Am südwestlichen Ortsausgang,
links der Straße Blankenrath-Walhausen, steht ein hochaufragendes
Holzkreuz. Es erzählt uns ein Stück Lebens- und Leidensgeschichte
einer Familie, die von Umsiedlern mehrmals zu Vertriebenen wurde.
Das Kreuz weicht in seiner Darstellung von den uns vertrauten einheimischen
Kreuzen ab.
Ein
Betonsockel in Form eines Sechseck – Pyramidenstumpfes,
mit der Höhe
von 1,00 m und der Durchschnittsbreite von 1,30 m, bildet den Unterbau. Auf
diesem erhebt sich 2,75 m hoch, mit einem Querbalken von 1,50 m das Kreuz.
Es ist ein braunes, vierkantiges Balkenkreuz aus Eichenholz (Balken 0,13
m x 0,13 m) mit auf-gesetzten, kugelförmig verzierten Enden.
Außer
dem bronzierten Christuscorpus mit der Inschrift INRI sind die
Marterwerkzeuge, wie Hammer und Zange (je 0,21 m), ein Spieß mit
aufgestecktem Schwamm und eine Lanze (je 1,05 m), auch eine kleine
Leiter (0,60 m lang)
aus Holz gefertigt und am Kreuz angebracht.
Auf der Vorderseite des Betonsockels ist eine Tafel eingelassen,
auf der zu lesen steht:
0, Wanderer stehe still
und denk an Deine Seele!
Gestiftet von Familie Josef Seifert.
Die Familie Seifert, deren Vorfahren schon seit 1815 in Krasna/Bessarabien
gelebt hatten, wurde 1940 von dort umgesiedelt. Nach zehnjährigem
Umherirren fand sie hier in Blankenrath eine neue Heimat. Aus
Dankbarkeit, nun endlich von den Strapazen und der Not der
Flüchtlinge erlöst zu sein, ließ der Familienvater
Josef Seifert im Jahre 1952 ein Kreuz anfertigen. Es musste
genau so sein, wie es ehemals etliche in Krasna, einem großen
Dorf der Bessarabiendeutschen, gab. Bald darauf wurde das Kreuz
errichtet und kirchlich geweiht.
Hier lesen Sie die Geschichte, die ein niedersächsischer
Reporter nach einem Interview mit Josef Seifert und seiner
Familie in einer Zeitung veröffentlichte:
Von Bessarabien an die Mosel
„
Josef, Du trägst ein schweres Kreuz auf den Kalvarienberg!“
Auf der Straße der tausend Schlaglöcher, die sich
von Hamelspringe über Bad Münder zur Kreisstadt erstreckt,
folgt einem mit Hausrat beladenem Trecker ein Pferdegespann
vor einem strohgefüllten Kastenwagen. Tags zuvor noch
peitschten die Regenschauer über Süntel und Deister
und füllten die Schlaglöcher, heute aber sendet die
Sonne für kurze Zeit ihre Strahlen durch das Gewölk.
Neue Hoffnung ist in das Herz des Mannes auf dem Wagen eingekehrt,
der Hans und Orlik, seine beiden Pferde, zur Eile antreibt.
Denn Josef Seifert, der Bessarabiendeutsche, gehört zu
jenen, die in diesen Tagen nach Westen weiter wandern, um eine
neue Heimat zu finden. Zehn Jahre schon sucht Josef Seifert
Heimat und Heimstatt! An diesem Morgen steigt in seiner Erinnerung
jener 10. 0ktober 1940 auf, da er das Dorf seiner Väter,
Krasna in Bessarabien, verlassen musste. Jenes Dorf, das damals
125 Jahre bestand, wie auch die Nachbardörfer Leipzig,
Teplitz und Paris. Der Großvater hatte noch erzählen
können, wie seine Eltern einst aus dem Schwarzwald nach
dort kamen, sich Wohnlöcher in die Erde gruben, bis deutsche
Bauernhäuser aus dem Boden wuchsen. Damals, als man hier
40 Hektar für einen Liter Schnaps erwerben konnte. 125
Jahre, durch 4 Generationen, hatten sie auf ihren Höfen
gesessen und gearbeitet und dabei die Muttersprache, den süddeutschen
Dialekt, nicht vergessen. Sie blieben Deutsche bis auf den
heutigen Tag.
Am 10. Oktober 1940 aber begann der große Treck. Die
Umsiedler waren: der Großvater: Leopold Seifert, die
Großmutter: Ludwina geb. Weber, der Vater: Josef Seifert,
die Mutter: Katharina geb. Söhn, die Kinder: Annemarie,
die älteste, geboren am 1.3.1933, Lydia, geboren am 24.3.1935,
Radegunde, geboren am 29.8.1938. Zunächst ging es nach
Galatz, dann auf der Donau bis Belgrad, von dort nach Pirna.
1941 wurden sie in Wulfsiedel, polnisch Wilkowo, bei Bromberg
angesiedelt, wo Josef Seifert wieder 84 Morgen unter den Pflug
bekam. Hier wurde im Januar 1942 Sohn Josef geboren, der aber
nach 2 Jahren am Keuchhusten verstarb. Am 4.7.1943 wurde Eduard
geboren. Drei Jahre Arbeit, und wieder schlug die Abschiedsstunde.
Am 26. Januar 1945 spannte Josef Seifert Hans und Orlik vor
den Wagen, der die hochbetagten Eltern, sein Weib Kathrin und
die Kinder barg, und er zog westwärts. Westwärts
ging es durch Deutschland, wochenlang und manche kalte Nacht
auf der verschneiten Straße. Oft musste der Wagen aus
dem Schnee geschaufelt werden.
Zwillinge wurden geboren und
starben, Sohn Stephanus kam am 13.04.1945 zur Welt und überlebte.
Die Eltern konnten schon lange nicht mehr allein den Wagen
verlassen. Josef musste
sie aus dem Wagen in die Quartiere und zurück auf seinen
Schultern tragen. Niemals wird er die Karwoche 1945 vergessen,
als er die Mutter keuchend trug und sie ihm sagte: „Josef,
Du trägst ein schweres Kreuz auf den Kalvarienberg. Lass
uns Alte an der Straße liegen und ziehe allein weiter...“
Die Eltern waren müde
geworden. Am ersten Osterfeiertag starb die Mutter, zwei Tage
darauf der Vater. Unter dem Beschuss
von Tieffliegern bettete Josef beide in die Erde von Schneverdingen....
In der Lüneburger Heide ging die Front über sie
hinweg. Dann ging es weiter über Hannover nach Hamelspringe,
in jenes Dorf im Sünteltal, das über 4 Jahre der
Familie Seifert zur dritten Heimat werden sollte. Ein weiterer
Sohn wurde geboren, den sie auch Josef nannten, aber auch er
starb nach 2 Jahren am Keuchhusten. Josef Seifert arbeitete
in der Landwirtschaft, die Pferde kamen auf die Koppel. Es
war Sommer und die Arbeitskräfte waren gefragt. Dann aber
kam der Winter, und als Josef in den ersten Tagen des Dezember,
als die Koppel zuschneite, fragte, wo er seine Pferde unterstellen
könne, erhielt er die Antwort: „Schlachten oder
verkaufen Sie sie!“ „Niemals!“ erwiderte
Josef.
Bis weit ins Sünteltal hinein musste Josef Seifert
sich in der Folgezeit das Futter für Hans und Orlik zusammen
holen. Der Kartoffelkeller seiner Deputatwohnung wurde zum
Pferdestall. In der Folgezeit spannte der deutsche Bauer aus
Bessarabien Hans und Orlik vor seinen Wagen und holte das Holz
aus dem Süntel und Deister.
Auch hier hatte er keine Heimat
gefunden, und so stand er denn vor einigen Wochen vor der Umsiedlungskommission
aus Rheinland-Pfalz
und bat um eine neue Heimat für sich und seine Pferde.
Obwohl nur Kleinvieh bei der Umsiedlung mitgenommen werden
sollte, erhielt er eine Sondererlaubnis. Hans und Orlik durften
mitkommen, nachdem man von der Geschichte dieser beiden Pferde
gehört hatte.
Hieran und an vieles andere erinnert sich
Josef Seifert in dieser Abschiedsstunde. Auf dem Bahnhof von
Springe denkt er
zunächst an seine Pferde, dann an die Seinen. Der Kreis
Zell an der Mosel ist die vierte Heimat der Vertriebenen. Dort
legen Schiffe an, die entladen werden müssen. Vielleicht
kann man hier mit Hans und Orlik ein kleines Fuhrgeschäft
gründen.
Josef Seifert hatte sich geirrt. Mit dem Fuhrgeschäft
wurde es nichts. Bereits in Bullay beim Ausladen hatte er Pech.
Sein geliebtes Pferd Hans scheute trotz aller Vorkehrungen,
geriet in Panik und brach sich ein Bein. Hans musste erschossen
werden.
Zunächst für kurze Zeit in Löffelscheid,
dann in Blankenrath fanden die Vertriebenen ein Unterkommen.
Nach
einiger Zeit konnte Josef Seifert das „Hasslersch – Haus“,
Walhausener Straße Nr. 16, von einem gewissen Herrn Hackenbruch
aus der Eifel erwerben. Für Orlik gab es keine Arbeit,
also musste er verkauft werden und kam nach Gödenroth.
Opa,
Oma und vier Kinder waren seit ihrem Auszug am 10. Oktober
1940 verstorben. Jetzt bestand die Familie noch aus den Eltern,
drei Mädchen und zwei Jungen.
Josef Seifert arbeitete als
Gruben- und Bauarbeiter, um seine Familie zu ernähren.
Er starb plötzlich am 30.7.1960.
Seine Frau folgte ihm am 24.3.1989. Beide wurden in Blankenrath
beerdigt.