Arthur Flegel - Chronist des Langen Treck
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Arthur Flegel |
Kriessmann, Willi. "Arthur Flegel - Chronist des Langen Treck." New Yorker Staats-Zeitung,
Nr. 11, 13. März 2004, Seite 19.
English
“...der weite Horizont allein schien eine Höhenwelle
zu sein, hinter der vielleicht ein Paradies lockte. Aber immer dehnte
er sich weiter und weiter. Bei Sonnenuntergang aber erglühte
die Steppe in den herrlichsten Farben. Im Ostteil der Nogaischen
Steppe um Melitopol, nordostwärts, traf man auf schöne
Dörfer mit deutschen Namen wie Karlsruhe und Helenental. Sie
lagen immitten reicher Obstgärten. Fest gebaute Steinhäuser
kündeten von einstiger Wohlhabenheit. Ihre Einwohner hatten
sich die deutsche Sprache mit dem landsmännischen Dialekt aus
Hessen, Schwaben der Pfalz oder dem Elsass erhalten.
Aber es gab fast nur Greise, Frauen und Kinder. Männer waren
bereits von den Sowjets verschleppt worden...
So berichtete Erich von Manstein, Feldmarschall und einner der
besten Strategen des II. Welkrieges in seinem Buch: "Verlorene
Siege", als er seine Armee durch die Steppenweiten Südrusslands
führte. Über ein halbes Jahrhundert später sitze
ich Arthur Flegel gegenüber, in seinem Heim in Menlo Park in
Nordkalifornien. Umgeben von vergilbten Buchbänden, Atlanten
und Vidoekasetten und einem Apple Computer, vernehme ich eine Saga,
die sich überwältigend und unerhört faszinierend
anhört.
“Der Lange Treck, so nennt Flegel seine Chronik, die seine
Sippe über 300 Jahre hinweg, vom Herzen Europas ins damalige
russische Bessarabien führt. Von da in die Weiten der Wolga
und des Kubanan die Ufer des Kaspischen Sees in Iran, zu den Pampas
Argentiniens und schliesslich hin in den Westen Amerikas-Kansas,
die Dakotas, Colorado und Kalifornien.
Nach Jahrzehnten mühevoller Forschung verfasste er eine Familiengeschichte,
die in ihrer umfassenden Art gleichsam als Schicksals-Bericht der
Millionen zählen-den Deutsch-Russischen Volsgruppe gelten kann.
In seiner Kinderzeit-er erblickte das Licht der Welt im Jahre 1917
in Bentley/ND- siedelte er im Alter von 2-1/2 Jahren nach Greeley/Colorado.
Von dort 1927 nach Kansas um dann, nach dem Tode seines Vaters 1929,
wiederum im elterlichen Bauernhaus in Greeley Fuss zu fassen und
hilfreich seiner Mutter zur Seite zu stehen.
In der kinderreichen Familie- Arthur zählte als neuntes unter
zehn Kindern-wurde ein deutscher Dialekt gesprochen, der einen deutlichen
schwäbischen Unterton vernehmen liess in dem ab und zu einzelne
russische Sprachbrocken einfielen. Eigenartige Ortsnamen kamen ihm
da zu Gehör: Kulm und Leipzig, Rohrbach, Lilienfeld und Kronental,
Makorowka, Stavropol und Armavir.
Vater Johann erzählte, wie er als 11 -jähriger die lange,
mühevolle Wanderung von Kulm in Bessarabien nach Gross Masokowo
im Nordkaukasus erlebte, als 18- jähriger in des Zaren Armee
rekrutiert wurde, anno 1890, nach -7 jähriger Dienstzeit nach
Masokowo zurückkehrtre.
Noch im gleichen Jahre ehelichte er Juliane Pflugradt aus Lilienfeld
am Kuban Fluss. Zwei Jahre später begann dann der Lange Treck
vom Kuban Fluss nach Kulm in North Dakota/ USA. Den Don überquerten
sie bei Rostow, das Schwarze Meer erreichten sie bei Odessa und
ihre Wagenräder rollten durch Europas Süden über
Ungarn nach der Hafenstadt Bremen im Deutschen Kaiserreich. Nachdem
sie den Stürmischen Atlantik passiert hatten, umarmten sie
kurz vor Weinachten 1899 die Verwandschft in Kulm: die Pflugradt-
und Beierele Sippe, in North Dakota.
Arthur hörte gespannt und aufmerksam zu. Von früher Jugend
an war er mit Buch und Schrift vetraut. Seine Mutter las ihm vor,
oft in den Abendstunden, nachdem er von Feld und Ackerarbeit nach
hause kam. Flegels Augen glänzten, als er mit Stolz sagte,
dass er sich heute noch an die schweren Zuckerrübenernten erinnert,
die zu einem grossen Teil des Familienunterhaltes der Flegels beitrug.
Sein heller Sinn und wacher Kopf führte ihn sehr bald von den
Ackerfurchen zu höheren Schulklassen und schliesslich in die
Gewölbe des J.C. Penney Stores in Greeley.
Nach einer erfolgreichen Lehrzeit wurde ihm im Jahre 1937 das Lager
des J.C. Penney Geschäftes in Stockton/California anvertraut.
3 Jahre später heiratet er in Lodi, Cal. Cleora Reuscher deren
Familienwurzeln-Reuscher/Schnell/Hinkel/- zu Wolgadeutschen Ahnen
in Norka- Saratow reichten.
Drei Söhne, Robert, Mark und John erweiterten die Familie.
Der Drang nach Selbstständigkeit erfüllte sich vorerst
in einer Partnerschaft eines Möbelgechäftes in San Mateo/Cal.
Im Jahre 1954 eröffnete er Flegel's Homefurnishing in Menlo
Park.
Mit grosser Tatkraft widmete sich Arthur Flegel dem Ausbau seines
Unternehmens, das im Laufe der Jahre einen ansehnlichen Ruf in der
San Franzisco Bay Area erlangte. Seine unermessliche Energie liess
er auch der Stadtgemeinde zukommen, diente als Direktor in der örlichen
Handelskammer, der Presbytianer Kirchengemeinde, dem Rotariar Klub
und dem Historischen Klub der Russland Deutschen.
Vor allem fand er in dieser Vereinigung eine Betätigung, die
so recht seinem Wunschtraum entsprach. Um seine drängende Neugierde
nach den Wurzeln seiner Sippe zu befriedigen, unternahm er in den
folgenden Jahrzehnten ausgedehnte Reisen nach Deutschland, Russland,
Polen, Rumänien, in die ehemalige Tschechoslowakei und in das
Elsass. Unermüdlich suchte er in Kirchen und Gemeindeämtern
nach Urkunden und Quellen seiner Familie. Er besuchte Städte
und Märkte, Dörfer und Weiler, Einzelhöfe und führte
Gespräche mit Menschen, die den Namen seiner Familie trugen.
so fand or oft neue Äste seines Stammbaumes, sammelte Schriftstücke
und Photographien bis er ein beachtliches Archiv seiner Grossippe
zusammenbrachte. Sein Eifer wurde mit dem Druck seiner über
300 Seiten umfassenden Familien-Chronik, die im Jahre 1978 herauskam,
belohnt: Flegel-Pflugrad Kinship – A chronicle of German Families
from Russia to North America. Eine weit verzweigte Genealogie die
sich über 6 Generationen erstreckt. Sie umfasst die Geographie
und Geschichte der Herzlande Europas, der Weiten von Wolga, Don
und Kuban und den Pionierstaaten des Amerikanischen Westen. Der
weit verästelte Stammbaum der Grossippe umfasst eine Krone
von schönen, deutschen Familiennamen: FLEGEL- PFLUGRAD ªSAUER-BEIERLE-PFENNIG-MUELLER-MAUCH-HAUSSAUER-REUSCHER-KLEIBERªSPOHN
- BURBACH.
Als sich Angehörige dieser Familien Mitte des 17.Jhdt. aus
ihren ngestammten Sitzen in der Pfalz und im Elsass, aus Hessen
und dem Schwabenland, aus Böhmen und Mähren auf den Wanderweg
begaben, bewegten sie dazu mehrere, schwer wiegende Gründe
dazu:
Verwüstende Kriege, Elend, Armut, Hunger, religiöse Unduld,
Landnot und verhasster Militärdienst. Deutschland bestand zu
dieser Zeit aus einem vielfachen Mosaik von Grafschaften, Fürsten-und
Herzogtümern, Freien Städten und Märkten. Habsburg
und Hohenzollern allein besassen eine gewisse Machtfülle und
dehnten ihre Landesgrenzen aus - die einem nach dem Banat und Siebenbürgen,
die anderen an Oder und Weichsel. Jenseits ihrer Grenzen zogen die
unendlichen Weiten des Zarenreiches der Romanow gegen den Ural und
darüber hinaus.
Als im Jahre 1763 Zarin Katharina, ehemalige Prinzessin aus Zerbst-Anhalt,
ein Manifest veröffentlichte, das Einwanderern freies Land,
Steuerfreiheit, Befreiung vom Militärdienst, deutsche Schulen
und ihre eigenen Kirchen zusagte, strömten hunderte von deutschen
Schulen und ihre eigenen Kirchen zusagte, strömtem hunderte
von deutschen Familien ins Zarenreich. An der Wolga und am Schwarzen
Meer, am Djeper und Bessarabien fanden sie jungferlichen Boden.
Als Katharinas Nachfolger, Zar Alexander I. diese grosszüge
Politik aufrechterhielt, reichte der Zustrom deutscher Siedler bis
an den Terek und Kuban im Nordkaukasus.
Die ersten urkundlichen Spuren der Flegel scheinen um diese Zeit
auf. Elisabeth Flegel, geb. Berg wanderte, wahrscheinlich nach dem
Tode ihres Mannes, nach Bessarabien aus und starb 1835 als 80 jaehrige
in der Ortschaft Kulm, einer Siedlung etwa 120 Meilen süwestlich
von Odessa am Schwarzen Meer. von da an kreuzten im Verlauf der
nächsten hundert Jahre Flegels, Pflugrads, Sauers, Hassauers,
Mauchs, Beierles, Müllers und Pfennigs durch die russischen
Weiten. Verbunden durch Ehe und enge Verwandschaften findet man
ihre Spuren in den Ortschaften Kulm, Leipzig in Bessarabien und
in Rorbach am Cherson. Zwischen Don-Kuban -und Terefluss, im fernen
Nordkaukasus liegen ihre Dörfer Lilienfeld und Kronental, Rosenfeld
und Markosowka, Friedrichsfeld und Alexanderfeld. Weizen und Sonnenblumen,
Mais und Roggen bauen sie an den weiten Feldern an und ziehen eine
zahlreiche, muntere Kinderschar heran.
Diese Pracht und Herrlichkeit, erworben durch harte Arbeit, Fleiss
und Sparsamkeit, nahm dann ein plötzliches Ende. Zar Alexander
der II hob die einstigen, auf alle Ewigkeit zugesicherten Privilegien
auf. Das Manifest des Jahres 1861 traf die deutschen Siedler hart.
Sie verloren die Eigenverwaltung, die Jugend wurde zum Militärdienst
einberufen, der deutsche Schulunterricht zu einer Sonntagsschule
begrenzt und russischer Sprachunterricht zum Pflichtgegenstand erklärt.
Dieses Zaren Ukas führte zum Exodus des grössten Teiles
der Kaukasus-, Schwarzmeer-und Ukraine-Deutschen. Die Wolgadeutschen
hingegen konnten ihre Eigenständigkeit bewahren und bis die
Zeit Stalins aufrecht erhalten.
Mannigfach waren die Kreuz- und Querfahrten der Flegelsippe. Ein
Teil wollte sich den Unbillen und der Ungewissheit einer Auswanderung
nicht unterziehen und blieb in den alten Dörfen Bessarabiens
und des Nordkaukasus. Eine Familiengruppe flüchtete über
die Kaspische See. Weitere verschlug es nach Südamerika, von
wo sie nach kurzem Aufenthalt wiederum in die alten Stätten
zurückkehrten. Arthur Flegels Eltern fanden ihren endgültigen
Sitz in Kulm, North Dakota.
Die in Russland verbliebenen Familiengruppen gerieten in die Revolutionswirren
zwischen Zarenadler und Roten Stern. Der grösste Teil der Männer
wurde verhaftet und kehrte nie wieder heim. Hof, Grund und Boden
wurde konfisziert, zu Staatseigentum erklärt. Der Rest der
Familien zu Kolchosengesinde degradiert.
Bei Beginn des II. Weltkrieges wurde die deutsche Wolgagemeinde
nach Kazachstan ausgesiedelt. Der letzte Exodus vollzog und vollzieht
sich immer noch im Zuge der Auflösung deutscher Siedlungen
in Kazachkstan. Nachkommen der einstigen Wolgadeutsche finden in
der Bundesrepublik, in geringerem Ausmass in der Ukraine ihre neue
Heimat. Einige Ansiedlungen entstanden um Trakehnen und am Kurischen
Haff in der nunmehr russischen Enklave Kaliningrad, dem alten Königsberg.
Kulm und Neu Leipzig, Bremen, Hamburg, Hannover, Berlin, Wishek
und Walhalla. Alle erscheinen sie auf der Landkarte des Staates
North Dakota. Im benachbarten Süd Dakota zeugen Siedlungen
mit dem Namen Zell, Humboldt, Wagner, Frankfurt von ursprünglich
deutschen Gründnern. In Menlo Park in einem Landhaus, umschattet
von Ulmen und Eichen, hütet Arthur Flegel, Enkel einer langen
Kette von Bauernpionieren als traditionsbewusster Chronist das Schrift-
und Bildvermächtnis vergangener Generationen.
Reprinted with permission of the New Yorker Staats
Zeitung. |