Ein Nachruf auf Pius
Anton Bosch aus Kandel/Odessa
Nürnberg, Deutschland, Februar 16, 1999
Bosch, Anton "Ein
Nachruf auf Pius." Kandel/Odessa,
Nürnberg, Deutschland, 16 February 1999
Mit der letzen Weihnachtspost aus den Staaten erhielt
einen Zeitungsartikel mit folgendem Text in Englisch:
"Pius Lorenz Bosch hatte am 19. November als Sohn
von Lorenz und Othilia Bosch, geb. Rießling, in Kandel, Ukraine,
das licht der Welt erblickt.
Die Familie Bosch kam 1901 nach USA und siedelten
sich in Orrin bei Karlsruhe in Nord Dakota an. Bereits 1907 zog
die Familie von Karlsruhe nach Devils Lake (Teufelssee) um. Pius
lebte in Ehe mit seiner verstorbenen Frau Katharina Bosch, geb.
Ochs seit dem 21. Oktober 1929 in Devils Lake, wo sie am 24. September
1967 verstarb. Vor der Eheschließung arbeitete sie seit 1938 als
Bäuerin, als eine Bauerntochter in Milwauki Township bei Devils
Lake.
Pius unterhielt eine musikalische Band und spielte
ländliche Musik in den ländlichen Gegenden. Während er in Devils
Lake lebte arbeitete er mehr als 25 Jahre am Bau der Autobahn
(Highway Department) von Nord Dakota. Er war ein Mitglied der
kath. St. Joseph Kirche. Pius Bosch hatte drei Söhne..., 12 Enkel
und 19 Urenkelkinder."
Diese kurze Todesanzeige rief in mir folgende Erinnerung
wach.
Während unseres Urlaubs in den Staaten vom 1. August bis 5. September
1983 nahm ich mir einen Tag extra frei und fuhr alleine mit dem
"leasing car" von Bismarck nach Devils Lake, wo mich mein Namensvetter
Pius Bosch bereits ungeduldig erwartete.
Morgens um 7.00 Uhr fuhr ich los und nahm die Marschroute
gen Osten bis Grand Forks, danach bog ich dann nach Norden zum
Teufelssee ab. Für die 250 Miles benötigte ich ca. vier Stunden.
Vor der Abfahrt wurde ich von meinen Verwandten
ernsthaft gewarnt, daß es nicht ungefährlich sei, unterwegs Pausen
einzulegen, denn in den dortigen Gegenden wimmele es von Indianern,
die nach PKW's trachten sollten und unmittelbar vor der Siedlung
gäbe es sogar ein Reservat der Rotgesichter, die oftmals die Reifen
von den geparkten PKW's abnehmen und sie an ihre Abnehmer günstig
verkaufen würden. Ich fühlte mich mutterseelen alleine etwas unsicher
tief im sagenumwobenen "Wilden Westen", im Norden der Dakotas,
unweit der kanadischen Grenze.
Sowhol von der Mähr aber auch von der "wilden"
Schönheit der Natur angezogen und beeindruckt, konnte ich es mir
nicht entgehen lassen, vor dem zauberhaften Teufelssee, auf Englisch
genannt als Devils Lake, der sich ca. zwei km vor der Siedlung
ausbreitete, eine Pause einzulegen. Ich stieg aus und lief ca.
200 Meter auf die Brücke, die zur kalten Nord-Ostwind angepeitscht
wurden, erinnerte mich, daß an diesem Tag bereits der 25 Juli
war, beobachtete argwöhnisch den kleinen Wald am Südufer des Sees,
in dem die besagte Indianersiedlung sein sollte und begab mich
nach einer halben Stunde zurück zum Auto, das noch alle vier Reifen
unversehrt anhatte. Das Ersatzrad befand sich ebenfalls noch Kofferraum
meines roten "Chrysler", der zum verwechseln mit einem VW-Golf
ähnlich aussah. "Na!"- dachte ich- die Prophezeiung hat sich nicht
erfüllt. Da wollte mich wohl jemand auf den Arm nehmen!"
Meinen urwüchsigen Verwandten, Pius Bosch, von
dem uns viel in der kanadischen Stadt Regina von den anderen ausgewanderten
Landsleuten erzählt wurde, fand ich bald alleine in einem Eckhaus,
das er sich selbst noch vor dem 2. Weltkrieg gebaut hatte. Nach
unseren heutigen Maßstäben war es ein bescheidenes Häuschen, das
mich an die bauten im Uralgebiet erinnerte. Der quadratische Bau
präsentierte sich mir seinen mit Brettern beschlagenen Außenwände
und einem welligen Schiffer-Eternit-Dach, das zum verwechseln
ähnlich war mit den Häusern in Sibirien.
Im Hof herrschte Ordnung und Aufgeräumtheit, in
der Ecke zwischen dem ehemaligen Hühnerstall und dem Hauseingang
zeigte mir Pius mit Stolz seine zwei Prairie-Hunde, die ängstlich
mich anpfiffen und ständig in ihr Loch hinein- und wieder heraus
sprangen. Zu ihrem Chef, d.h. zu meinem Gastgeber, waren sie zutraulich
und fraßen sogar das durch den Maschenzaun durchgesteckte Futter
gierig aus Hand. Sobald aber ich mich ihnen näherte, schlugen
sie flink mit den Hinterpfoten auf die Erde und verschwanden pfeifend
in ihrem Erdloch.
Pius erzählte mir, daß er beide Tiere ganz klein
aus einem von der Mutter verlassenen Erdnest geholte habe, von
denen hier auf der Prärie Tausende anzutreffen sind. Es sei schon
einige Mal vorgekommen, daß seine Lieblingstiere den Stahldrahtzaun
untergruben und sich in die Freiheit absetzten und "Oh, Wunder!"
sie sollen auch wieder freiwillig zurückgekommen sein. Spätestens
hier schöpfte ich meine Zweifel an den Gehörten und nahm alles,
was mit Pius erzählt hatte etwas mehr kritisch auf.
Mein Verwandter versorgte sich selbst, kaufte sich
ein, kochte in der Küche rußlanddeutsche Gerichte, wie Kraut-und-Krumbeera,
Nuddla-und Krumbeera und andere mir so vertraute und leckere Speisen.
Am Tag meiner Ankunft, hatte er gerade Galledätz (Cholodez), eine
Art Fleischgeliermasse, die aus Schweine- und Kalbshaxen gekocht,
mit Lorbeerblatt und Knoblauch gewürzt, im Freien abgekühlt und
zur festen Masse erstarrte. Wir aßen die Speise mit Genuß und
ich konnte mich überzeugen, daß der Galledätz mir genau so schmeckte,
wie ich diesen noch bei meiner Großmutter in den 30er Jahren schlemmen
dufte.
Pius griff nach dem Mittagessen zu seinem Lieblingsinstrument,
dem Akkordeon, und spielte wehmütige Volkslieder, die mich auch
wieder an meine Kindheit in Kandel, in dem wir beide geboren waren,
erinnerte. Er spielte mir über eine Stunde sein ganzes Repertoire
vor.
Während der Musikstunde, begleitete Pius die schwungvollen
walzer und Polkas mit Fußstampfen und Pfiffen, sichtlich war mein
Gastgeber zufrieden mit meinem Lob, den ich ihm von ganzem Herzen
als feinfühliger Zuhörer reichlich spendierte.
Beim Kaffeetrinken erzählte mir mein entfernter
amerikanischer Verwandte, daß das Leben am Anfang für sie sehr
hierzulande sehr schwer war. Und als sie ihre Existenz aufgebaut
hatten, da brach 1929 die Wirtschafts- und Finanzkrise aus, infolge
derer sie ihre frühere Existenz gänzlich verloren hatten und gezwungen
waren, in Devils Lake noch einmal neu von vorne anzufangen. Er
kehrte der Landwirtschaft den Rücken und widmete sich nach der
Krise dem Bau der Autobahn von Nord Dakota, wo er sein tägliches
Brot ab nun an bis zu seiner Pensionierung in schwerer Straßenarbeit
verdiente.
Er sprach in unserem überzeugenden Kutschurganer
Dialekt, allerdings mit modernen Wörtern, wie "highway" (Autobahn),
"phon" (Telefon), "refrigator" (Kühlschrank), "car" (PKW), "suitcase"
(wir sagen zu diesem Gegenstand Tschemodan anstatt Koffer) und
viele weitere moderne technische Ausdrücke, die mir seit etwa
dem 2. Weltkrieg auch aus dem deutschen und russischen technischen
Vokabular bekannt waren.
Mit großem Stolz erzählte mir Pius von seinem jüngsten
Lieblingssohn, der vor einigen Jahren als Diplomingenieur sein
Studium abgeschlossen habe und der als Elektroingenieur bereits
sehr viele Patente angemeldet und hierzulande als technischer
Erfinder bekannt sei. Der Clou in dieser Sache lag, in der Meinung
von Pius, daß sein Sohn diese Begabung von ihm, seinem Vater geerbt
habe, dener hätte auch als Straßenbauer sehr viele Erfindungen
patentieren lassen. Etwas erstaunt war mein Gastgeber allerdings
schon, als er hörte, daß ich etwa 3,800 DM (umgerechnet 2,000
US-Dollar) monatlich bekäme, wo doch sein Erfinder-Sohn stolze
2,500 Dollar verdiene. Von diesem Augenblick an, lief unser Gespräch
nicht mehr so fließend und vertrauensvoll, wie bisher. Aber auch
sonst zeigte mein amerikanischer Verwandte wenig Interesse an
seiner ehemaligen russischen Heimat, ihm ist die andere Steppe,
hier genannt Prärie, mit ihren Highways und Prairie-Dogs tief
ins Herz gewachsen und verständlicherweise lieber geworden. Ja
wenn wundert es, er ist hier aufgewachsen, hat hier seine Jugend
verbracht und all die guten und schlechten Zeiten seiner neuen
Heimat mittragen und mitgestalten müssen bzw. dürfen. Ich begriff,
daß das Leben hier in dieser ehemaligen Wildnis kein Zuckerlecken
war, zumal unsere rußlanddeutschen Einwanderer als die letzten
Mohiganer ins Land kamen, als die anderen für den Ackerbau geeigneteren
Steppen schon verteilt und in Besitz genommen waren - der letzte
mußte halt das nehmen, was noch übriggeblieben war.
Ich habe mich vom Pioniergeist dieses rußlanddeutschen
Amerikaners überzeugen lassen und habe seine Erlebnisse und Ansichten
gut verstehen und mitfühlen können. Es war ein Mann, der aus "hartem
Holz" geschnitzt und auf den windigen und kalten amerikanischen
Steppen gehärtet wurde.
Mit inniger Trauer und Wehmut erinnerte ich mich
an diese Begegnung, als ich von meinem Freund Michael Miller aus
Nord Dakota im Brief vom 31. Dezember 1998 erfahren habe, daß
mein lieber amerikanischer Verwandte, mit fast 98 Jahren auf dem
Buckel, in Devils Lake verstorben ist und im Familiengrabe seiner
Vorfahren beigesetzt wurde.
Er hinterließ keine Spuren im nordamerikanischen
Wind, sondern er setzte sich ein wahres und würdiges Denkmal mit
seinen hinterlassenen Kindern, Enkeln und Urenkeln, mit dem Bau
von Straßen und seinem Haus, sowie der Zähmung der wilden Tiere
von Nord Amerika.
Ein gebührendes Andenken werde ich von Pius Bosch
in meinem Herzen für immer bewahren.