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Four Generations
Die Sprache mag langsam schwinden, aber Arbeitsethos und Glaube
haben unter den Russlanddeutschen noch Bestand
Bismarck Tribune, Bismarck, North Dakota, December 27,
1997
Von Karen Herzog, Schreiber
Übersetzung: Alice Morgenstern, München, Deutschland
English
"Sprechst du Deutsch?"
So wurden in den 50er Jahren Enkelkinder regelmäßig von den Grosseltern
befragt. Manchmal geschah das wehmütig und manchmal streng. Sprachen
diese jüngeren Enkel, die nach dem 2. Weltkrieg geboren waren, überhaupt
noch die Sprache ihrer Grosseltern, der Russlanddeutschen? Fast
immer lautete die Antwort "nein" oder "ein bisschen".
Zehn Jahre vor dieser Zeit war so eine Frage überflüssig; die
Enkel der frühen 40er Jahre sprachen und verstanden deutsch.
Aber die Zeiten hatten sich geändert. Der Babyboom der 50er Jahre
wurde durch Schule, Kino, Fernsehen und zum Teil auch durch die
zweisprachigen Eltern der zweiten Generation amerikanisiert.
Am längsten überlebt das Deutsche in Gegenden wie dem Logan County
oder McIntosh County (North Dakota), sagt Arnold Marzolf, ein emeritierter
Professor der NDSU. Dort waren die ersten Einwanderer zu 90% Deutsche
aus Russland.
Aber selbst dort haben Radio und Fernsehen, Krieg und Beruf und
schließlich auch asphaltierte Fernstrassen die Zahl der Deutschsprechenden
vermindert.
"Und", meint Marzolf, "wenn man die Sprache nicht mehr gebraucht,
geht der grösste Teil an ethnischer Besonderheit verloren."
Nach Marzolf halten nur wenige Menschen heutzutage an der Sprache
fest. Andererseits gibt es viele unter den einstigen `Babyboomers',
die nun in der Mitte ihres Lebens innehalten, zurückblicken und
entdecken, woher sie stammen und wer ihre Vorfahren waren.
Die Familie von Clarence (geb. 1923) und Marilyn (geb. 1932) Baumann
ist in mehrfacher Hinsicht typisch für das Assimilationsmuster,
das das "Hansen Modell" (vgl. die Basisinformation zu diesem Artikel)
beschreibt.
Beide sind ethnisch betrachtet, Russlanddeutsche; von ihren Vätern
und Müttern stammten drei aus Hoffnungstal in Südrussland und kamen
als Kleinkinder nach Amerika. Die über 90 jährigen Mütter leben
in Java, South Dakota, einer Kleinstadt, die, wie Clarence schätzt,
zu etwa 75% von Russlanddeutschen bewohnt wird. Clarence und Marilyn
wuchsen in dem Zentrum der Russlanddeutschen, der "grossen Sauerkrautpyramide"
auf, die sich im Norden bis in das McIntosh County erstreckt und
weiter bis tief nach Rugby und zur kanadischen Grenze.
Die Eltern sprachen ihr Leben lang fast ausschließlich deutsch,
und englisch nur dann, wenn es nicht anders ging. Die Unterhaltungen
wurden im allgemeinen auf Deutsch geführt, sagt Marilyn.
"Auch für uns war deutsch die Muttersprache". Wie viele andere
Kinder von Einwanderern sprachen sie und ihr Bruder kein Englisch,
bis sie in eine Zwergschule auf dem Land kamen. "Das war sehr schwierig
für uns. Wir verfielen immer wieder in unsere alte Gewohnheit".
Marilyn erinnert sich noch lebhaft an die "Tatzen" und Hiebe ihrer
Erstklassenlehrerin, wenn sie wieder einmal mit deutsch daherkam.
Für die vier Kinder im Alter zwischen 46 und 31 Jahren ist das
"Hansen Modell" genauso zutreffend.
Steve (46), Clyde (44), Bill (36) und Amy (31) verstehen deutsch,
sprechen aber nur ein paar Sätze. Und Clyde's fünfzehnjährige Tochter
spricht spanisch, sagt Marilyn lächelnd, "weil sie es in der Schule
lernt."
"Als wir flügge wurden, gaben wir auch mehr oder weniger das Deutschsprechen
auf. Wir haben es nicht vergessen, aber wir haben es nicht mehr
benützt", sagt Clarence.
Aber es macht ihnen weiter Vergnügen, mit Freunden deutsch zu
sprechen, mit ihnen zusammenzukommen und über alte Geschichten,
Redensarten und Witze zu lachen, die jedem Versuch widerstehen,
sie zu übersetzen.
Der deutsche Fleiss hat sich weitgehend in der Familie erhalten,
sagt Marilyn. "Wir haben ein Leben lang hart gearbeitet, denn wir
haben das schon als Kinder gelernt; wir mussten Kühe melken und
auf dem Feld, im Haus und im Stall fest mitarbeiten. Auch unsere
Kinder sind sehr fleissig, aber vielleicht nicht ganz so ausschliesslich
wie wir."
Marilyn bereitet auch noch die Spezialitäten zu, die die Familie
gerne isst: hausgemachte Würste, Hühner- und Gemüsesuppe, Kuchen,
Pfeffernüsse und Gewürzplätzchen. Besonders gerne mögen die Kinder
Honigkuchen; Weihnachten ist nicht dasselbe, wenn es nur die weichen
Plätzchen gab, die im Mund zergehen, sagt sie.
Auch die religiösen Bindungen sind bei den Kindern lockerer geworden.
Früher war es nahezu unerhört, dass ein Katholik eine Protestantin
heiratete oder umgekehrt; die Baumannkinder haben lutherische, katholische
und methodistische Ehepartner. Sie sind alle gläubig, sagt Marilyn,
aber der sonntägliche Kirchgang ist nicht mehr obligatorisch.
Die Germans from Russia Heritage Society in Bismarck unterstützt
jedes Jahr einen deutschen Adventsgottesdienst.
"Aber den wird man sicher bald aufgeben, denn es wird immer schwieriger,
einen Prediger zu finden, der deutsch spricht. Und die Menschen,
die deutsche Lieder singen und die Predigt verstehen können, werden
immer weniger."
"Wir wissen sehr genau, dass wir wohl die Letzten sind, die nach
altem Brauch leben", sagt Clarence, "und deshalb ist es für uns
so wichtig, dass wir so viel wie möglich von unserem Erbe bewahren."
"Und sei es nur, damit die Leute einmal wissen, wer wir waren",
fügt Marilyn hinzu.
Die Familie Baumann ist in vieler Hinsicht typisch, aber in einem
Punkt ist sie einmalig. Der Sohn Clyde tritt seit mehr als zwanzig
Jahren als "Mylo Hatzenbühler" auf, ein russischdeutsches Original,
ein Strassenverkäufer in Ashley, der an den Markttagen Popcorn verkaufte,
und den alle diejenigen sofort wiedererkennen, die mit den Akzenten
und der deutschen Syntax der Sauerkrautpyramide vertraut sind.
Clyde lernte drei Jahre lang Deutsch in der Highschool. "Ich wollte
wissen, worüber die Leute redeten, wenn sie die Sprache wechselten."
"Weil wir so anders als die anderen sind, kann man über uns lachen",
sagt Clyde. Aber er sieht, dass bei seinen Zuschauern das ethnisch
Besondere nicht mehr so ankommt. Die über 50 jährigen haben noch
einen Akzent; "aber in meiner Altersgruppe kommt das nur noch selten
vor."
Der "Mylo Hatzenbühler-Typ", den sich Clyde seinerzeit im College
ausdachte, ist zeitgebunden. Noch eine Generation, und niemand wird
ihn mehr wiedererkennen, er wird mit den lieben Erinnerungen an
die Dialekte und Gewohnheiten der Grossväter verschwinden.
Dann aber wird Mylo ein anachronistischer Humbug, sagt er. Der
Schlüssel liegt darin, dass man die Tradition achtet und darüber
Bescheid weiss. Clyde würdigt, dass die Germans from Russia Heritage
Society nicht eine "Ghettomentalität" verfolgt. "Diese Art von Separatismus
ist nicht ihr Anliegen."
Das ethnische Erbe ist noch vorhanden, aber gleichsam im Untergrund,
in gleichen Wertvorstellungen, sagt Rev. William Sherman, Professor
der Soziologie an der NDSU.
Werte wie zum Beispiel:
Die Vorliebe für die Kochrezepte der Grossmütter, sagt Marzolf.
Wenn die Enkel auf Besuch kamen, dann schlichen sie sich zur Grossmutter.
"Sie verlangten und liebten das Essen, das wir längst nicht mehr
mochten, wie zum Beispiel Knöpflesuppe."
Arbeit: Die Russlanddeutschen waren bekannt dafür, dass sie sparsam
und fleissig waren, sagt Michael Miller, der Bibliograf der Russlanddeutschen
an der NDSU. Dieses Charakteristikum hat sich so stark gehalten,
dass es auch heute noch auf den Prärien des Nordens existiert, sagt
er.
Politik: Man ist stark republikanisch orientiert, oft auch politisch
desinteressiert. Ein gewisses Misstrauen gegenüber politischen Vorgängen
wurde durch die Erfahrungen mit den Herrschaftsverhältnissen in
Russland geprägt, sagt Miller.
Der Glaube: Er ist Grundlage, Quelle und Herz des Volkes, bestätigen
die meisten Experten. Er ist durch all die Jahre eine starke Kraft
geblieben, sagt Miller. Die Menschen unterstützen weiterhin ihre
Pfarreien, auch wenn ihre Zahl abnimmt.
Reprinted with permission of the Bismarck Tribune, Bismarck,
North Dakota.
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