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'The Other Germans' Once Filled the Dakotas
Dakota wurde einst von den "anderen Deutschen" bevölkert
Herzog, Karen. "'The Other Germans' Once Filled the Dakotas." Bismarck Tribune, 26 December
1997.
Übersetzung: Alice Morgenstern, München, Deutschland
English
Man blättere im Telefonbuch von Südzentral- Norddakota, bleibe
bei Ashley stehen und lese der Reihe nach die Namen: Arlt, Bendewald,
Christmann, Dohn, Eberly, Feil, Geist, Haas, Iszler, Jacob, Kempf,
Lehr, Maier, Neu, Oberlander, Pfeifer, Reuter, Schnable, Ulmer,
Volk, Weisser, Zimmermann.
Diese Leute leben weiterhin in dem deutschrussischen Dreieck von
Nord Dakota, das den Spitznamen "die große Sauerkrautpyramide" bekommen
hat. Sie gehören zur 3. und 4. Generation einer Bevölkerung, die
man als Deutsche aus Rußland kennt, "die anderen" oder "Volksdeutschen"
zum Unterschied zu den "Reichsdeutschen", die aus Deutschland selbst
stammen.
Sie sind Nachkommen der Flut von Einwanderern aus Rußland, die
die großen Ebenen und zwar am stärksten die beiden Staaten von Dakota
- von den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts bis zu den 20er Jahren
überschwemmten. Diese Bauern witterten den starken Duft des freien
Landes und kamen gerade noch rechtzeitig vor dem schrecklichen Zusammenbruch
des russischen Imperiums, das langsam in den Geburtswehen der neuen
Sowjetunion zugrundeging.
Ihre Geschichte wäre es wert, im Stil eines breit angelegten James-Michener-Epos
erzählt zu werden, aber die Wanderungen, Leiden und die Ausdauer
dieses zähen und stammesmäßig zusammengehörigen Bauerntums fanden
außerhalb der Großen Ebenen kaum Beachtung.
Mit dem Tod der ursprünglichen Einwanderer etwa seit den 50er
Jahren ist viel an mündlicher Überlieferung verlorengegangen, ebenso
wie die alte Lebensweise. Nun aber bemühen sich einige dieser Nachkommen
aus dem Telefonbuch um die Vergangenheit und wollen die Erinnerungen
und ererbten Bräuche bewahren.
In einem Kapitel des Buches Plains Folk (herausgegeben von William
Sherman und Thorson) schreibt Timothy Kloberdanz, wie alles begann.
Die russische Zarin Katharina die Große und Alexander I. versprachen
1763 und 1804 Siedlern aus dem Ausland freies Land, freie Religionsausübung,
lokale Selbstverwaltung und die Befreiung vom Militärdienst. Das
Manifest von Alexander I. lockte um die 30,000 deutsche Bauern und
Handwerker nach Rußland, wo sie den verheerenden Wirkungen der Napoleonischen
Kriege in den deutschen Heimatländern wie Württemberg, Baden und
der Rheinpfalz zwischen 1804 und 1810 zu entkommen trachteten. Unter
ihnen befanden sich auch deutschsprachige Bauern aus dem französischen
Elsaß.
Sie packten ihre Sachen zusammen, und mit ihren Wagenzügen rollten
sie in die unendlichen Weiten von Süd-Rußland, um dort in Frieden
das Land zu bestellen.
Richard Sallet schreibt in Russian-German Settlements in the
United States, "Die Aufforderung der deutschblütigen Katharina
war dazu gedacht, Einwanderer aus dem Westen in das Land zu bringen,
um dort die weiten Steppen urbar zu machen und einen Schutzwall
von Kolonisten gegen asiatische Stämme zu bilden, die vom Osten
her stets das Land bedrohten."
Diese Pioniere lockerten den nie bebauten Boden der russischen
"Prärie" und mussten dabei plündernde Pferdediebe und hungrige Wolfsrudel
abwehren, extrem kalte Winter, Missernten und alles in allem die
ungeheuere Weite der Steppe ertragen, schreibt Kloberdanz.
Er zitiert ein Sprichwort der Schwarzmeerdeutschen: "Der Erste
hat den Tod, der Zweite die Not, der Dritte erst hat Brot."
Aber Arbeitsethos und Ausdauer lagen in ihrem Wesen. Unter ihrer
Mühe gedieh die Steppe und verwandelte sich in eine reiche Kornkammer.
Aus den ursprünglich 300 deutschen Kolonien (im Schwarzmeergebiet)
gingen schließlich mehr als 3,000 Tochterkolonien hervor, die sich
um das Schwarze Meer und die untere Wolga gehäuft fanden.
Die Zugehörigkeit, die sich aus gleicher Abstammung, gleicher
Sprache und Kultur, ... gleichen religiösen Glauben und Brauchtum
ergab, verband die Deutschen fast 150 Jahre lang eng. Sie hielten
hartnäckig an ihrem Deutschtum fest, obwohl sie umgeben waren von
einheimischen Russen und einem Meer von Steppe.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts jedoch lag ein Wandel in der Luft.
1874 wurde die Befreiung vom Militärdienst aufgehoben, und es hieß,
dass die stolzen ethnischen Deutschen russifiziert werden sollten;
Russisch sollte als Unterrichtssprache eingeführt werden und die
lokale Selbtverwaltung verschwinden. Um die gleiche Zeit berichtete
eine erste Vorhut von Einwanderern, dass Amerika freies Land offerierte.
In einen Passus des Homestead Act von 1862 bot die amerikanische
Regierung 160 acres Land zu einem bescheidenen Betrag denjenigen
Interessenten an, die sich verpflichteten, dort für fünf Jahre mindestens
je sechs Monate zu leben.
Deshalb begannen deutsche Einwanderer abermals von der Mitte der
80er Jahre an ihre Bündel zu schnüren und in die einzigen herrenlosen
Gebiete Amerikas, die zentralen Prärien im Norden zu strömen. Diese
Art Land war für sie nicht neu.
Und Sallet stellt dazu fest: "Ebenso wie die Spanier Texas und
Kalifornien schätzten, die Finnen, Schweden und Norweger die Wälder
und Seen von Minnesota und Michigan, fanden die Russlanddeutschen,
dass die endlosen Prärien der Großen Ebenen im Norden sehr der Landschaft
glichen, die sie in Südrussland aufgegeben hatten."
Neu und beschwerlich war jedoch die Isolation auf weit voneinander
getrennten Farmen. In Rußland hatten sie in Dörfern gelebt und das
umliegende Land bewirtschaftet. Hier dagegen wurden die Präriekirchen
zum Zentrum, gleichsam zum Herz des Gemeinschaftslebens.
Wenn die Deutschen die Bahnstation z.B. in Eureka, Ipswich oder
Aberdeen verliessen, fragten sie bange die Leute auf der Strasse
in ihren schwer verständlichen Dialekten: "Kannst du Deitsch?",
schreibt Kloberdanz.
Die Neuankömmlinge suchten nach Verwandten oder ehemaligen Dorfnachbarn,
zimmerten sich eine primitive Unterkunft und griffen eilig zum Pflug,
um dem Boden neues Land zu entreissen, wie sie das einstmals in
Südrussland getan hatten.
Kleine Ortschaften entstanden im "Sauerkrautdreieck". Bezirke
wie McIntosh, Emmons, Logan waren bald von deutschen Familien übersät
- viele hatten ein Dutzend und mehr Kinder. Um 1920 fand Sallet,
der Herausgeber der deutschsprachigen Zeitung "Dakota Freie Presse"
heraus, dass 23% der gesamten deutschrussischen Bevölkerung der
Vereinigten Staaten in Dakota lebten.
Selbst heute noch bildet dieses Dreieck eine der einheitlichsten
deutsch-russischen Enklaven. Nach Kloberdanz geben mindestens 75%
der Leute in sechs dieser Bezirke an, dass sie von Deutschen abstammen.
In den weiten Prärien von Dakota, einem Land, das nach Professor
William Sherman, Soziologe an der North Dakota State University,
"Regen bitter nötig hat", taten sich die Deutschen wie in Rußland
zusammen: Katholiken zu Katholiken, Protestanten zu Protestanten.
In einem Kapitel von "Plains Folk" faßt Sherman zusammen, was
für ein Land sie hier vorfanden:
Ein Landleben - kein Traum von einem "neuen Chicago" wurde jemals
Wirklichkeit.
Letztlich ein Kolonialland, das Nahrung, Energie und gesunde junge
Menschen gedeihen ließ und exportierte.
Ein Land im Übergang. War das Leben der Indianer in der Hauptsache
durch die Suche nach Nahrung und Sicherheit bestimmt, so bauten
sich die Einwanderer hier kleine Siedlungen. Ein Gefühl des Preisgegebenseins,
des Abgeschlossenseins, der Bewegung, des Zurücklassens.
Ein Land von riesigen Dimensionen - die nächsten Nachbarn eine
Meile entfernt, Kirche und Schule jenseits des Horizonts, verstreute
Farmgebäude, der Heuschober in einer anderen Ortschaft, Weizenfelder
von 1,000 acres.
Ein Land ohne landschaftliche Höhepunkte: Keine Berge, Täler,
Wälder, Seen, die das Auge erfreuten, stattdessen ein überwältigend
weiter Himmel und ein endloser Horizont. Für viele: einsam, furchterregend,
kalt.
Alte nachgedunkelte Fotografien fangen diese ersten Jahre ein,
die durch das Steinbrockenklauben und das schreckliche Heimweh gekennzeichnet
waren: Deutsche, wie sie den Boden umgraben und Kornbündel aufstellen
und arbeiten wie das Vieh.
In Plains Folk spricht Jaques Riviere sein leichtes Erstaunen
über die deutsche Zielstrebigkeit aus: "Für die Deutschen ist Arbeit
nicht etwa wie bei so vielen anderen eine schmerzliche Pflicht oder
Strafe...Sie packen sie mit voller Kraft an, so als würden sie einer
machtvollen Leidenschaft nachgeben, sie geben der Arbeit nach, so
wie andere der Sünde."
Das Land, das in Dakota noch für sie zu haben war, war oft übersät
mit Felsgestein, sagt Michael M. Miller, der Bibliograf der Russlanddeutschen
an der North Dakota State University, Fargo. "Viele Jahre lang hatten
diese Leute nicht das Glück, das beste Land zu besitzen. Sie ließen
sich in Gegenden nieder, wo das Klima rauh und der Boden schwierig
zu bebauen war."
Die Russlanddeutschen in Nord Dakota bewahrten ungewöhnlich lange
ihre Identität, eingepfercht wie sie durch die schlechten Strassen
auf den Ebenen von Zentraldakota waren.
Arnold Marzolf, ein emeritierter Professor der NDSU, sagt: "Viele
Jahre lang hielten diese Leute an ihrer alten, bescheidenen und
einfachen Tracht fest." "Heute würde man sie kaum mehr wiedererkennen."
"Einen Russlanddeutschen konnte man an seiner Gewandung erkennen.
Die Grossmütter hüllten sich in Babuschkas, schwere Schals mit langen
Fransen, die Männer trugen die alte "Schlappkapp". Bis zum 2. Weltkrieg
waren die deutsch-russischen Behausungen leicht zu erkennen...große
Scheune, kleines plumpes Haus.
Aber der 2. Weltkrieg, das Aussterben der ursprünglichen Einwanderer
und die Durchdringung mit amerikanischer Kultur haben viele Merkmale
der ethnischen Deutschen verdrängt.
"Vieles Alte verschwindet nach und nach", sagt Marzolf. "Die Leute
heiraten Angehörige anderer Konfessionen; das religiöse Leben verändert
sich. Die alte ethnische Einheit ist nicht mehr so wichtig wie ehedem."
Und Miller stellt fest: "Es ist ein Kampf auf verlorenem Posten."
Schmerzlich ist der Verlust der Dialekte, das Schwäbische der Protestanten,
das Fränkische der Katholiken, zumal da es sich um Sprachen handelt,
wie sie einst im 18. Jahrhundert in Süddeutschland gesprochen wurden.
Ausser in Orten wie Strasburg, Napoleon, New Leipzig und Wishek
hört man die alten Dialekte nur noch bei Deutschen, die in Sibirien
leben oder aus diesem Exil nach Deutschland zurückgekommen sind.
In Ashley (North Dakota) z.B. kann man noch deutsche Kaffeeunterhaltungen
hören, aber nur selten von Leuten unter fünfzig.
Im letzten Winter füllte der deutsche Adventsgottesdienst in Bismarck
noch die Kirchenbänke. Aber auch da waren die Besucher meist grauhaarig,
nur hin und wieder sah man jüngere und nur ganz wenige junge.
Selbst im Herzen dieses Dreiecks können die 40 jährigen vielleicht
deutsch verstehen, aber sie sprechen es nicht mehr. "Am Tresen hört
man nichts mehr dergleichen", sagt Miller, nur höchstwahrscheinlich
noch im Altersheim".
"Leute, die noch in Süd Rußland geboren wurden, sind meist Neunzigjährige".
Was also bleibt noch von den besonderen Wesenszügen der Rußland-Deutschen?
Ihre grosse Glaubenstreue? Ihre Freude an Musik und Gesang? Ihre
Spezialitäten auf dem Speisezettel - Sonnenblumenkerne, Halvah (das
sie in der russischen Zeit von den Türken übernahmen), Pfeffernüsse,
Anisplätzchen, Strudel, Knöpfle, Nudelsuppe, Würste, Sauerkraut
und anderes? Was bleibt? Stark gefärbte Akzente in Südzentral- Norddakota?
Knöpflesuppe auf Speisekarten von Restaurants?
Pionierkirchen wie gestrandete kleine Schiffe, Rückstände von
der Hochflut der Einwanderungszeit? Eine tief verwurzelte Arbeitsethik?
Die Züge von Aufrichtigkeit, stoischer Resignation, guter Nachbarschaft,
ein paar deutsche Wörter oder Sätze?
Vor etwa einem Jahrzehnt merkten Enkel und Urenkel, dass die Zeit
drängte. Die erste Generation starb allmählich aus. Die Weitblickenden
suchten alte Verwandte auf und sammelten die letzten Geschichten
aus dem "alten Land" aus erster Hand.
Miller sagt, die beste Möglichkeit, diese Kultur zu konservieren,
bestehe darin, dass man die alten mündlich überlieferten Geschichten
zusammenträgt, alte Familienbilder identifiziert, bevor es zu spät
ist, sich Geschichten anhört, Handfertigkeiten, etwa die Herstellung
von Textilien und Kochrezepten erlernt.
Marzolf glaubt, dass Hoffnung für eine kulturelle Bewahrung von
den Enkeln ausgeht, die nun in ihren mittleren Jahren ihre Herkunft
neu entdecken wollen und die Fragen stellen: Wer sind wir? Woher
kommen wir?
Anmerkung der Übersetzerin:
Abgesehen von neuerlichen Untersuchungen zu diesen Fragen gibt
es ein ebenso informatives wie gründliches Werk, das in diesem Zusammenhang
wärmstens zu empfehlen ist: Dr. Shirley Fischer Arends: The Central
Dakota Germans: Their History, Language and Culture, Georgetown
University Press, Washington D.C. 1989.
Reprinted with permission of the Bismarck Tribune, Bismarck,
North Dakota. |