Irma Stotz, Johann und Maria Isajko, Nadezhda
Fetscher, Ljudmilla Riesling, Rosa Rainer, Philipp und Maria
Schmalz, Lydia Schterbin, Vera Kryzhewskaja, Oxana Golubow
Für die Themenbereiche "Schwarzmeerdeutsche in
der Bundesrepublik Deutschland" und "Ukrainer in Deutschland"
photographierte Julia Sörgel, München.
Außerdem stellten Bildmaterial zur Verfügung:
Anton Bosch, Nürnberg
das Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart
die Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland, Stuttgart
Prof. M. Miller, North Dakota State University, USA
Alfred Eisfeld, Institut für Deutschland- und Osteuropaforschung,
Göttingen
Inhalt
| Bildnachweis |
S. 6 |
| Grußwort |
S. 8 |
| Vorwort: |
|
| Die Entstehung der Ausstellung |
S. 9 |
| Schwarzmeerdeutsche aus der Ukraine |
S. 32 |
| Deutsche Kolonien im Raum Odessa |
S. 32 |
| Die Großliebentaler Kolonien |
S. 34 |
| Die Kutschurganer Kolonien |
S. 35
|
| Die Beresaner Kolonien |
S. 37 |
| Geschichte der Schwarzmeerdeutschen seit der Mitte des
19. Jhdts |
S. 53 |
Grußwort
Der feste Wille zur politischen und kulturellen
Selbstbestimmung hat der Ukraine 1991 die Unabhängigkeit gebracht.
In der Folgezeit führte das zunehmend zu einer Rückbesinnung
auf die Geschichte und Kultur bei den dort lebenden Menschen.
Als die Stadt Odessa im Oktober 1994 ihr 200-jähriges Bestehen
feierte, wurde die ethnische Vielfalt dieses Gebietes in einem
Kulturprogramm eindrucksvoll dargestellt. Nur wenige wissen
von der Geschichte und dem Wirken der über 450,000 Deutschen,
die im 19. Jahrhundert im Süden der Ukraine lebten und die einen
beträchtlichen Beitrag zur Entwicklung Odessas und des Schwarzmeergebietes
geleistet haben. Sie waren seinerzeit der Einladung der Zarin
Katharina II. gefolgt, dieses Gebiet Neurußlands unter Zusicherung
von Sonderrechten zu besiedeln.
Als Höhepunkt der "Deutschen Woche" wurde anläßlich
der 200-Jahr-Feier in Odessa - und dann auch in anderen ukrainischen
Staaten - die in deutsch-ukrainischer Zusammenarbeit entstandene
Ausstellung "Geschichte und Wirken der Deutschen im Schwarzmeergebiet"
einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ich begrüße
es sehr, daß diese - inzwischen noch überarbeitete und um den
Themenbereich "Integration der Aussiedler" ergänzte - Ausstellung
nun auch in verschiedenen deutschen Städten - beginnend mit
Augsburg - der Bevölkerung die Möglichkeit gibt, sich über Geschichte,
Kultur und die wirtschaftliche Situation der Rußlanddeutschen
im Schwarzmeergebiet zu informieren. Auf diese Weise kann das
Verständnis für die dort lebenden Deutschen, aber auch für die
in die Bundesrepublik Deutschland gekommenen Aussiedler weiter
vertieft werden.
Ich möchte allen, die an unserer Ausstellung
mitgewirkt haben, hierfür danken und wünsche der Präsentation
einen guten Erfolg.
(Unterschrift)
Manfred Kanther
Bundesminister des Inneren
Vorwort: Die Entstehung der Ausstellung
Die seit Jahrhunderten bestehenden Kontakte zwischen
Deutschland und der Ukraine sind in den letzten Jahren enger
geworden. In Politik, Kultur und Wirtschaft, aber auch mit eigener
Vielzahl von persönlichen Kontakten zwischen einzelnen und zwischen
verschiedensten Organisationen, sind sich Ukrainer und Deutsche
näher gekommen. Die guten Beziehungen zwischen beiden Ländern
brachten auch den in Deutschland lebenden Ukrainern und den
in der Ukraine lebenden Schwarzmeerdeutschen mehr öffentliches
Interesse. Als Partneregion nimmt Bayern hier eine besondere
Stellung ein.
Einer Einladung der russischen Zaren folgend,
erreichten zu Beginn des 19. Jahrhunderts die ersten deutschen
Auswanderer auf dem Landweg oder über die Donau den Raum Odessa.
Dort ließen sie sich nieder und schufen, im Genuß zahlreicher
Privilegien, wohlhabende Kolonien. Doch bereits vor dem Ersten
Weltkrieg wurden die ersten Kolonisten von den russischen Machthabern
aus ihrer Wahlheimat vertrieben. Manche wanderten vom Schwarzen
Meer nach Amerika aus, wo sie bis heute als Volksgruppe ihre
Wurzeln behaupten. Zahllose Deutsche fielen der Kollektivierung
der Landwirtschaft und den "Säuberungen" Stalins zum Opfer.
Die meisten aber wurden 1941-1945 von der deutschen Armee ins
Deutsche Reich umgesiedelt und nach Kriegsende von den sowjetischen
Besatzungstruppen nach Sibirien und Mittelasien deportiert.
Unter dem Druck ethnischer Spannungen und wirtschaftlicher Not
sind seit der Auflösung der Sowjetunion aus diesen Gebieten
eine große Anzahl von Schwarzmeerdeutschen und ihren Nachkommen
in die Bundesrepublik Deutschland ausgereist.
Einige tausend Schwarzmeerdeutsche leben bis
heute in der Ukraine oder konnten dorthin zurückkehren. Sie
haben die Bemühungen um Rückbesinnung auf ihre Sprache und Kultur
verstärkt, die ihnen unter dem Druck der politischen und historischen
Ereignisse weitgehend verloren gegangen sind. Neben der deutschen
Gesellschaft "Wiedergeburt", der Deutschen Lutherischen Gemeinde,
sowie losen Treffs und Zirkeln, entstand in Odessa das "Deutsche
Kultur- und Begegnungszentrum Bayerisches Haus", das seit 1993
neben Deutschunterricht eine Vielzahl von kulturellen Veranstaltungen
anbietet, einen Kindergarten betreibt und regelmäßig Intensivkurse
für Teilnehmer an Berufspraktika in Deutschland durchführt.
Das vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung
geförderte Haus konnte dank des Einsatzes der Kiewer Ministerien
für Sozialen Schutz und für Nationale Minderheiten, der Stadt-
und Gebietsverwaltungen in Odessa, sowie der Deutschen Lutherischen
Gemeinde in Odessa und ihrer Partnerin, der Evangelisch-Lutherischen
Landeskirche in Bayern, eingerichtet werden und ist inzwischen
eine über die Landesgrenzen der Ukraine hinaus bekannte Anlaufstelle
für Deutsche sowie an deutscher Sprache und Kultur-Interessierte
geworden.
Im Frühjahr 1994 begannen die Mitarbeiter des
Kulturzentrums mit den Vorbereitungen für eine Ausstellung über
die Geschichte und das Wirken der Deutschen in Odessa und im
Schwarzmeergebiet. Die Ausstellung dokumentierte anläßlich der
Feier des 200-jährigen Bestehens der Stadt, welchen Beitrag
Deutsche zur Entstehung und Entwicklung Odessas geleistet haben.
Zum ersten Mal wurde damit in dieser Form positiv über die Präsenz
von Deutschen auf dem Gebiet der Ukraine berichtet, die nach
1945 pauschal als Staatsfeinde verurteilt worden waren und deshalb
bis in die jüngste Vergangenheit unter Diskriminierungen litten.
Das Material für die Ausstellung wurde in Archiven,
Museen und Bibliotheken gesammelt. Es wurden Fahrten in die
ehemaligen deutschen Kolonien im Raum Odessa unternommen und
dort noch lebende Deutsche befragt. Privatpersonen lieferten
auch in Odessa eine Vielzahl von Detailinformationen und Exponaten,
so daß eine umfangreiche Ausstellung mit aktuellem und historischem
Material entstehen konnte, die dem Besucher einen lebendigen
Eindruck vom Wirken der Deutschen im Süden der heutigen Ukraine
und in der Stadt Odessa vermittelt.
Am 2. Oktober 1994 wurde die Ausstellung zum
Abschluß der "Deutschen Woche" in Odessa feierlich eröffnet.
Unter den Anwesenden waren Vertreter der Gebiets- und Stadtverwaltungen
von Odessa, der in Odessa tätigen bundesdeutschen Organisationen
und Verbände, Vertreter des Bundesministeriums des Inneren und
des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung,
Familie, Frauen und Gesundheit, sowie Vertreter bundesdeutscher
Verbände der Deutschen aus Rußland.
Im Verlauf der folgenden Monate wurde die Ausstellung
in verschiedenen ukrainischen Orten gezeigt und stieß überall
auf großes Interesse. Im Mai 1995 unterstrich der stellvertretende
Minister für Nationalitäten und Migration in Kiev, Oleksandr
Haschyzkyi, in seinem Grußwort zur Ausstellungeröffnung in Kiev
die Notwendigkeit der Rehabilitierung der Deutschen in der Ukraine
und gab damit Anlaß zur Hoffnung auf eine auch offiziell neue
Interpretation der Geschichte der Deutschen in der Ukraine.
Die Ausstellung hatte damit eines ihrer Hauptanliegen erfüllt.
Für die Präsentation in Deutschland wurden Themenbereiche
hinzugefügt. Den Blick für die Geschichte und Gegenwart der
Aussiedler zu sensibilisieren, ist vor dem Hintergrund der schwieriger
werdenden Integration von Aussiedlern in Deutschland das Anliegen
auch dieses Begleitheftes zur Ausstellung.
| 1794 |
Gründung der Hafenstadt Odessa |
| Seit 1804 |
Unter den Folgen der Napoleonischen Kriege leidend,
entschließen sich zahlreiche Bauern und Handwerker, aus
Süddeutschland auszuwandern. In den sog. "Ulmer Schachteln"
Donauabwärts oder auf dem Landweg erreichen die ersten
Siedler das Schwarzmeergebiet. |
| 1804-10 |
Entstehung der Großliebentaler, Kutschurganer, Glückstaler
und Beresaner Kolonien im näheren Umkreis der Stadt Odessa.
Der Kolonistenstatus und die damit verbundenen Privilegien
ermöglichen den Siedlern, trotz schwieriger Bedingungen
landwirtschaftliche Erfolge und beachtlichen Wohlstand
zu erzielen. |
| Mitte des 19. Jhdts. |
Das entstehende Nationalbewußtsein läßt auch in Rußland
erste Stimmen laut werden, die eine restriktive Politik
gegenüber den fremden Siedlern fordern. Die Privilegien
der Siedler werden schrittweise aufgehoben. |
| 1871 |
Gründung des Deutschen Reiches. Weitere Verschlechterung
der Situation für die Siedler. Zahlreiche Schwarzmeerdeutsche
wandern nach Amerika aus. |
| 1914 |
Beginn des Ersten Weltkrieges. Infolge der "Liquidationsgesetze"
werden Österreicher, Ungarn und Deutsche in den Grenzgebieten
enteignet und nach Sibirien verschleppt. |
| 1917-20 |
Revolution und Bürgerkrieg, Enteignung der Landwirte.
Zahlreiche Bauern verlieren ihre Lebensgrundlage. Weitere
Deportationen nach Sibirien. |
| Seit 1920 |
Die Nationalitätenpolitik der Sowjets bringt eine zeitweilige
Verbesserung der Situation für die nationalen Minderheiten.
Nationale Dorfräte und deutsche nationale Landkreise entstehen
auch in der Ukraine. |
| 1937/38 |
Die politische Situation verschlechtert sich drastisch,
Auflösungen der nationalen Landkreise und Verbot des muttersprachlichen
Unterrichts. |
| 1939 |
Beginn des Zweiten Weltkrieges |
| 1941 |
Odessa wird von rumänischen und deutschen Truppen besetzt.
Alle Deutschen in den besetzten Gebieten werden in "Volkslisten"
registriert. |
| 1944 |
Rückzug der deutschen Wehrmacht. Umsiedlung von Deutschen
in heute polnische Gebiete durch die Wehrmacht, Verschleppung
von Rußlanddeutschen aus Deutschland durch die Sowjetarmee
in Zwangsarbeitslager und Sondersiedlungen nach Sibirien
und Mittelasien. |
| 1955 |
Offizielles Ende des Kriegszustandes zwischen der Sowjetunion
und Deutschland, Besuch des Kanzlers Konrad Adenauer in
der UdSSR und Aufnahme von diplomatischen Beziehungen
zwischen beiden Ländern. |
| Ende 1955 |
Lockerung der Beschränkungen für Deutsche in den Deportationsgebieten.
Zahlreiche Schwarzmeerdeutsche erhalten die Möglichkeit,
aus den Sondersiedlungen nach Mittelasien und in die baltischen
Republiken umzusiedeln. Eine Rückkehr in das Schwarzmeergebiet
ist nicht möglich. |
| 1964 |
Teilrehabilitierung der Rußlanddeutschen |
| 1972 |
Aufhebung der Freizügigkeitsbeschränkungen in der UdSSR. |
| 1987 |
Neuregelung der sowjetischen Bestimmungen zur Ausreise
aus Gründen der Familienzusammenführung. Die Aussiedlerzahlen
steigen erstmals merklich an. |
Schwarzmeerdeutsche aus der Ukraine
Die Geschichte der Deutschen im Schwarzmeergebiet
ist mehr als 200 Jahre alt. Ende des 18. Jahrhunderts eroberte
Rußland im Krieg gegen die Türken ausgedehnte Steppengebiete
am Schwarzen Meer, deren Kultivierung umgehend eingeleitet werden
sollte. Da die Leibeigenschaft die russischen Bauern in ihrer
Freizügigkeit beschränkte und so eine schnelle Besiedlung der
neuen Flächen unmöglich machte, wurden ausländische Siedler
angeworben. Bereits im Juli 1763 hatte Kaiserin Katharina II.
in einem Manifest die "Erlaubnis für alle nach Rußland kommenden
Ausländer" erteilt, "sich in Gouvernements ihrer Wahl niederzulassen"
und ihnen Sonderrechte gewährt. Neben verschiedenen ökonomischen
und politischen Vergünstigungen garantierte das Manifest der
Kaiserin den ausländischen Siedlern auch das Recht auf freie
Religionsausübung und Selbstverwaltung. Das größte Echo fand
der Aufruf Katharinas II. in den deutschen Kleinstaaten, in
denen wirtschaftliche Not, konfessionelle Differenzen und Kriege
die Bevölkerung zermürbten.
Alexander I. führte die von Kaiserin Katherina
II. begonnene Ansiedlungspolitik in Südrußland zielstrebig fort.
Auf der Grundlage eines von Innenminister Graf W. Kotschebej
verfaßten Kolonisationsprogrammes wurden die Gouvernements Cherson,
Jekaterinoslaw und Taurien besiedelt, ab 1812 auch Bessarabien.
1803 erreichten die ersten Siedler aus Ulm über die Donau die
Dubossarer Quarantänestation. Damit begann die massive Besiedlung
des Schwarzmeergebietes.
Die an der Donaumündung angekommenen Siedler
hatten einen langen und beschwerlichen Weg hinter sich und in
vielen Fällen auf der Reise Angehörige verloren. Nach einem
zweiwöchigen Aufenthalt in der Quarantänestation konnten sie
nach Odessa weiterreisen, wo sie den Winter verbrachten. Im
Frühjahr 1804 begann die Landverteilung. Die Verordnung zur
Kolonisierung durch Ausländer sah die Verteilung von großen,
zusammenhängenden Landstücken in günstigen Lagen vor.
Deutsche Kolonien im Raum Odessa
"Die Kolonisten errichteten wohlorganisierte
Kolonien in den von ihnen besiedelten ungastlichen Gebieten,
sie verwandelten karge Steppen in blühende Felder, forsteten
auf, legten Obst- und Gemüsegärten an und führten viele nützliche
Neuerungen im Bereich der Landwirtschaft ein." Südrussisches
Ministerium für staatliches Vermögen, 1854.
Viele Historiker haben sich mit dem Wirken der
Kolonisten beschäftigt und es gewürdigt. Die ungewohnten geographischen
und klimatischen Bedingungen bereiteten den deutschen Bauern
anfangs große Schwierigkeiten. Sie waren gezwungen, neue Methoden
des Landbaus zu entwickeln. In der ersten Phase der Anpassung
an die neuen Gegebenheiten beschäftigten sie sich hauptsächlich
mit der Viehzucht. 1805 wurden feinwollige Schafe nach Odessa
und Dnjepropetrowsk gebracht und mit der Zucht dieser Tiere
in Neurußland begonnen. Die Wolle war bald das wichtigste Erzeugnis
der Kolonisten. Es gelang den Deutschen auch, ostfriesische
Rinder an die widrigen Steppenbedingungen anzupassen. Die neue
Rasse wurde bald als "Deutsches-Rotes-Rind" oder "Kolonisten-Rind"
bekannt. Später begannen die Kolonisten großflächig Getreide,
Sonnenblumen, Wein, Gemüse, Obst, Tabak und Seide anzubauen.
Sie beschäftigten sich mit der Imkerei und der Forstwirtschaft.
In vielen Kolonien gab es Ziegeleien, Weinkellereien, Brauereien,
Käsereien und Ölmühlen. Bald entstanden auch wasser-, wind-
und dampfbetriebene Mühlen, Gestüte und Tuchmachereien.
Die deutschen Kolonisten erreichten bald einen
für die Verhältnisse ungewöhnlichen Wohlstand. Dazu trugen nicht
zuletzt die Regelung der Landvergabe und die Gemeindestruktur
der Kolonien bei. Als Landbesitzer fungierte die Gemeinde, der
Land zur Ansiedlung übereignet worden war. Ein Teil dieses Landes
wurde zur gemeinsamen Nutzung als Viehweide zur Verfügung gestellt.
Darüber hinaus wurden allen Familien zu gleichen Teilen Hofland,
Felder, und Wiesen zur eigenen Nutzung überlassen. In der Regel
handelte es sich dabei um etwa 60 Hektar. Ein "Hofstück" oder
"Familienstück" dieser Größe bildete zusammen mit den darauf
befindlichen Wirtschaftseinrichtungen einen "Hof" oder eine
"Wirtschaft", die von den Besitzern weder geteilt noch verkauft
oder verpfändet werden durfte. Die Erbschaftsordnung trug dem
oben genannten Rechnung. Den unteilbaren Hof übernahm einer
der direkten Nachkommen des Besitzers -- unter der Voraussetzung,
daß ihn die Gemeinde für fähig erklärte, den Hof zu führen.
Junge Leute, die nicht auf dem elterlichen Hof bleiben konnten,
übten in den Städten ein Handwerk oder Gewerbe aus, gründeten
neue Kolonien auf zurückbehaltenen Landstücken oder erwarben
bzw. pachteten selbst Land.
Das gesellschaftliche Leben in den Kolonien basierte
auf der Selbstverwaltung. Höchstes Machtorgan war die Gemeindeversammlung,
die aus je einem Vertreter pro Hof bestand. Die Gemeindeversammlung
wählte einen Dorfschulzen und zwei Beisitzer und setzte einen
Schreiber ein. Sie koordinierte die Leistung von Abgaben und
andere Verpflichtungen, erörterte Fragen von allgemeinem Interesse
und Beschwerden, setzte Geistliche ein, beschloß über den Ausschluß
von Siedlern aus dem Kolonistenstand. Jede Frage wurde mit einen
sog. "Gemeindespruch" entschieden. Alle drei Jahre wurde ein
Schulze gewählt. Zu seinen Aufgaben gehörte es, sich um den
Zustand der Kolonie, der landwirtschaftlichen Geräte und das
Vieh zu kümmern, für den rechtzeitigen Beginn der Feldarbeit
zu sorgen und die Sauberkeit der Höfe zu überwachen. Die Verwaltung
von Getreidevorräten, das Schulwesen, die Verantwortung für
öffentliche Gebäude und Verkehrswege lag bei den Gemeinden.
Die örtliche russische Administration wurde ausschließlich in
Fragen eingeschaltet, die über diese Kompetenzen der Kolonien
hinausgingen. Es wurden Beobachter in die Kolonien entsandt,
die vor Ort die Tätigkeit der deutschen Verwaltung überwachten
und dem Fürsorgeamt Bericht erstatteten, das für die Kolonien
zuständig war.
Die Großliebentaler Kolonien
Im heutigen Gebiet Odessa östlich des Dnjestr
wurden insgesamt mehr als 500 Kolonien gegründet, im Gebiet
Nikolajew etwa 40 und in Bessarabien etwa 150. Die Kolonisten
benannten die Dörfer häufig nach ihren Herkunftsorten. So entstanden
im Süden Rußlands die Orte Baden, Rastadt, Kassel, München,
Straßburg und andere. Als die wachsenden Kolonien mehr Land
benötigten, entstanden Tochterkolonien, die den Namen der Mutterkolonien
mit der Vorsilbe "Neu" übernahmen. Später mußten die Kolonien
zum Teil umbenannt werden. Unter Alexander I. 1819 erhielten
die deutschen Dörfer zum Gedenken an den Sieg über Napoleon
Namen wie Tarutino oder Borodino.
In unmittelbarer Nähe der Stadt Odessa befanden
sich die Großliebentaler Kolonien. Großliebental (heute Welikodolinskoje)
war das Zentrum der von Deutschen dicht besiedelten Region,
zu der die Kolonien Lustdorf, (Tschernomorka), Kleinliebental
(Malodolinskoje), Alexanderhilf (Dobroalexandrowka), Neuburg
(Nowogradowka), Mariental (Marjanowka), Josefstal (Jossipowka)
und Peterstal (Petrodolina) gehörten. Die Kolonien unterhielten
enge Verbindungen zu Odessa. Ab 1907 verband eine Straßenbahnlinie
die Stadt mit Lustdorf, dem reizvollen Badeort am Schwarzen
Meer, der Erholungssuchende und Fremde anzog. Das ehemalige
Straßenbahndepot in Lustdorf dient heute ebenso wie die Villa,
in der die russische Dichterin Anna Achmatowa gewohnt haben
soll, als Wohnhaus.
Die Einwohner der deutschen Kolonien gehörten
in der Regel ausnahmslos nur derselben Konfession an. "Katholisch",
"lutherisch" oder "mennonitisch" bezeichneten weit mehr als
Traditionen und Bräuche, eine bestimmte Lebensweise und einen
spezifischen deutschen Dialekt. Die von den Gläubigen der verschiedenen
Konfessionen erbauten Kirchen wurden in den dreißiger Jahren
enteignet. Während des Sowjetregimes standen sie, dem Verfall
preisgegeben, leer oder wurden als Kulturhäuser, Lagerhallen
und zu anderen weltlichen Zwecken zweckentfremdet. Im Gebiet
der ehemaligen Großliebentaler Kolonien sind die deutschen Kirchengebäude
zum Teil noch erhalten. Mit Ausnahme der Kirche in Großliebental
selbst, die gerade zu einem orthodoxen Gotteshaus umgebaut wird,
dienen die Gebäude als Kulturhäuser und Jugendklubs.
Die Kutschurganer Kolonien
Die bedeutendsten Kolonien des Kutschurganer
Gebiets waren Straßburg (heute Kutschurgan), Baden, Selz, Kandel
(heute Limanskoje), Mannheim (heute Kamenka) und Elsaß (bei
Stepnoje). Der Kutschurgan ist ein kleiner Nebenfluß des Dnjestr.
Auf Höhe der ehemaligen Kolonie Baden mündet er in den gleichnamigen
Liman, der heute die Grenze zwischen der Ukraine und Moldowa
darstellt. An seinem Ufer gründeten im Jahr 1808 an die hundert
Familien aus Süddeutschland die Kutschurganer Kolonien und wurden
dabei angeblich vom Gouverneur des Gebietes Odessa, Herzog Arman
de Richelieu, persönlich unterstützt. In den Kolonien wurde
Getreide und Gemüse, Melonen, Sonnenblumen, Flachs und Wein
angebaut. Man beschäftigte sich mit der Viehzucht und betrieb
Mühlen, Schmieden und andere Werkstätten. Für die wirtschaftliche
Entwicklung der Kolonien war die Stadt Odessa von existenzieller
Bedeutung. Der Handel mit Getreide und Wein wurde über den Hafen
abgewickelt, außerdem verkauften die Kolonisten regelmäßig Gemüse
auf dem "Priwos" und dem "Neuen Basar" in Odessa. Bei den Fahrten
in die Stadt traf man sich in der Gastwirtschaft "Maibach",
wo Informationen ausgetauscht, Preise besprochen und Geschäfte
abgewickelt wurden.
Die Beresaner Kolonien
Der Beresaner Kreis war einer der größten Landkreise
im Schwarzmeergebiet. Er liegt heute zum Teil im Gebiet Odessa,
zum Teil im Gebiet Nikolajew. Zum Kreis gehörten die Kolonien
Karlsruhe (Stepowoje), Rohrbach (Nowoswetlowka), Worms (Winogradnoje),
Rastadt (Poretschje), München (Gradowka) und andere. In den
Beresaner Kolonien befanden sich bemerkenswerte Einrichtungen,
die nicht zuletzt ein Licht auf den materiellen Wohlstand und
kulturellen Reichtum der deutschen Siedler warfen. Hier ist
auf die Initiative des evangelischen Pastors Daniel Steinwand
(1857-1919) gegründete Taubstummenschule in Worms zu nennen.
In Landau, dem Zentrum des Beresaner Kreises, befand sich neben
allgemeinbildenden und kirchlichen Schulen eine landwirtschaftliche
Fachschule. Außerdem existierte in Landau ein mit einem Orchestergraben
ausgestattetes Theater, was insofern bemerkenswert ist, als
die Einrichtung von Theatern auch zur Blütezeit der Kolonien
in der Regel den Städten vorbehalten blieb. Nordwestlich des
Kreiszentrums Landau lagen die Kolonien Rastadt und München.
Auch in diesen Orten sind viele stumme Zeugen ihrer Vergangenheit
noch erhalten.
Die Geschichte der Schwarzmeerdeutschen
ab Mitte des 19. Jahrhunderts
Die Entstehung des Panslawismus, das veränderte
Nationalbewußtsein und das durch die Gründung des Deutschen
Reiches 1871 verstärkte Bedürfnis nach Abgrenzung führten zunehmend
zur Kritik an der Konzentration des Landbesitzes in den Händen
nichtslawischer Zuwanderer. Man warnte vor der "friedlichen
Eroberung" und "Germanisierung" Rußlands. 1887 wurde ein Fremdengesetz
erlassen, das vor allem in den grenznahen Gebieten das Pachtrecht
und das Recht auf Landerwerb für Ausländer sehr stark einschränkte.
Die Privilegien für Kolonisten wurden ab 1871 aufgehoben und
Russisch bzw. Ukrainisch als Amts- und Unterrichtssprache auch
in den deutschen Kolonien eingeführt.
Landmangel und wachsender politischer Druck begannen
sich gegen das Ende des 19. Jahrhunderts massiv auf die Lebenssituation
der Deutschen auszuwirken. Viele von ihnen entschlossen sich
deshalb dazu, das Schwarzmeergebiet zu verlassen. Da das Deutsche
Reich nur eine sehr kleine Zahl von Schwarzmeerdeutschen aufzunehmen
bereit war, nahmen viele Siedler im Rahmen der Agrarreform mit
russischen und ukrainischen Bauern an der Kolonisierung Sibiriens
teil und gründeten dort neue Kolonien. Tausende wanderten bis
zum Beginn des 20. Jahrhunderts nach Amerika aus und ließen
sich unter anderem auch in North und South Dakota nieder. Eine
zweite Auswandererwelle erreichte dieses Gebiet gegen Ende des
Zweiten Weltkriegs. Die von der deutschen Armee aus dem Schwarzmeergebiet
nach Deutschland evakuierten Kolonisten versuchten durch die
Flucht nach den USA der Auslieferung durch die Alliierten an
die Rote Armee zu entgehen.
Wer heute aus dem Schwarzmeergebiet nach North
und South Dakota reist, wird über die Vielzahl von Parallelen
staunen, die zwischen den "ukrainischen" und den "amerikanischen"
Schwarzmeerdeutschen bestehen. Unter ähnlich schwierigen Bedingungen
wie gut ein Jahrhundert zuvor ihre Vorfahren im Schwarzmeergebiet,
bauten die Auswanderer in der nordamerikanischen Prärie Existenzen
auf. Ihre neuen Wohnorte tragen die gleichen Namen wie die deutschen
Siedlungen am Schwarzen Meer, die harten Lebensbedingungen in
der Prärie gleichen den widrigen Umständen, unter denen die
Steppe im Süden Rußlands urbar gemacht werden mußte. Vor allem
aber nahmen die Schwarzmeerdeutschen ihre spezifische Lebensweise
nach Amerika mit. Sie bemühen sich heute in Europa und in USA
erfolgreich darum, die Verbindungen zu den weit verstreuten
Verwandten wieder aufzunehmen und die zerrissenen Fäden neu
zu spannen. Der Zerfall der Sowjetunion hat es möglich gemacht,
daß sie sich am Schwarzen Meer und anderswo wieder begegnen.
Die politischen und ökonomischen Lebensbedingungen
für die deutschen Siedler am Schwarzen Meer verschlechterten
sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts weiter. Im Vorfeld des Ersten
Weltkrieges wurden drastische Maßnahmen gegen die deutschen
Siedler eingeleitet, um jede potentielle Zusammenarbeit mit
dem Kriegsgegner von vornherein zu verhindern. Schon vor Beginn
der bewaffneten Auseinandersetzungen, an denen etwa 300,000
Schwarzmeerdeutsche an den russischen Fronten teilnahmen, wurden
die sog. Liquidationsgesetze erlassen. Sie sahen die Enteignung
und Deportation aller innerhalb eines 150 km breiten Streifens
entlang der Westgrenze ansässigen Bürger östrerreichischer,
ungarischer und deutscher Herkunft vor.
Die Enteignung und Entrechtung der Deutschen
im Schwarzmeergebiet erreichte mit den Liquidationsgesetzen
und den bis 1917 währenden Maßnahmen zu deren Umsetzung einen
ersten Höhepunkt. 1917 fiel ein Großteil der Kolonien der gerade
gegründeten Ukrainischen Volksrepublik zu. Noch während des
Ersten Weltkrieges wurde die Volksrepublik von deutschen und
österreichisch-ungarischen Truppen besetzt. Die deutschen Kolonien
standen unter ihrem Schutz und brachten für die deutsche Bevölkerung
zunächst eine Entspannung der Situation.
Der Oktoberrevolution waren staatliche Zwangsmaßnahmen
zur Lebensmittelbeschaffung und ein drastischer Rückgang der
landwirtschaftlichen Produktion gefolgt. Die Kollektivierung
hatte weitere Enteignungen und Vertreibungen zur Folge und beraubte
weite Teile der ländlichen Bevölkerung ihrer Lebensgrundlagen.
Da die deutsche Bevölkerung einen hohen Prozentsatz wohlhabender
Bauern mit verhältnismäßig großem Landbesitz stellte, war sie
von den Maßnahmen gegen die Kulaken überdurchschnittlich betroffen.
Obwohl die von Lenin 1921 eingeleitete "Neue ökonomische Politik"
vorübergehend Erleichterungen für die Landwirtschaft gebracht
hatte,kam es zu Hungerkatastrophen. Die vor der Revolution von
den deutschen Gemeinden angelegten Getreidevorräte wurden zwangsaufgelöst.
Gleichzeitig bewirkte die Nationalitätenpolitik
der Sowjetunion eine Vergrößerung der kulturellen Freiräume
für die Schwarzmeerdeutschen. In den zwanziger Jahren begünstigte
die Sowjetregierung die Bildung von nationalen Verwaltungseinheiten,
in denen die jeweiligen Muttersprachen der Einwohner als Schul-
und Amtssprache verwendet werden konnten. In der Ukraine entstanden
in den zwanziger Jahren sieben deutsche nationale Landkreise,
in denen die Deutschen über 70% der Bevölkerung stellten. Im
Zuge der ab 1936 verstärkt betriebenen "Säuberungen" Stalins,
von denen die Deutschen ebenso wie die übrige Bevölkerung betroffen
waren, wurde mit der Auflösung der nationalen Räte und Landkreise
und mit der Deportation ihrer Einwohner begonnen.
Deutsche nationale Landkreise in der Ukraine
(1936)
Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Schicksal
der Schwarzmeerdeutschen von der raschen Besetzung des Schwarzmeergebiets
durch rumänische und deutsche Truppen bestimmt. Während die
östlich des Dnjepr ansässigen Deutschen nach Sibirien und in
die mittelasiatischen Republiken der Sowjetunion verschleppt
wurden, standen die westlich des Dnjepr ansässigen Deutschen
zunächst unter dem Schutz des Deutschen Reiches. Sie wurden
in der sog. "deutschen Volksliste" registriert, die später als
Grundlage für die Aushändigung von deutschen Einbürgerungsurkunden
diente. Ende des Jahres 1943 begann mit dem Vormarsch der Roten
Armee die Umsiedlung der Schwarzmeerdeutschen aus den besetzten
Gebieten in den sog. Warthegau.
Soweit sie die Strapazen der Flucht überlebten,
wurden die Deutschen mit dem Ziel der "Germanisierung" des Gebietes
auf den Höfen vertriebener Polen angesiedelt. Die Kriegsereignisse
zwangen die Siedler bald, weiter nach Westen zu flüchten. Einem
Teil der Deutschen aus dem Schwarzmeergebiet, die sich nach
Kriegsende in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands aufhielten,
gelang es, unterzutauchen, um der Auslieferung an die sowjetischen
Besatzungstruppen und der Rückführung in die Sowjetunion zu
entgehen. Andere konnten nach Amerika weiterreisen. Eine Vielzahl
von Schwarzmeerdeutschen wurde den sowjetischen Kommandos aber
übergeben und unter großen Verlusten in sibirische Sonder- und
Zwangsarbeitslager deportiert.
Mit Erlaubnis des Berufsbildungszentrums
Augsburg der Lehmbaugruppe, Augsburg, Deutschland, gedruckt.