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Deutschland - Ukrain: Was War? Was
Ist? Was Kommt?
Wettbewerb (essay) from Jurij Wlassischen, Odessa,
Ukrain, 2006
English
3.
Oktober 1990 ‑ Wiedervereinigung Deutschlands
24.
August 1991 ‑ Unabhangigkeit der Ukraine: Seit dieser Zeit
hat sich viel im Verhaltnis unserer belden Lander geandert. Wirtschaftliche
Beziehungen, kultureller Austausch, personliche Kontakte Ober
Grenzen hinweg. Schreiben Sie Ober Entwicklung, Stand and vor
allem die Zukunft der deutsch‑ukrainischen Beziehungen:
vom engen privaten Umfeld bis hin zur grolIen Politik. Beleuchten
Sie unterschiedliche Seiten and zeigen Sie auf:
Deutschland ‑ Ukraine:
Was war, was ist, was kommt?
Jurij
Wlassischen,
Odessa,
1. Pramie
AM
UMBRUCH
Ich
lebe auf einer Grenze. Auf der Grenze von Epochen, der Grenze
eines Informations‑ and Nervenausbruchs, auf der Grenze
zwischen Odessa and
Nicht‑Odessa. Bis zum nachsten Stadtchen sind es von meiner
Wohnung 10 Minuten mit der StrafRenbahn ‑ Tschornomorka
heifRt as, des ehemalige Lustdorf, des frohliche deutsche Dorf,
das noch fruher Luisdorf hief3. Doch seit seiner Grundung durch
die Umsiedler der deutschen Kolonie aus Wurttemberg am
malerischen, aber verraterischen and instabilen Ufer des Schwarzen
Meeres im Jahre 1805 trug as den adligen Namen "Kaiserheim".
Heute,
scheint es, hat Lustdorf seinen historischen Namen zuruckerhalten,
es liegt schon nicht mehr am Tschornomorsker Weg, sondern
an der Lustdorf‑Strarle, durch die die uberfiillte Pomeranzen‑Straflenbahn
nach Odessa and
zuruck fahrt. Wie es irgendwann einmal gewesen ist...
Lustdorf,
Lustdorf... Der erste Weinberg (1807), die erste Schule and Kirche
(1820), des erste richtige grofie Gebaude (1823), das erste Theater,
das Stucke in deutscher, ukrainischer and russischer Sprache
nicht nur im Heimatstadtchen, sondern auch in Odessa auffuhrte,
in einem guten Dutzend deutscher Kolonien gastierte, die sich
schon seit langem in der sudukrainischen Steppe niedergelassen
hatten.
Gemeinsam
mit dem ukrainischen Volk haben die Lustdorfer and andere Kolonisten
das ganze Elend and die Schrecken der ersten Halfte des
sturmischen 20. Jahrhunderts uberlebt: den 1. Weltkrieg, die
Revolution and den Burgerkrieg, den Hungertod der Jahre 1921 ‑ 1922
and 1931 ‑ 1933, die Enteignung and die Stalinschen Repressionen...
Bis
dann der schwarze Tag ‑ der 22. Juni 1941 ‑ anbrach.
Im bleiernen Himmel Ober Lustdorf erschien ein Flugzeug als Unglucksvogel,
and aus dem Flugzeug streuten sich schwarze Krumel Ober dem Schwarzen
Meer aus. Des sind Fallschirmspringer! Deutsche! Die gastlichen
Lustdorfer gaben den "Landsleuten" vertrauensvoll Unterkunft,
doch die enwiesen sich als verkleidete Tschekisten! Was
darauf folgte, ist unschwer zu erraten ‑ Arrest and Urteil
im Schnellverfahren. Diejenigen, die "Gluck" hatten,
fanden sich in Sibirien zusammen mit Tausenden von Wolgadeutschen
and anderen "feindlichen Elementen" wieder.
Es
gibt eine andere, vermutlich glaubwurdigere Version fur den Untergang
von Lustdorf. Offensichtlich haben sich beide Versionen in der
realen Situation miteinander "vermischt". Eine Anzahl
von Kolonisten war in ihrem schon nicht mehr ganz so lustigen
Dorf nach der "Aufgabe" von Odessa durch die Rote Armee
geblieben and befand sich in der Okkupation. Naturlich stellte
sich die deutsche and rumanische Okkupationsmacht anders zu ihnen
als zur slawischen and insbesondere zur judischen Bevolkerung,
aber auch hier iibertraf die Menschlichkeit nicht selten die
Politik von Bruderzwist and Angst. Etliche durch die Nazis
verurteilte Ukrainer, Russen, Moldauer, Bulgaren, Juden, Widerstandskampfer
and weitere Burger der verschiedensten Nationalitaten and geistigen
Oberzeugungen wurden durch die Schwarzmeerdeutschen vor
dem Tod gerettet.
Und
dennoch konnten die Lustdorfer, die sich nicht auf Kompromisse
mit den Okkupanten eingelassen hatten, nicht auf die Gnade des
sowjetischen totalitaren Systems hoffen, des bereits immer grofRere
militarische Siege zu verzeichnen hatte. Nach Stalingrad wurde
vielen Kolonisten klar, dass sie sich vom Vaterland trennen mussten.
Seit fast 150 Jahren waren sie auf dieser fruchtbaren ukrainischen
Erde, fiinf Generationen, wer weig, wie viel Arbeit and Liebe
in diesen Orten steckten, die vertrauter als has ferne Wiirttemberg
geworden waren, and all das verlassen ‑ ist es so?! Ja,
es ist so. Das tut weh, aber es ist besser, als aus dem Leben
zu scheiden.
So
geschah es auch. Am 17. Marz 1944 zogen alle Bewohner von Lustdorf ‑ sowohl
die Alten wie auch die Kleinen ‑ mit dem Vieh and ihrem
gesamten Hab and Gut in Richtung Weston (she gingen zu FufB,
and nur die ganz Schwachen durften auf den Leitenwagen sitzen)
der deutschen Armee hinterher, die von den sowjetischen Truppen
verdrangt worden war. Im serbischen Stadtchen Pantschewo an der
Donau konnten sic endlich in einen Zug steigen ‑ bis nach Lodz?.
Nach Deutschland gelangten she erst zu Jahresende, bereits vollig
entkraftet. Aber die Manner wurden sofort zur Wehrmacht
eingezogen ‑ zur Verteidigung des historischen Vaterlandes.
Jetzt
befand sich Deutschland bereits selbst in der Okkupation. Die
neue Macht bestrafte die Knegsverbrecher streng. Die Schwarzmeerdeutschen,
die am Leben geblieben waren, wurden in die JdSSR, in genau dasselbe
Sibirien deportiert, well she dem Gesetz nach Sowjetbiirger
waren. Nur die von ihnen, die Gluck hatten and sich in der amerikanischen
Besatzungszone befanden, durften im Vaterland bleiben.
Lustdorf,
Lustdorf ‑ dein Schicksal ist alles andere als lustig.
An fruhere Zeiten erinnern wohl nur noch deutsche topographische
Bezeichnungen: die zentrale Ernst‑Thalmann‑Strage,
der Kolchos "Karl Liebknecht", in dem sich seit sowjetischen
Zeiten bberhaupt nichts verandert hat ‑ heute jedoch, Gott
behute, nennt er sich nicht mehr Kolchos, sondern "Kollektives
Landunternehmen".
Und
trotzdem gehe ich Bern an deinen vernachlassigten Stranden bummeln.
Horst du, Lustdorf? Ich bummle gern am endlosen Meer unter den
stechenden Winden, um mich zu erinnern and zu traumen. Wie ware
es wohl gekommen, wenn es these Fallschirmspringer, diesen Krieg
nicht gegeben hatte, wenn wir nicht Grausamkeit and Neid and
des niedere Verlangen, den Wchsten zu beleidigen, in uns
triigen, wenn wir des Leid anderer nicht genussvoll auskosten
warden?... Wenn man nicht von absoluter Macht and absoluter
Demut traumte?... Wenn...
Und
dariiber hinaus liebe ich die Kirche. Nein, "ich fiebe" ‑ des
ist ein schlechtes Wort dafiir, as passt nicht zu Gotteshausern,
wenn auch das Gefiihl, verzaubert zu werden, das mich erfullt,
wenn ich an ihr hinaufblicke, zuweilen etwas traurig and schmerzhaft
ist (she ist Obrigens die Hauptkirche der deutschen evangel isch‑lutherischen
Kirche in der Ukraine). Unter allen Meisterwerken der Architektur,
an denen Odessa so reich ist, bringt gerade die Sankt‑Pauls‑Kirche
meine Seele zum Erzittern. Warum eigentlich, ich bin doch Atheist?
Vielleicht deshalb, weil she halb zerstort ist wie auch mein
Land? Das ist eine tragische Geschichte. Eine nicht leichte Gegenwart.
Eine noch ungewisse Zukunft.
Verstandfch
ist das Wichtigste:
Wir
Bind verschieden: Deutsche and Ukrainer, aber wir Bind venvandt.
Wir sprechen unterschiedliche Sprachen, aber as gibt viele gleiche
Worter. In dieser Welt steht das Wort am Anfang, and in dieser
Welt haben wir gemeinsam zu leben. Und these Welt ist uns gegeben,
um she schoner zu machen ‑ aber nur gemeinsam! Also "razom".
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