| Schwarzmeerdeutsche in North Dakota, USA: Unbekannte
im Westen
By Peter Hilkes
Volk auf dem Weg, Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland,
Stuttgart, Germany, March, 1994, page 4.
Reisende, die die sudliche Ukraine kennen und die zum ersten Mal
in North Dakota sind, warden unwillkurlich an die Bodenbeschaffenehit
und Weite der Landschaft in der Ukraine erinnet. North Dakota mit
ca. 650.000 Einw3ohnern und mit 110878,4 km² fast so grob wie
die neuen Bundeslander, ist heute die Heimat vieler Schwarzmeerdeutscher
und deren Vorfahren, die in dem Bundesstaat ca. 35% der Bevolkerund
ausmachen.
Ende des letzten bis Anfang diese Jahrhundesrts wanderten Deutsche
aus dem Schwarzmeergerbiet, das heute Uberwiegend zur Ukraine gehort,
nach Amerika aus. Politische, religiose sowie okonomische Grunde
waren dafur verantwortlich. Die moisten Deutschen kaem aus den kolonien
Kutschurgan und Gluckstal sowie aus der Umgebung von Odessa. Eureka
im Bundesstaat South Dakota bildete das Zentrum, von dem aus viele
Deutsche, jedoch aunch zahlreiche andere Nationalitatem wie Ukrainer,
Polen oder Tschenchen, nach North Dakota gelandten. Dort begannen
die harten Lebens- und Arbeitsbedingugnen in der Prairie einzurichten.
Insobesondere im westlichen Teil North Dakotas haben die Schwarzmeerdeutschen
einen hohen Bevolkerundsanteil. So sind in Strasburg und Umgebung
ca. 80% Deutsche. Auch in Bismarck, der Hauptstadt North Dakotas,
leben viele von ihnen. Hier ist auch das Zentrum der,, Germans from
Russia Hertitage Societ” (GRHS) mit Buro und Bibliothek. Neben
Material uber die Geschichte der Schwarzmeerdeutschen in der USA
findet man dort auber Buchern und Zeitschriften aus der Bundesrepublik
(z.B.,,Volk auf dem Weg”) auch die ,,Zeitung fur Dich”
aus dem fernen Slawgorod in Westsibirien.
Ungeachtet der Verbindungen nach Deutschland und der zunehmenden
Kontakte zu Rubland oder zur Ukraine wissen Schwarzmeerdeutsche
in North Dakota nur wenig uber die Lebensverhaltnisse der Deutschen
in Kasachstan, Rubland oder der Ukraine. Wie viele andere in den
USA fassen auch sie die nun unabhangigen Staaten noch immer unter
dem Begriff,, Russia/Rubland” zusammen und verweden ihn gleichbedeutend
mit der fruheren Sowjetunion. Es ist uberaus schwer, verstandlich
zu machen, daB ,,Russia” in dieser Form nicht mehr existiert.
Um uber die aktuele Lage der Deutschen in Kasachstan, Rubland und
der Ukraine, die Politik der ForderundgsmaBnahmen dur die dortigen
Deutschen sowie Integration der Aussiedler in der Bundesrepublik
zu informieren, wurde in enger Zusammenarbeit mit Michael Miller
von der North Dakota State University (NDSU) in Fargo, wo sich auch
die,, Germans from Russia Heritage Collection” befindet, und
der GRHS eine Vortragsreise im Oktober 1993 durchegefuhrt, die eine
Reinhe von Vortragen an Universitaten und bei den ortlichen Gruppen
(local chapters) der GRHS sowie einen Abstecher an das ,, Canadian
Mennotie Bible College” in Winnipeg, Canada, einschloB. Dank
der liebenswurdigen und perfekten Organisation der Reise durch Michael
Miller, der in North Dakota nicht nur bei Vortage auf grobe Resonanz.
Ausfuhrliche Diskussionen schlossen sich an jeden Vortrag an, und
nur der nachste Termin beendete sie.
Trotz der groBen geographischen Distanz, diezwischen den Deutschen
in der vormaligen Sowjetunion, der ausgereisten RuBlanddeutschen
in der Bundesrupublic und der Schwarzmeerdeutschen in North Dakota
liegt, lieBen sich bei einem ersten Einblick uberraschen viele Gemeinsamkeiten
entdecken:
-Anghorige der ersten Einwanderergeneration, und teilweise auch
ihre Kinder, wurde nach der Ankunft als ,,Deutsche” bzw. ,,Russen”
bezeichnet. Insbesondere wahrend des Ersten Weltkriegs fuhlten sich
viele Schwarzmeerdeutschen dadurch diskriminiert. Seitdem sprechen
viele in der Offentlichkeit, aber auch untereiander, Englisch. Nicht
selten halten sie ihren Diaekt fur nicht ,,richtiges Deutsch”
und sind der Anischt, daB auch Besucher aus Deutschland sie nicht
verstunden.
- Viele wissen wenig uber die Geschichte der Schwarzmeerdeutschen
und der Rublanddeutschen insgesamt. Uber das Leben im Schwardmeerdeutschen
konnen meist nur diejenigen Konkretes berichten, die dort noch geboren
wurden und im Kindesalter in die USA ausgewandert sind. Da viele
Publikationen uber die Geschichte der Rublanddeutschen in deutscher
Sprache erchienensind, die Mehrheit diese jedoch nicht lessen kann,
bleiben sie ihr vorentalten.
- Viele Vertreter der jungeren Generation sprechen kein Deutsch
mehr, auch keinen Dialekt. Der Gebrauch der deutschen Sprache, d.h.
der von den Einwanderern verwendeten Dialekte, wurde durch die bereits
erwahnte Disdriminierung eingeschrankt und nicht mehr selbstbewubt
an die Kinder weitergegeben. Esberwundert daher nicht, daB dieses
besser Englisch sprachen und im Laufe der Jahre oftmals auch ihre
Dialektkenntnisse vergaBen.
- Glaube und Religionsgemeinschaft sowie die damit eng verbundened
Traditionem spielen fur den einzelnen eine groBe Rolle. Deutlich
wird dies an den engen Bindungen zur Kirche und ihren Vertretern.
- Trotz der schwierigen Anfangsphase sind die Schwarzmeerdeutschen
in North Dakota bis heute wirtschftlich insgesamt erfolgreich. Mit
groBem SelbstbewuBtsein weisen sie, die meist in der Landwirtschaft
tatig sind, auf ihre groBen Farmen und deren Ertage hin.
- Es gibt nur wenige Schwarzmeerdeutsche, die in der politischen
Offentlichkeit North Dakotas eine wichtige Rolle spielen. Hierin
scheint sich die Tradition widerzuspiegeln, daB man es vorzieht,
politischen und gesellschaftlichen Aktivitaten fernzubleben.
- Es gibt nach wie vor Schwierigkeiten, die Identitat als Schwarzmeerdeutsche
an die jungere Generation weiterzugeben. Heir ist von den Alteren
sicher noch mehr Engagement und Motivation notig. Ungeachtet dessen
ist beig den Jungeren das Interesse fur die eigene Geschichte gestiegen.
Wissenschaftler, Studenten und Schuler interessieren sich dafur.
North Dakota als Einwanderunsstaatmit vielen Angehorigen mit (ost)
europaischem Hintergrund bietet heir ein interessantes Forschungsfeld.
Fur die Schwarzmeerdeutschen hat die NDSU eine Sonderstellung, die
sie aucfh im Hinblick auf die jungere Generation fur die Zukunft
nutzen kann.
Hier ist im Laufe der Jahre ein Zentrum zur Erforschung der Geschichte
der Schwarzmeerdeutschen enstanden. Umfangreiche Bibliotheksbestande
und Archivmaterial sowie die ,,Germans from Russia Heritage Collection”
und das ,,Lawrence Welk Archive’’ sind heir v.a. zu
nennen. Durch die Tatigkeit an der NDSU und die rege Offentlichkeitsarbet
insbesondere von Michael Miller sind Anfragen von Schwarzmeerdeutschen
an die NDSU wegen Hinweisen auf ihre Familiengeschicte mittlerweile
alltaglich. Gleiches gilt fur Deutsche, die noch in den Staaten
der vormaligen Sowjetunion leben und beispielsweise nach eventuell
in den USA lebenden Verwandten suchen oder Hinweise uber ihre Familiengeschichte
erhalten mochten. Deutsche, die Tausende von Meilen voneinander
entfernt wohnen, sind someit enger zusammengerukt.
Zwischen der NDSU un dem Osteuropa Insititut Munchen ist eine enge
Zusammenarbeit entstanded, die Vorhaben wie z.N. gemeinsame Publikationen,
Informationen und Forschungsaufenthalte auch in der ehemaligen Sowjetunion
sowie Vortrage und Seminare umfaBt. Auf dem Bundestreffen der Landsmannschaft
im Juni 1994 wird es zuden Schwarzmeerdeutenschen in den USA einen
eigenen Themenblock geben. Diesemsollen weitere Schritte folgen,
die auch und in erster Linie den Rubland-bzw. Schwarzmeerdeutschen
zugute kommen sollen.
Reprinted with permission of Volk auf dem Weg, Landsmannschaft
der Deutschen aus Rußland, Stuttgart, Germany.
|