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Kurze Geschichte der Rußlanddeutschen

(Entnommen dem Buch: Researching the Germans from Russia zusammengestellt von Michael Miller, herausgegeben vom Institute for Regional Studies, North Dakota State University, Fargo, 1987, S. xvii-xix)

Übersetzung: Alice Morgenstern, Munich, Germany


Die Geschichte der Russlanddeutschen nahm ihren Anfang im Jahr 1763, als Katharina II., eine gebürtige deutsche Prinzessin aus dem Fürstentum Anhalt-Zerbst, als Zarin Russland regierte. Sie befand sich im Besitz riesiger unbebauter Landstriche am Unterlauf der Wolga. Katharina war entschlossen, diese Region in ertragreiches Ackerland zu verwandeln und es gleichzeitig als Schutzwall gegen die dort ansässigen asiatischen Nomadenstämme zu bevölkern.

Am 22. Juli 1763 erließ Katharina ein Manifest, in dem Ausländer aufgefordert wurden, sich in Russland in den weiten unbebauten Landstrichen ihres Herrschaftsgebietes anzusiedeln. Als Anreiz dazu bot das Manifest den Siedlern folgende Rechte und Vergünstigungen an:

  1. Kostenlose Beförderung nach Russland
  2. Das Recht, in eigenen geschlossenen Kolonien zu siedeln
  3. Kostenloses Land und zinsfreie Darlehen für die Ansiedlung
  4. Religionsfreiheit und das Recht, eigene Kirchen zu bauen (zugleich mit dem Recht, eigene Schulen einzurichten)
  5. Lokale Selbstverwaltung
  6. Befreiung von Militär- und Zivildienst
  7. Das Recht, Russland jederzeit wieder zu verlassen
  8. Die oben aufgeführten Rechte wurden nicht nur den Neuankömmlingen, sondern auch ihren Nachkommen "auf ewige Zeiten" zugesichert.

Diese Rechte und Privilegien boten eine Chance für ein besseres Leben, und viele Tausende zogen aus den deutschen Staaten und den Fürstentümern Mitteleuropas nach Russland. Es gab eine Reihe von Gründen dafür, dass so viele Deutsche dieses russische Angebot annahmen. Der Siebenjährige Krieg war 1763 gerade zu Ende gegangen. Weite Landstriche in Deutschland waren verwüstet, weitverbreitet herrschte Armut. Viele Deutsche wanderten in dieser Zeit auch in andere Länder aus, einschließlich der Neuen Welt, um ein neues Leben zu beginnen.

Die ersten deutschsprachigen Kolonisten, die dem Aufruf von Katharina folgten, wurden in den Jahren 1764 bis 1767 in Gebiete entlang des Wolgastroms verwiesen. Später, als Russland die ukrainischen Länder nördlich des Schwarzen Meeres den Türken abnahm, wurden die Siedler dazu bewogen, sich dort niederzulassen. Ähnlich war es, als auf Kosten der Türkei die Halbinsel Krim und Bessarabien dem russischen Imperium eingegliedert wurden. Diese späteren Einwanderungen erfolgten 40 bis 50 Jahre nach der großen Einwanderung an die Wolga.

Die Schwarzmeerdeutschen folgten einer Einladung Alexanders I., des Enkels Katharinas, die 1803 erfolgt war. Da ihr jedoch so viele Menschen folgten, fürchtete die Russische Krone, dass ungeeignete Leute nach Russland kommen könnten. Infolgedessen wurde 1804 ein einschränkender Erlass herausgegeben, der zwar weiter die großzügigen Bestimmungen Katharinas enthielt, aber zugleich verlangte, dass die Einwanderer Bargeld oder einen Besitz im Wert von 300 Gulden vorweisen mußten, dass sie Bauern oder ausgebildete Handwerker waren und eine Familie hatten. Einzelne Glücksritter waren nicht erwünscht.

Die Kolonisten der Jahre 1804 - 1818 reisten entweder lang und beschwerlich über Land oder Donau abwärts in Kähnen. (Zwischen 1804 -1812 konnte der Wasserweg nicht benützt werden wegen des russisch-türkischen Kriegs von 1806-1812). Diejenigen, die sich 1817 auf den Weg machten, fuhren die Donau hinunter und wegen mangelnder Erfahrung starben Viele an Krankheiten und Entkräftung.

Annähernd 300 Mutterkolonien wurden während der Siedlungsjahre in Russland gegründet, und mit dem Anwachsen der Bevölkerung mußte neuer Ackerboden für die Menschen ohne Land erworben werden. Auf diese Weise entstanden zahlreiche Tochterkolonien. Schließlich gab es mehr als 3000 ethnische Siedlungen in Russland.

Die Schulen und Kirchen stellten den Unterricht in deutscher Sprache sicher. Im ganzen erwies sich das Leben als gut für die Kolonisten, und sie behielten ihre besonderen Bräuche, ihre Tracht, ihre musikalischen Vorlieben und die Dialekte ihrer ursprünglichen Heimat bei. Es war jedoch unvermeidlich, dass man sich auch in vielem an das russische Leben anglich. Im Jahr 1871 widerrief Zar Alexander II. die Vergünstigungen und Privilegien, die den Siedlern in den Manifesten von Katharina II. und Alexander I. zugesichert worden waren. Das bewirkte, dass die Kolonisten auf den Stand der russischen Bauern zurückversetzt wurden und unter denselben Gesetzen und Pflichten standen wie sie. Zum ersten Mal wurden 1874 Söhne von Kolonisten zur Armee des Zaren eingezogen.

Das selbstverständliche Ergebnis unter den Kolonisten war Bestürzung und Zorn in dem Gefühl, dass sich die Russische Krone eines Vertragsbruchs schuldig gemacht hatte. Da sie nichts dagegen unternehmen konnten, dachten sie allmählich daran, das Land zu verlassen. Aber wohin? Es kam ihnen nicht in den Sinn, nach Deutschland zurückzukehren, denn seinerzeit hatten ihre Vorfahren, als sie Deutschland verließen, nicht die Absicht gehabt, jemals wieder in ihr Vaterland zurückzukommen.

Im Sommer 1872 entschloss sich Ludwig Bette, ein ehemaliger Kolonist, der 1849 eine Gruppe von 83 Freunden aus dem Schwarzmeergebiet in die Vereinigten Staaten gebracht hatte, Verwandte und Freunde in den Schwarzmeerkolonien zu besuchen. Als er die Unruhe und die Unzufriedenheit unter den Kolonisten wegen des Verlusts ihrer privilegierten Stellung wahrnahm, pries er die Vorteile der Vereinigten Staaten und drängte sie, dorthin auszuwandern. Kurz nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten kam eine Auswanderungsbewegung in Gang, die mehr oder weniger unvermindert anhielt, bis ihr der Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein Ende setzte.

Alexander III. bestieg den russischen Thron 1881, nachdem sein Vater Alexander II. ermordet worden war. Die "Russifizierung" wurde zur offiziellen Politik erklärt und beeinträchtigte nachhaltig das Leben der Kolonisten. Der Schulunterricht mußte in russischer Sprache erfolgen, und Geschäfte mußten in Russisch abgewickelt werden. Darüber hinaus wurde es zunehmend schwierig für die deutschsprachigen Kolonisten, Land für die wachsende Zahl ihrer Nachkommen zu erwerben. Alle Rechte der Selbstverwaltung in ihren Dörfern waren unter den veränderten Umständen verlorengegangen.

Trotz der Politik der Russifizierung zögerten viele Kolonisten, die lange Reise über den Ozean zu wagen und beschlossen, in Russland zu bleiben. Der Zahl nach blieben vielleicht mehr deutsche Kolonisten in Russland, als in die Länder von Nord- und Südamerika auszuwandern.

Wegen der Bestimmungen des U.S.-Homestead Acts von 1862 (d.h. der Siedlungsvorschriften) waren die Russlanddeutschen, die sich in den Vereinigten Staaten als Farmer ansiedelten, dazu gezwungen, auf ihrem Besitz von 160 Acres auch zu leben. Sie konnten also nicht in Dörfern oder geschlossenen Siedlungen wohnen wie in Russland. Viele Wolgadeutsche ließen sich in den Städten des Mittelwestens nieder, während die Schwarzmeerdeutschen Ackerland erwarben und in Nebraska, Kansas und den Dakotas nach den Bestimmungen des Homestead Act lebten. Andere ließen sich im Westen Kanadas nieder, teils auf gekauftem, teils auf Homestead-Grund. Die Wolgadeutschen spielten eine bedeutende Rolle in der Zuckerrübenindustrie in Colorado und West-Nebraska, während die meisten Schwarzmeerdeutschen in den Dakotas und in Kanada Weizen anbauten; einige wurden später Obst- und Traubenzüchter in Kalifornien. Heute leben die Nachkommen dieser frühen Einwanderer aus Russland in Kalifornien, Colorado, Kansas, Nebraska, Michigan, Illinois, Montana, Nord Dakota, Süd Dakota und Washington und ebenso in Alberta, Britisch Kolumbien, Manitoba und Saskatchewan im westlichen Kanada. Einige wanderten von Russland nach Südamerika aus.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs brachte für die ethnischen Deutschen in Russland große Schwierigkeiten. Obwohl sie als russische Soldaten in den Feldzügen kämpften und starben, wurden sie als Klasse der Spionage und Sabotage bezichtigt. Es wurde ihnen untersagt, in ihren Schulen und Kirchen deutsch zu sprechen, und deutschsprachige Zeitungen durften nicht mehr erscheinen. Unzählige Russlanddeutsche wurden wegen Staatsvergehen nach Sibirien deportiert.

Seit der russischen Revolution von 1917 herrschte in Russland für mehrere Jahre eine Zeit der Gesetzlosigkeit. Räuberbanden überfielen die deutschen Dörfer und mordeten skrupellos viele Deutsche. Deutsche, die auf Landgütern lebten, wurden innerhalb von Stunden aus ihren Häusern vertrieben. Russische Regimenter putschten und töteten ihre Offiziere, und die russischen Soldaten trugen das Ihre zu der Periode der Gesetzlosigkeit bei. Die Russische Revolution brachte den Russlanddeutschen darüber hinaus noch großes Elend, da viele Menschen nach Sibirien und Mittelasien deportiert wurden.

Den in Bessarabien Lebenden wurden die Not und das Chaos der Russischen Revolution erspart. Als die Revolte unter den Angehörigen der Armee begann, wandte sich Bessarabien an den rumänischen Staat mit der Bitte, Recht und Gesetz wieder herzustellen. Dies geschah, und später votierte Bessarabien für den Anschluss an Rumänien.

Russland hat die Rechtmäßigkeit dieser Annexion niemals anerkannt, und 1940 - zur Zeit des Bündnisses zwischen Stalin und Hitler - erklärte sich Hitler damit einverstanden, Bessarabien an die Sowjetunion zurückzugeben, vorausgesetzt, dass Stalin mit der Rückführung aller ethnischen Deutschen nach Deutschland einverstanden war. So wurde es vereinbart, und die Deutschen packten ihre Koffer, ließen alles übrige zurück und zogen nach Deutschland. Da es aber dort für die meisten von ihnen keinen Platz gab, wurden ungelernte Kräfte im Warthegau, einem Gebiet entlang der Warthe im westlichen Polen angesiedelt.

Als am 22.Juni 1941 der Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion ausbrach, wurde die bereits geplante Umsiedlung der Deutschen ohne jegliche Ausnahme betrieben. So erließ die Sowjetregierung eine Verordnung (am 2.8.1941) über die "Umsiedlung der Deutschen aus der Wolgaregion".

Der Sprecher der Landsmannschaft der Russlanddeutschen in Deutschland beschrieb diese Fakten in der Zeitschrift: "Volk auf dem Weg", August/September, 1985. Er schreibt: (Der folgende Text ist eine Rückübersetzung aus dem Englischen, nicht der Wortlaut des Originals)

"Die erzwungene Umsiedlung betraf nicht nur die Wolgadeutschen. Die deutschen Siedlungsgebiete auf der Halbinsel Krim, im Kaukasus und in der Ukraine wurden ebenso in Mitleidenschaft gezogen wie die in den Städten lebenden Deutschen. Im Zusammenhang mit der Zwangsumsiedlung wurden bis dahin intakte Familien und Gemeinschaften systematisch auseinander gerissen. Allgemein wurden Männer zwischen dem 16. und dem 60. Lebensjahr von ihren Familien getrennt und in der sog. Trudarmija (einer speziellen Art von Lagergefängnis) festgehalten, wo man sie als Staatsfeinde behandelte. Frauen und Kindern wurden armselige Quartiere unter Russen, Kasachen und anderen Nationalitäten zugewiesen. Allen Deutschen wurde unter Androhung von Strafen verboten, in ihre ehemaligen Siedlungen zurückzukehren. Sie mußten auf jedwedes Anrecht auf ihren Besitz verzichten. Der wurde in den ehemaligen Siedlungen konfisziert. Sie lebten voneinander getrennt unter fremden ethnischen Volksgruppen in Gebieten Sibiriens und Zentralasiens, abgeschnitten vom Kontakt mit deutscher Kultur, der Möglichkeit beraubt, ihr kulturelles Erbe zu bewahren, ihre Kinder in deutschen Schulen auszubilden und sich zu ihrem Glauben zu bekennen."

Als sich 1945 die Rote Armee Berlin näherte, setzte unter den in den Warthegau umgesiedelten Deutschen eine wilde Flucht ein, in Schnee und winterlicher Kälte. Es fehlten Fahrzeuge, Eisenbahnwagen und das Personal für einen geordneten Transport. Man konnte nicht in Schutzunterkünften Halt machen, so dass Viele unterwegs an Entkräftung, Erschöpfung und Hunger starben. Die rasch vorrückende Rote Armee holte Tausende ein, nahm die Leute gefangen, pferchte sie in Viehwagen und sandte sie ohne Lebensmittel auf die lange Reise in die nördlichen Regionen Russlands und nach Sibirien.

Glücklicherweise gelang es etwa 70 000 Leuten, sich nach Deutschland durchzuschlagen, wo sie und ihre Nachkommen heute noch leben. Die meisten Russlanddeutschen, die an der Wolga oder in Gebieten lebten, die nicht von Hitlers Armeen besetzt worden waren, wurden in die weit entfernten asiatischen Teile der UdSSR evakuiert. Nach der Volkszählung von 1979 gaben 1 936 000 Menschen an, Deutsche zu sein, und damit standen sie unter den mehr als einhundert Nationalitäten in der UdSSR an vierzehnter Stelle.

Die allererste Siedlung von Russlanddeutschen im Mittelwesten (Amerikas) und speziell im Gebiet des späteren Dakota erfolgte im Frühjahr 1873. Sie war ein unmittelbares Ergebnis des Besuchs von Ludwig Bette in der Kolonie Johannestal 1872, bei dem er vier Gruppen aus dem Schwarzmeergebiet dazu bewog, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. Die vier Gruppen, bestehend aus 175 Leuten, Männern, Frauen und Kindern, wurden in Sandusky, Ohio, zusammengeführt, wo sie den Winter verbrachten. Im Frühjahr sandte man Kundschafter auf Landsuche aus, die bestimmten, dass das Territorium des späteren Dakota der Ort war, wo man siedeln könnte. Die Leute beluden einen speziellen Güterzug mit ihrer Habe, dazu einen oder zwei Personenwagen und ein paar Gepäckwagen und machten sich auf nach Yankton im Territorium von Dakota. Dort kamen sie während einem der schlimmsten Blizzards an, dem "Ostersonntag Blizzard" von 1873, und Viele glaubten, dass das Land schlimmer als Sibirien sei. Als das Wetter aufgeklart hatte, suchten sie geeignetes Land, um ihre "Heimstätten" zu errichten und fanden es, wo heute Lesterville, Süd Dakota, liegt, etwa achtzehn Meilen nordwestlich von Yankton.

Danach strömten in den folgenden Jahren Tausende von Deutschen aus den Schwarzmeerregionen von Russland in die Region von Dakota. Ihre Heimstätten dehnten sich nach Westen und Norden aus, bis das meiste für den Ackerbau geeignete Land in dem Gebiet, das später 1889 Süd Dakota wurde, besiedelt war. Nachdem mehr und mehr Schwarzmeerdeutsche auf Landsuche in diese Region kamen, dehnten sich 1884 die Heimstätten auch im heutigen Nord Dakota aus. Schließlich fanden sich ihre Heimstätten in allen landwirtschaftlich brauchbaren Teilen von Nord Dakota. Das Ergebnis davon ist, dass in Nord Dakota zweimal so viele Russlanddeutsche leben wie in jedem anderen Staat der US.

Um 1920 schätzte man, dass 116 539 Russlanddeutsche in den Vereinigten Staaten lebten. Die stärkste Konzentration gab es in Nord Dakota mit etwa 70 000, die aus der Schwarzmeerregion stammten. Weitere größere Siedlungsgebiete gab es in Colorado, Kansas und Nebraska mit Leuten, die in erster Linie aus der Wolgaregion kamen. Heute sind die Familien der Russlanddeutschen über die gesamten Vereinigten Staaten verbreitet und dazu noch in Kanada; konzentriert in den Staaten der Großen Ebenen, in Kalifornien, Colorado, Oregon und Washington, sowie in den Prärieprovinzen des westlichen Kanada.

Letztendlich hat seit 1991 durch die großen politischen Veränderungen in der ehemaligen Sowjetunion ein bedeutungsvoller Trend bei den ethnischen Deutschen eingesetzt, die die Erlaubnis erhalten haben, nach Deutschland einzuwandern. Seit dieser Zeit sind der Schätzung nach mehr als zwei Millionen Deutsche aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Mittlerweile ist die Einwanderung schwieriger geworden, aber sie hält an.

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