|
The Germans from Russia: Those who stayed behind
Die Daheimgebliebenen
Die Rußlanddeutschen, die nicht nach Amerika flohen, erlebten schlimme
Zeiten, Tragödien
Bismarck Tribune, Bismarck, North Dakota, December 28,
1997
Von Karen Herzog, Verfasserin
Ubersetzung: Alice Morgenstern, München, Deutschland
English
Manche blieben daheim
Für mehr als ein Jahrhundert hatten fleißige deutsche Einwanderer
hart gearbeitet, um den russischen Boden zu bestellen und Überfluß
aus weiten eurasischen Steppen herauszulocken und Kirchen, Schulen
und Höfe in ihren dörflichen Kolonien zu bauen, die sich wie die
Perlen einer Kette um das Schwarze Meer und entlang der Wolga aufreihten.
Aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts klang das, was die Zaren
sagten, nicht mehr so freundlich und entgegenkommend. Die Deutschen
sollten "russifiziert" werden. Vorbei war es mit dem ausschließlichen
Gebrauch der deutschen Sprache an den Schulen oder mit der Befreiung
vom Militärdienst. In ihren Gebieten gab es kein Neuland mehr, und
das, was noch zu haben war, war teuer. Bleiben oder gehen? Das war
hier die Frage. Die Dakotas sind heute voll von den Nachkommen derer,
die es vorzogen, fortzuziehen. Aber was geschah mit den anderen,
die sich zum Bleiben entschlossen? Mit einem Wort: eine Tragödie.
Betet für uns
Während der 20er Jahre schrieben die Dakota Freie Presse
und andere deutschsprachige Zeitungen über die Leiden der Angehörigen
der Rußlanddeutschen, die in Südrußland zurückgeblieben waren. Von
Bürgerkrieg, Massenexekutionen und weit verbreiteter Hungersnot
wurde in grauenvollen Einzelheiten berichtet. Zwar erzielte der
Weizen in den nördlichen Prärien während der 20er Jahre außerordentlich
schlechte Preise, aber verglichen mit den Beschreibungen ihrer Angehörigen
in Rußland, die die Felder dort nach einzelnen Ähren absuchten,
begriffen sie, wie begünstigt sie doch waren. Das Bild von der alten
Heimat als irdisches Paradies auf der Steppe war ein für allemal
zerstört und wurde allmählich ersetzt durch eine widerwillige Anerkennung
der steinigen Prärien in Nord Dakota.
In den 30er Jahren gab es beunruhigende Berichte, die selbst die
Schwarzmeerdeutschen mit ihren unbewegten Mienen zu Tränen rührten
- Berichte von Säuberungen, nächtlichen Verhaftungen und sibirischen
Arbeitslagern. Die Schwarzmeeerdeutschen in Nord Dakota, von denen
sich viele mit größter Mühe auf ihrem Farmland hielten, weil es
in der Dürreperiode im wahrsten Sinne des Wortes vom Winde verweht
wurde, konnten nur zurückschreiben: "Liebster Bruder, liebste Schwester,
wir haben selbst so wenig und sind hilflos. Betet für uns, ihr Lieben,
so wie wir immer für euch beten werden!" "Steppenvolk"...
Neunundzwanzig deutschsprachige Zeitungen erschienen im Laufe
der Zeit in Nord Dakota. In den 50er Jahren waren sie verschwunden.
Aber mehr als sechs Jahrzehnte lang verbanden sie die Heimwehgeplagten
"weit Verstreuten" deutschsprachigen Menschen miteinander. Blätter
wie die Dakota Freie Presse, die in Yankton (South Dakota),
später in Bismarck (North Dakota) erschien, der Staatsanzeiger
in Rugby (North Dakota) später Bismarck, und die Eureka Rundschau
(South Dakota) veröffenlichten Briefe mit Nachrichten aus dem "alten
Heimatland" in Südrußland - eine ganze Litanei von Krieg, Hungersnot,
kurzen Zeiten von Wohlstand, von Revolution, Enteignung, Vertreibung.
Politik und Geschichte kamen aber immer erst in zweiter Linie, Hauptthema
blieb das eigentliche Zentrum des deutschen Lebens: Das Land, die
Erträge, das Säen, Umgraben, Ernten, die Preise und das Wetter.
In die Worte der Briefschreiber findet sich die Tragödie eingeschrieben
- nämlich das, was den "Kleinen Leuten" widerfährt, wenn sie unter
die Räder der Geschichte geraten. In Bildern, angesichts derer das
Herz erstarrt, enthüllen die Briefe das drückende Gewicht, das ein
totalitäres Regim den Menschen in seiner Gewalt auflädt.
Die folgenden "Briefe an den Herausgeber" wurden in den deutschsprachigen
Zeitungen jener Zeit abgedruckt. Die Daten geben den Zeitpunkt der
Veröffentlichung an. Die Briefsammlung wurde freundlicherweise von
Mike Rempfer, Bismarck zur Verfügung gestellt.
Der Mensch denkt und Gott lenkt
Von Georg Biederstedt, Merricourt, Dickey County, North Dakota (Dakota
Freie Presse, 17. Feb. 1909) "Am 8. März 1890 traten wir die Reise
nach Amerika an...(Nach der Ankunft in Ellendale). Natürlich konnten
wir nur Rasenhütten bauen, denn anderes Baumaterial gab es nicht.
Auch konnten wir noch 40 Acres Flachs säen, aber wir erhielten keine
Ernte, und das war zu Anfang gleich ein harter Schlag. Im Frühjahr
1891 haben wir wieder gesät, aber natürlich alles mit Ochsen bearbeitet,
da Pferde zu damaliger Zeit eine Seltenheit waren. Die Frucht kam
prachtvoll und stand sehr gut bis zur Reifezeit. Da kam ein Hagelsturm
und nahm uns alles. Da war aller Mut und alle Hoffnung dahin und
es wurden schon Pläne gemacht, wieder nach Rußland zurückzukehren.
Aber der Mensch denkt und Gott lenkt.
Im Frühjahr 1892 habe ich mich verheiratet und beschloß, nicht
wieder nach Rußland zurückzukehren. In diesem Jahre bekamen wir
eine gute Ernte, und von da an begann sich alles zum besten zu wenden."
Alles ist weg
Von Karl und Ottilie Biederstaedt, Südrußland (Dakota Freie Presse,
13.3.1917) "Am 5. November erhielten wir Eueren werten Brief. Wir
sind noch alle gesund. Vom Krieg kann ich nichts schreiben, denn
sonst bekommt Ihr den Brief nicht. Aber soviel kann ich Euch schreiben,
daß der Krieg schrecklich ist."
Ein weiterer Brief der Biederstaedts (9.l.1920) "Lieber Bruder!
Da wir schon über fünf Jahre keinen Briefwechsel mehr hatten, so
weiß ich eigentlich gar nicht, was ich Dir schreiben, oder was ich
Dich fragen soll...Wir sind jetzt in Deutschland...Wir flüchteten
aus Rußland und sind mit den deutschen Truppen, welche in Rußland
zur Besetzung waren...von Odessa weggefahren. Vorläufig will ich
Euch nur schreiben, daß wir in Rußland alles hinterlassen haben.
Vieh, Pferde, Haus- und Wirtschaftsgeräte, Haus und Land haben wir
im Stich gelassen. Wenn wir alles berechnen, so haben wir ein Vermögen
von 200,000 Rubel dort gelassen... Christoph, der älteste Sohn,
ist dortgeblieben, ob er noch lebt, wissen wir nicht, denn es sind
sehr viele umgebracht worden durch die Bolschewisten. Wer es nicht
gesehen hat, kann sich gar keine Vorstellung machen, wie sich Rußland
zerfleischt. Heute ist Kerensky mit seiner Partei, morgen ist er
gestürzt. Dann kommen Lenin und Trotsky, Petkura, Denikin, Judenitsch...Bis
Februar wird es schon drei Jahre, daß die Revolution in Rußland
im Gange ist. Es geht aber nur lauter so Gesindel mit, dem es nur
um Raub und Mord zu tun ist. Es gibt keine Arbeiter und Arbeitsgeber,
es sind lauter Towarischtschi (Kameraden). Er hängt sich eine Flinte
über die Schulter und steckt womöglich noch einen Revolver zu sich
und schließt sich einer Bande an, dann geht es aufs Rauben und Morden.
Aber wie hat der unselige Krieg doch alles geändert! Karl ist am
7. Juni 1915 gefallen an der österreichischen Front."
Wie sie die Roten sehen
von Eduard Nill, Deutschland (Der Staatsanzeiger, 22.3.21)
"Gerade die Kolonien Lustdorf und Großliebental (in Südrußland)
sind schwer heimgesucht worden von den Kommunisten. In Lustdorf
sollen nur noch 5 männliche Personen im Dor sein. Die andern sollen
gemordet oder geflohen sein. Mutters Bruder Heinrich ist von den
Kommunisten verhaftet und eingesperrt. Man darf nichts sagen, sonst
wird man als Gegenrevolutionär angezeigt und erschossen.
Da reicht unser bisschen Geld nicht (in Deutschland). Und borgen
können wir hier nichts...Ich würde sofort zurück, wenn ich nur könnte.
Aber mir haben die Bolschewiken nach dem Leben getrachtet."
Wir weinen vor Hunger
von Ludwig Beutelspacher (Eureka Rundschau, 4.5.22) aus dem
Dorf Neu-Beresina "Nun, Ihr werdet ja schon gehört haben von der
großen Hungersnot in Rußland; es sind schon viele Leute gestorben
von Hunger in unserer Gegend. Ich habe noch 1 Pferd und 2 Kühe.
Sie geben für eine Kuh 2 Pud Mehl und so auch für ein Pferd. Wie
lange würde das ausreichen für unsere Familie von 10 Menschen. Wir
haben schon einen Monat lang kein Brot mehr, essen blos Wassersuppe
mit etwas Mehl drinnen...Ich schreibe diesen Brief unter Tränen
mit schwerem Herzen, denn es ist mir kein leichtes zu betteln, aber
der Hunder treibt einen dazu."
Bitte um Hilfe
Von Michael un Christina Bindewald, Neu-Beresina, Südrußland (Eureka
Rundschau, 22.67.22) "Wir sind Gottlob noch gesund, aber nur
noch halb am Leben vor Hunger, denn wir haben nichts mehr zu essen.
Erstens die Mißernte und zweitens wurde uns alles weggenommen...Vieh
haben wir auch keins mehr zu verkaufen, nur noch 2 Kühe sind uns
geblieben. Ich weiß nicht, was das werden wird, wenn kein anderes
Reich darein greift: wir sind dann verloren...Wir haben den ganzen
Winter hindurch nur zweimal in 24 Stunden gegessen, und das kann
ein Mensch nicht aushalten auf lange Zeit. Wir sind unsere 8 Menschen
in der Familie, haben alle mögliche Kleider nach Polen gefahren
und für Brot verhandelt. Wir verbleiben Eure um Hilfe bittende Michael
und Christina Bindewald."
Es ist schwer, die Not zu verstehen
von Margaetha Helm Mehlhoff, Woinitsch, Südrußland (Eureka Rundschau,
22.6.22) "Mein lieber Neffe Friedrich! Da kannst Du dir vorstellen,
was das für eine Wirtschaft ist gegen damals, als Du noch hier warst.
Dann keinen Kern für Aussaat oder Brot...Wenn man nichts sät, kann
man auch nichts Ernten...Mein Sohn Friedrich ist im Krieg gefallen...Bei
uns ist eine schreckliche Teuerung...Und so ist der Hunger schon
da, bis zur Ernte aber noch 4 Monate."
Jeder mußte opfern
von Christine Losing, Neu-Beresina (Eureka Rundschau, 9.11.22)
"Unser ganzes Haus war im Winter an Typhus erkrankt. Wer etwas gesät
hatte, denen habens die Roten weggenommen. Geben mußten alle, gesät
oder nicht gesät."
Dank für die Hilfe
von Johann und Barbara Freier, Neu-Beresina (Eureka Rundschau,
10.12.25) "Vielgeliebte Schwester und Schwager! Euren lieben Brief
haben wir am 9. September erhalten und die 50 Dollars am 19. September.
Wir haben es in 6 gleiche Teile aufgeteilt. Wir haben das Geld genommen
und sind auf den Markt gefahren und haben uns 10 Pud Weizen gekauft,
damit wir auch wieder mal etwas Mehl haben zum Essen. Wir wären
froh, wenn wir das ganze Jahr solches Brot hätten. Aber Gott weiß,
wie es uns noch gehen wird, bis das Jahr herum ist, denn wir haben
gar nichts geerntet, nur einen Schober Hecksen haben wir mit der
Hacke gemacht. Wir haben noch ein Pferd und 1 Rind, das ist alles.
Noch will ich schreiben, daß die Regierung einem jeden Wirt für
5 Deßjatinen Saat gegeben hat und der älteste Mann ging mit aufs
Feld, damit alles gesät wurde."
Ist Blut zu Wasser geworden?
von Johann und Barbara Freier, Neu-Beresina (Eureka Rundschau,
28.1.26) "Es gibt nur fünf Häuser hier, wo keine Kranken sind...Liebe
Schwester, wie froh wären wir, wenn wir Hilfe bekommen könnten,
um uns etwas Mehl zu kaufen, denn verhungern ist ein schwerer Tod.
Ist denn niemand, der ein weiches Herz hat, als nur du allein. Liebe
Freunde, helft uns, ehe es zu spät ist, denn wir sind hungrig, nackt
und blos. Wo ist mein Bruder Heinrich, Bruder Peter Schmidt und
Schwester. Suche sie auf, daß sie uns auch helfen. Ist Blut schon
zu Wasser geworden."
Ich kann nicht betteln
von Christian Troester, Neu-Beresina (Eureka Rundschau, 13.5.26)
"In letzter Zeit schreiben unsere Leute sehr viel nach Amerika und
bitten um Geld. Sie denken wahrscheinlich, in Amerika wachsen die
Dollars auf den Bäumen. So sehr die Not mich auch drückt, ich kann
nicht betteln. Meine Pferde sind so schwach, daß ich sie fast nicht
zum Stall herausführen kann. Wenn man hört, wie in Amerika die Leute
reich (autsch) sind und wir so kümmerlich durchmüssen, dann vergeht
man fast. Unser Gott möge euch vor dem Elend behüten, welches uns
betroffen hat."
Ein schlimmer Bericht In einem Brief, den der Staats-Anzeiger
am 5.11.1926 abdrucht, enthält der Bericht von Christian Moessner
folgenden schlimman Abschnitt: "Johann Heberle, dessen Vater aus
Großliebental bei Odessa stammt, wurde kürzlich, nachdem er schon
beinahe zwei Jahre in Odessa im Gefängnis zugebracht hat, zum Tode
verurteilt als einer der Leiter des Kolonistenaufstands und Teilnehmer
am Morde mehrerer bedeutender Personen und als Flüchtling von der
ersten Verhaftung, wobei er einen Geheimpolizisten verwundete. Das
Urteil wurde kurz nach der Gerichtsverhandlung durch Erschießen
vollstreckt."
So wird man kriminell
von Theodor Roedel, Neu-Beresina (Der Staatsanzeiger, 24.4.28)
"Am 1. Februar hat man in dem Marktflecken einen Zigeuner verhaftet,
der einen Strick gestohlen hatte. Der Strick an sich wäre gar nicht
so wichtig gewesen, wenn nicht am anderen Ende eine Kuh gehangen
hätte, und dafür sitzt heute der arme Zigeuner hinter Schloß und
Riegel. Ich für mein Teil denke, daß es dem heimlosen Zigeuner weniger
um die Kuh zu tun war, als um freies Quartier und Kost, was er sich
nun beides gesichert hat. Es gibt Bösewichte, die solche Streiche
zu dem Zweck ausführen."
Geht der Glauben verloren?
Theodor Roedel (Der Staatsanzeiger, 12. Juni 1928) "Viele
lassen ihre Kirchensitze dick mit Staub werden, so auch ihren Platz
im Himmel. Sie bummeln entweder herum oder besuchen das Fußballspiel.
Ob sie schon daran gedacht haben, daß es in der Hölle kein Fußballspiel
gibt?"
Kein Saatgut erhältlich
Theodor Roedel (Der Staatsanzeiger, 10.7.28) "Ich wollte
heute auf dem Markt von Katarschino ein Pud Mais kaufen, fand aber
keinen. Sonnenblumen, Mais und Hirse sind nur in kleinen Vorräten
vorhanden, welche aller Wahrscheinlichkeit nach den Kommunen, Artellen
und anderen organisierten Wirtschaften zugeteilt werden."
Wieder auf den Feldern
von Heinrich Hermann, Neu-lückstal, Südrußland (Der Staatsanzeiger,
21.6.1929) "Erst am 22. April konnten wir mit unserer Frühjahrssaat
beginnen, (die) nur langsam vonstatten geht. Außerdem sind unsere
Pferde so schwach, daß sie am Tage öfters ausgespannt und gefüttert
werden müssen; oftmals muß man ihnen durch menschliche Kraft auf
die Beine helfen. Unser Winterweizen ist erfroren und deshalb müssen
die Felder mit Sommersaat eingesät werden. Ein Glück, daß unsere
Regierung das Saatgut liefert, denn mit unseren Mitteln könnten
wir uns keine verschaffen."
Man muß mit der Zeit gehen
von Friedrich Kuebler, Neu-Beresina (Der Staatsanzeiger,
13.5.30) "Wir lesen das Blatt sehr gerne (den Staatsanzeiger) und
hören dadurch sehr viel von unseren Freunden und überhaupt davon,
wie die Leute in Amerika leben, wie sie mit dem Auto einen Abstecher
dahin und dorthin machen, wobei leider auch viele Menschen zu Schaden
kommen. Nun, so etwas gibt's bei uns nicht, denn wir haben ein stilles
Alltagsleben und beneiden den Amerikaner kein bisschen wegen seinem
Gasroß.
Ja, es ist alles nicht nur anders, sondern ganz anders geworden,
was alles gelernt werden muß. Wir Neu-Beresiner Bürger verstehen
es, uns in die Zeit und Ordnung zu schicken nach den Losungen: Schicket
euch in die Zeit, denn es ist böse Zeit, und: Jedermann sei untertan
der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.
Wir tun alles, was verlangt wird. Und dem Bürger, der sich fügt,
der treu und ehrlich ist, nichts verheimlicht und nichts versteckt,
keine Spekulation und keine Hinterpolitik treibt, dem Bürger geht's
auch nich schlecht, der hat sein Auskommen und sicheres Leben in
Sowjetrußland.
Ja, aus anderen Dörfern werden sie verschickt, aber glaubt mir,
daß daran der Betreffende immer selbst schuld ist. Ja, die Spekulanten
sind ein schädliches Element und je früher man sie los wird, desto
besser für die Gesellschaft. Und Kulaken, welche der Kollektivierung
keine Hindernisse durch Wort oder Tat in den Weg legten, werden
in Ruhe gelassen. Aber manche dachten, sie seien klüger als die
anderen, und die müssen natürlich eines anderen belehrt werden.
Ja, auch eine Genossenschaft haben wir im Dorfe, einen sogenannten
Kollektiv, dem auch wir unser lebendes und totes Inventar übergeben
haben. Von unserem Kollektiv kann noch gesagt werden, daß er 52
Arbeitspferde und einen Traktor hat. Letzterer arbeitet Tag und
Nacht. Arbeit ist in unserem Sowjetstaat die höchste Zier. Winterweizen
hat der Kollektiv 350 Hektar ausgesät, Gerste und Hafer 60 Hektar,
Kartoffel 40 Hektar."
Hilfe von der Regierung
von Friedrich und Katharina Kuebler, Neu-Beresina (Der Staatsanzeiger,
24.6.1930) "Die Witersaaten schlagen Wellen wie das Meer. Die Viehweide
ist ein wirkliches Paradies, ein Feld von hohem Gras und schönen
Blumen, wie wir solche noch nie gesehen haben. Daß die Weinberge
schön wachsen bei dem Wetter, kann man sich denken.
Weiter wollen wir mitteilen, daß bei uns eine große Schule gebaut
wird, aber nicht von unserem Geld, sondern von der Regierung.
Unser Artel (Kollektiv) macht gute Fortschritte und wird als einer
der besten im Rayon bezeichnet.
Wenn wir schon seit 10 Monaten keinen Küster und keinen Gottesdienst
mehr haben, so sind daran mehrere Leute selbst schuld, indem sie
nicht mehr mitmachten in religiösen Sachen und die Kirche nicht
mehr unterhalten wurde. Die Regierung hat dann den Bau übernommen
und in demselben das Artel untergebracht."
Tag der Kollektivierung
von Friedrich und Katharina Kuebler, Neu-Beresina (Der Staatsanzeiger,
21.11.1930) "Also am Sonntag, den 26. Oktober, vorgestern, haben
wir hier den Erntetag, nämlich den Tag der Kollektivisierung, großartig
gefeiert. Unser Dorf ist jetzt ein sogenanntes rotes Dorf und nennt
sich Kraßna Selo. Es wurden auch die roten Fahnen eingeweiht und
viele Reden gehalten.
Die Gäste haben sich auch alle sehr gefreut, daß bei uns alles
in schönster Ordnung ist. Wollen nun hoffen, daß auch in Zukunft
alles so bleibt wie es jetzt ist.
Das Kollektiv
von Friedrich Kuebler, Neu-Beresina (Der Staatsanzeiger,
10.2.31) "Die Bauern schließen sich immer mehr und mehr in Kollektive
oder Großwirtschaften zusammen und kommen so langsam zu der Überzeugung,
daß die Sowjetregierung allein darauf bedacht ist, das Wohl des
Bauern und Arbeiters zu fördern."
Parteinahme für die Regierung
von Friedrich Kuebler, Neu-Beresina (Der Staatsanzeiger,
3.4.31) "In unserem Nachbardorfe sitzt noch viel ungedroschenes
Getreide auf dem Feld, was wirklich eine Sünde ist, nachdem der
liebe Gott uns eine gute Ernte gegeben hatte. Es ist kein Wunder,
wenn die Sowjetregierung strenge Maßnahmen ergreift, um dieser Mißwirtschaft
ein Ende zu machen, an welcher nur die Gegner des "Fünfjahr-Planes"
schuld haben."
Die Saaten brauchen Regen
von Friedrich Kuebler, Neu-Beresina (Der Staatsanzeiger,
19.6.31) "Die Frühjahrssaaten sind auch in gutem Zustande, nur die
Wintersaat ist schwach; beides braucht Regen und wenn der noch zur
Zeit kommt, dann kann alles eine gute Ernte geben. Der Bauer lebt
eben immer auf Hoffnung und die läßt nicht zu Schanden werden."
Besser als je zuvor
von Christian Haerter, Neu-Beresina (Der Staatsanzeiger,
4.8.31) "Wir hatten noch nie so gutes und so viel Gemüse wie seit
der Bewässerung. Diese und noch andere Einrichtungen haben wir unserer
Sowjetregierung zu verdanken.
Eine weitere neue Einrichtung in unserem Dorfe ist der Kindergarten.
Auf diese Art können Frauen, die viele Kinder haben, solche in den
Kindergarten abgeben und dann ungestört ihrer Arbeit im Heim und
auf dem Felde nachgehen."
Kulaken "ausgeschlossen"
von Christian Haerter, Neu-Beresina (Der Staatsanzeiter,
24.11.31) "Während der Dreschzeit wurde unsere Artel "gesäubert"
und etliche Personen ausgeschlossen, nachdem man sie als Kulaken
entlarvt hat. Darunter sind: Friedrich Küebler, Jakob Nill, Gottlob
Härter, Christian Tröster und Jakob Breitling. Sie wurden aus ihren
Häusern entfernt." (Einige von ihnen sind Schreiber der bisher zitierten
Briefe)
Breitling verstorben
von Mathilde Zimbelmann, Hoffnungstal, Sowjetunion, (Der Staatsanzeiger,
23.9.32) "In Odessa ist der 58 Jahre alte Jakob Breitling aus dem
Leben geschieden. Der Verstorbene hatte früher in Neu-Beresina gewohnt,
jetzt aber in Odessa auf seinem Handwerk mit dem Hobel gearbeitet."
Die folgenden Abschnitte sind dem Buch von Dr. Shirley Fischer
Arends entnommen: The Central Dakota Germans: Their History, Language
and Culture, Georgetown University Press, Washington, D.C., 1989.
Während des Zweiten Weltkriegs suchten die Schwarzmeer- und Bessarabiendeutschen
in ihren alten Bibeln und Dokumenten nach Namen von Verwandten,
die nach Amerika ausgewandert waren.
Krieg herrschte zwischen Deutschland und Rußland, und verzweifelte
Versuche wurden unternommen, an alte briefliche Verbindungen anzuknüpfen,
als die verbliebenen Deutschen nach Hilfe Ausschau hielten.
Emil Bendewald, einer von ihnen, erzählte seine Geschichte 1962
in Deutschland. Sie ist nur ein schreckliches Beispiel für Zigtausende
anderer.
Als nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs im Juni 1940 Bessarabien
an Rußland fiel, wurden die Deutschen aufgefordert, das Land zu
verlassen. Niemand wollte gehen, aber als die Russen begannen, den
deutschen Bauern den Kommunismus zu erklären, merkten sie allmählich,
daß ihnen nichts anderes übrig blieb, obwohl sie es haßten, ihre
Höfe zu verlassen. Am 5. Oktober 1940 machten sich die Frauen auf
den Weg, am 18. Oktober folgten die Männer. 92,000 Menschen brachen
nach Deutschland auf, sie wurden jedoch nach Polen umgeleitet, um
dort das Land zu bestellen, das die Deutschen den Polen weggenommen
hatten. Alle Männer wurden zur deutschen Wehrmacht eingezogen. Die
Frauen und Kinder arbeiteten auf den Feldern in steter Furcht von
polnischen Partisanen, die versuchten, das Land zurückzubekommen,
das den Polen rechtens gehörte.
Am 12. Januar 1945 setzten die Russen zu ihrer großen Offensive
gegen Deutschland an. Am 18. Januar begann die Massenflucht der
Deutschen aus Polen. Die westwärts vorrückende russische Front überrollte
viele Frauen und Kinder, die zu Fuß unterwegs waren. Viele wurden
von den Russen erschossen, der Rest in Viehwagen und nach Sibirien
verbracht. Emils Familie gelang es, nach Deutschland zu entkommen.
Emil selbst hatte das Glück, als Wehrmachtsangehöriger nach Deutschland
zu gelangen. Aber zwei Jahre lang suchte er seine Angehörigen und
fand sie schließlich in Hannover.
Dr. Shirley Fischer Arends schreibt weiter dazu:
Die alten deutschen Kolonien
"Die alten deutschen Kolonien haben für immer aufgehört zu existieren.
Ihre Bewohner leben in Deutschland und in Sibirien. Sie hatten die
Steppe gezähmt, die Felder bebaut, Sümpfe trockengelegt und Obst-
und Weingärten angelegt. Nun gingen sie als Bettler und unerwünschte
Parias fort. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren immer noch 2 Millionen
Deutsche in Rußland zurückgeblieben, Bürger, die einst ihr Hab und
Gut und ihr Leben für das Land ihrer Geburt eingesetzt hatten und
in dem sie hatten bleiben wollen."
"Als Ausländer wurden sie enteignet, als Konterrevolutionäre in
Gefängnisse geworfen und als Verräter in Zwangsarbeitslager nach
Sibirien verschleppt."
S.9/+ Im englischen Text statt Wehrmacht: "air force"
- Irrtum! air force = Luftwaffe
Reprinted with permission of the Bismarck Tribune, Bismarck,
North Dakota.
|