen alt.
Herr Miller unterhielt sich mit den Kindern und gab ihnen Bleistifte
und Kugelschreiber. "Ihre Augen leuchteten, als sie mit einem neuen
Bleistift oder Kugelschreiber schrieben," sagt er. "Ich war traurig,
besonders weil ich nicht genug Kugelschreiber und Bleistifte für
jedes Kind hatte."
Bei seiner Reise nahm Herr Miller mit zuverlässigen Quellen in
Odessa und in den Dörfern Kontakt auf, um sicher zu gehen, daß der
Schulbedarf, der über das Projekt "Caring Hearts and Sharing Gifts
for Ukrainian School Children (Liebevolle Herzen und Geschenke für
ukrainische Schulkinder)" gesammelt worden war, die Kinder und ihre
Lehrer auch wirklich erreichen würde. Dank dieses Projektes wurde
der Schulbedarf und das, was die Reiseteilnehmer persönlich verschenkten,
verteilt, als die Schule im September anfing.
In "Journey to the Homeland News (Reise zurück in die Heimat),"
ein Nachrichtenblatt, das von der Germans from Russia Heritage Collection
veröffentlicht wird, schrieben Dr. Lewis und Dr. Dona-Reeves Marquardt
aus Buda, Texas, (Lew ist ursprünglich aus Linton, North Dakota)
folgendes über einen Tag im vergangenen Sommer, den sie und andere
Mitreisende erlebten, als sie Schulbedarf an Kinder verteilten:
"Als Tische und Bänke voller Kinder, die mit weit aufgerissenen
Augen den heißen, schwülen Klassenraum füllten, überquollen, betraten
elf Nachkommen aus Kutschurganer Dörfern mit Kartons und Taschen
an Schulbedarf das Klassenzimmer. Die Kinder hörten aufmerksam dem
Dolmetscher zu, der genau erklärte wer wir seien und warum wir in
ihr Dorf gekommen seien. Sie lächelten und griffen begierig nach
den kleinen Geschenken und probierten sie sofort aus während wir
Papier, Bleistifte, andere Stifte und andere kleine Schätze verteilten...
"Sie brauchten so viel mehr als wir mitgebracht hatten oder
je bringen könnten. Neue Bilder für die Wände, Tafeln und Kreide,
genug Tische und Bänke, damit alle von ihnen bequem sitzen können..."
Genauso wie der Schulbedarf als Folge der letzten Reise im Sommer
verteilt wurde, wird mehr benötigt, sagt Herr Miller. Was in den
Schulen im Gebiet von Odessa gebraucht wird, sind Karten, Atlanten
und moderne Lehrbücher, so Sherrie Guenthner aus Hazen, die sich
um Stiftungen für dieses Projekt kümmert. Andere Dinge auf der Wunschliste
der Kinder sind Spiele und Puzzles, Ball- und Kartenspiele, Illustrationstafeln,
Malbücher, Nadeln, Faden, Stecknadeln, Kämme, Bürsten und Schmuck
für die Kinder, sagt Frau Guenthner. Ganz besonders gebraucht werden
Kerzen. "Das ist eine absolute Notwendigkeit," sagt sie, "da die
Elektrizität oft ausfällt und sie Kerzen als Licht brauchen."
Sie können sich auch am ukrainischen Schulbedarf Projekt beteiligen.
Sie und ihre Familie, Ihre Schule, Ihre Kirche oder Ihre Organisation
können Bedarf für die ukrainischen Schulkinder, der bei zukünftigen
Reisen verteilt wird, sammeln. Wegen einer Liste an Bedarfsmitteln,
Fristen und andere Information, nehmen Sie mit Michael M. Miller,
"Caring Hearts and Sharing Gifts for Ukrainian School Children,"
c/o Journey to the Homeland Tours, NDSU Libraries, PO Box 5599,
Fargo, N.D. 58105-5599, USA, Kontakt auf oder rufen ihn unter der
Nummer: (701) 231-8416 an. (E-mail: Michael.Miller@ndsu.edu).
Oder schicken Sie eine Spende an dieselbe Adresse und stellen den
Scheck an Journey to the Homeland aus. Einige Kartons mit
Schulbedarf (oder Bedarf, der mit Spenden gekauft wurde) wird während
oder bei den nächsten Reisen, die für Mai 1997 und Juni 1998 geplant
sind, verteilt. Gelder sind ganz besonders erforderlich, um den
gesammelten Schulbedarf an bedürftige ukrainische Schulen zu schicken.
Herr Miller bittet jeden, der zu diesem Projekt beiträgt, seine
Adresse und Namen mit seinem Geschenk beizufügen, da die Schulkinder
gern die Identität des Senders wissen möchten.
Reisen, die für '98 und '99 geplant sind
Diejenigen, die gern beim nächsten Bundestreffen, das für den 6. Juni
1998 in Stuttgart, Deutschland, geplant ist, dabei sein möchten, haben
Glück! Eine Reise Reise in die Heimat, die mit diesem Datum
zusammen fällt, ist geplant, sagt Michael M. Miller, Germans from
Russia Bibliographer an North Dakota State University (NDSU), Fargo.
Herr Miller, der der Direktor für diese Reisen ist, sagt es gibt noch
Plätze für zwei Reisen: eine für 1998 und eine für 1999. Beide Reisen
werden das Gebiet um Odessa, Heimat der Vorfahren von heutigen Rußlanddeutschen
in North Dakota, besuchen.
Wenn Sie mit dabei sein möchten oder mehr Information wollen,
wenden Sie sich an Michael M. Miller, c/o Journey to the Homeland
Tours, NDSU Libraries, P.O. Box 5599, Fargo, N.D. 58105-5599 oder
rufen Sie ihn unter der Nummer (701) 231-8416 an oder email an:
Michael.Miller@ndsu.edu |