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Briefe aus Rußland
Loretta Bush hört haufig von einem verwandten aus der ehemaligen
Sovietunion, der alte Kontakte erneuern möchte
By Lance Nixon, Herald Staff Writer
Grand Forks Herald, Grand Forks, North Dakota, May 3,
1993
Übersetzung von Alice Morgenstern, München, Deutschland
Oft kommen in Rugby, ND, Briefe aus Rußland an, die sich
lesen wie der gruß eines Sendschreibens des Apostels Paulus,
vorausgesetzt, er hätte deutsch geschrieben: "Liebe Loretta,
William, samt Familie! gott zum Gruß und dem lieben Heiland
zum Trost in den alten Tagen und (dem) schweren Leben!" Karl
Wiederoder, der aus Deutschland stammt, übersetzt dann diese
Zeilen in englisch.
Bereits seit über einem Jahr kommen diese Briefe, seit der
Zeit also, als Loretta Bush ganz unvermutet erfuhr, daß sie
einen Verwandten in der ehemaligen Sovietunion hat, der mit dem
Zweig der Familie, die nach den USA ausgewandert war, Kontakt aufnehmen
wollte. Im Jahre 1905 hatte Jacob Huber das zaristische Rußland
mit seiner Familie verlassen und sich im westlichen Nord Dakota
angesiedelt. Die Kontakte zur alten Heimat brachen in den Jahren
nach der Bolschewistischen Revolution ab, so daß die Enkel
von Jacob Huber nicht mehr von Rußland wußten, als was
ihr Vater, Jacob M. Huber, über die Gespräche mit seinen
Eltern und anderen Einwanderern aufgeschrieben hatte.
Zufällig las im September 1991 Dalton Huber, ein Enkel des
Ausgewanderten, und der Bruder von Loretta Bush, einen Zeitungsbericht
über die vielen Briefe, die Michael Miller von Deutschen in
Rußland zugeschickt bekommen hatte, die hier nach Verwandten
suchten. Michael Miller ist der Bibliograph der Rußland-Deutschen
an der Staatsuniversität von Nord Dakota. Eine deutschsprachige
Zeitung in Rußland hatte die Meldung gebracht, daß es
für Mr. Miller sehr wichtig sei, etwas über Deutsche in
Rußland zu erfahren, die Verbindungen zu ihren amerikanischen
Verwandten suchten, und seither schreiben ihm viele Leute von dort.
Nach lange Zeit - eine Antwort
Einen dieser Leute war Matthäus Gunthner aus Tscheljabinsk,
der Nachkommen seines Onkels Jacob Huber und seiner Tante Katerina
suchte. Er glaubte zu wissen, daß sie zusammen mit ehrem Sohn
etwa um 1907 ausgewandert seien.
Dalton Huber rief auf diese Zeitungsnachricht hin seine Schwester
an. Loretta Bush erinnert sich: "Stell dir vor! Es gibt jemand,
der uns sucht!" sagte er.
Loretta Bush schickte im November 1991 ihren ersten Brief nach
Tscheljabinsk. Ihr Nachbar Karl Wiederoder übersetzte ihn.
Die Antwort von Gunthner kam im Dezember.
Er sei 76 Jahre alt, schrieb er, seine Frau Galina 68. "Wir
haben Deinen Brief mit großer Freude erhalten undmit Tränen
in den Augen gelesen. Ich habe schon einige Male nach Nord Dakota
geschrieben, aber ohne Ergebnis. Meine Briefe kamen nicht an. Ich
erhielt nie eine Antwort."
Die Gunthners haben einen Sohn, Walter, der Militärarzt, eine
Tochter, Margareta, die Ingenieurin ist, die Enkelin Marina, die
Ärztin werden will und die enkel Sejoska und Dima. Obwohl Loretta
Bush in ihren Briefen Matthäus mit "Onkel" anredet,
ist das nur ein Ehrenname, denn er ist eigentlich ein Vetter ihres
Vaters Jacob Huber, und sie hatten nur denselben Großvater
Max Huber.
Matthäus schrieb auch, daß während der ersten Jahre
der Sovietherrschaft noch Kontakte zwischen seiner Familie in Rußland
und Jacob Huber bestanden. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs und
der Krieg Nazi-Deutschlands gegen die Sovietunion bewirkte, daß
sich die Deutschrussen als Feinde behandelt sahen. "Am 28.8.1941
wurden alle Deutschen vertrieben. Wir kamen in die öden Steppen
von Kazakhstan und mußten unseren gesamten Besitz zurücklassen.
Im Jahr 1942 wurden alle Männer zwischen 15 und 60 Jahren eingezogen
und kamen in eine Sondereinheit, die man besser mit dem Wort `Sklavenheer'
bezeichnen könnte. Viele gingen durch die übermäßige
Arbeit zugrunde oder starben durch Hunger und Kälte. Danach
wurden auch alle weiblichen Personen zwischen 15 und 60 eingezogen.
Nur Kinder und Alte blieben zurück. Erst 1956 wurde uns etwas
mehr Freiheit zugestanden."
Auch die schwierigen Lebensbedingungen in Rußland beschrieb
Matthäus in seinem ersten Brief. Die monatliche Rente von 400
Rubel, die er und seine Frau erhalten, sind auf dem Schwarzen Markt
2$ wert. In den Läden gibt es nichts zu kaufen. In vielen ehemaligen
Sovietrepubliken herrscht Bürgerkrieg.
"Die Kommunisten wollen das alte System am Leben erhalten,
haben aber keinen Erfolg damit. Oft denke ich an die Worte unseres
Großvaters Max: `O Rußland, Rußland, due großes
erhabenes Land! Wir tragen Lumpen und Sandalen. Wir sind Bettler!'
74 Jahre lang wurde das russische Volk betrogen, heute ist die kommunistische
Partei zwar illegal, aber die alten Kommunisten nennen sich Demokrateh
und bleiben an der Spitze."
Bibeln erwünscht
Loretta Bush, Frau eines Geistlichen der `Assemblie of God', erkundigte
sich in einem ihrer ersten Briefe nach der Religionsfreiheit im
Lande und fragte, ob sie Matthäus und seine Familie mit Bibeln
versorgen könne. Sie hatte schon einige Lebensmittel- und Kleiderpakete
(geschickt?) [word in English written text missing?], um den Lebensunterhalt
ihrer Familie in Rußland aufzubessern. Matthäus antwortete
im Februar 1992: "Seit 1984 gibt es Religionsfreiheit bei uns.
Wir sind evangelish-lutherisch, aber wir haben noch keine Kirche.
An Sonn- und Feiertagen treffen wir uns zum Gebet in einem Bethaus,
und wir würden uns über Bibeln und andere christliche
Literatur freuen. Aber wir wissen nicht, ob Ihr uns so etwas schicken
könnt."
Im April wiederholte Matthäus Gunthner seine Bitte. "Wir
brauchen Bibeln und christliche Literatur" schrieb er, "aber
in deutsch." Loretta hatte in der Zwischenzeit Verbindungen
zu einigen Organisationen aufgenommen. So hörte sich auch von
einem deutschen Pastor, der regelmäßig Gruppen nach Rußland
schickt, und gab ihm die Adresse von Matthäus. Später
sandte sie Geld für 10 Bibeln. Inzwischen schickte die Familie
Bush weitere Pakete. Sogar Karl Wiederoder und seine Frau Elisabeth,
die sich mittlerweile durch ihre Übersetzungen als Teil der
Famalie fühlen, sandten Kleider-pakete.
Matthäus, der auf eine Frage Lorettas die Konfektionsgrößen
seiner Familie angegeben hatte, schlug ihnen vor, sie sollten getragene
Kleider senden. Sie seien so gut wie neue. "Und wenn sie nicht
passen, können wir sie ändern", schrieb er.
In einem Brief vom Juli 1992 berichtet er, daß die Kinder
ein kleines Grundstück erhalten hätten, um Gemüse
und Kartoffeln für den Winter anzubauen. Etwas später
beschrieb er in einem Brief, wie seine Frau Galina für Hilfssendungen
aus Amerika Schlange stehen mußte. "Vor einiger Zeit
erhielt sie ein Care-Paket aus Amerika mit 3 kg Reis, 1 kg Milchpulver,
2 kg Weizenmehl (cream?), 2 kg Erbsen und 400 g Olivenöl. Dafür
mußte sie von 4 Uhr morgens bis 2 Uhr nachmittags anstehen.
Wir danken herzlich für die Dollars, damit haben wir notwendige
Dinge kaufen können."
Auf politischer Seite gibt es kaum Antworten
In einem dieser Briefe im Juli werden abermals die Preissteigerungen
und die Unsicherheit der politischen Lage geschildert. "Wir
leben nur in den Tag hinein; was morgen kommt, wissen wir nicht.
Mit unserer Gesundheit steht es nicht zum besten. Wir sind noch
auf den Beinen, haben unser tägliches Brot und danken unserem
liebenden Schöpfer," schrieb Matthäus. "Nun,
da wir unseren Glauben an Gott wieder aussprechen und öffentlich
beten dürfen, rufen wir Ihn an, uns von unseren Sünden
frei zu machen. Man darf uns nicht dafür tadeln, daß
es uns 70 Jahre lang streng verboten war, an Gott zu glauben. Wir
konnten unsere Gebete nur flüstern und Gott bitten, uns in
unserer Not beizustehen. Jetzt haben wir Religionsfreiheit, und
wir beten inständig daheim, und in unserer Gemeinde. Aus Moskau
erhielten wir Gebetund Gesangbücher und weitere religiöse
Literatur. Bald werden wir auch eine deutsche Kirche haben, die
Arbeit dafür hat bereits begonnen."
Im Oktober berichtete Matthäus über die Vorbereitungen
für den Winter. Im September hatte es nicht geregnet, so daß
die Bauern großenteils ihre Ernte einbringen konnten.
"Wir hoffen, daß wir durch den Winter kommen. Mit Hilfe
meines Sohnes konnten wir Kartoffeln und Rüben einlagern. Nur
die Zwieblen verderben, wir müssen wahrscheinlich etwas dazukaufen."
Die Bibeln, die Loretta Bush mit Hilfe des deutschen Pastors angschafft
hatte, kamen bei den Gunthners am Ende des Jahres an. Matthäus
bestätigte dies im Dezember und dankte für Lorettas Angebot,
weitere Bücher zu schicken." Schickt sie uns bitte, wenn
das möglich ist," schrieb er. "Vor kurzer Zeit bekamen
wir 10 deutsche Bibeln von Pastor Wolfgang Wegert. Herzlichen Dank
dafür! Ich gab sie an einige Gläubige derGemeinde weiter.
Alle danken ganzherzlich!" Matthäus Guenthner schreibt
auch weiterhin, und Loretta Bish schickt Antworten, sie fürchtet
aber, nach dem, was er schreibt, daß ihre Briefe in den letzten
Monaten verlorengegangen sind. In seinen Briefen zeigt er sich weiterhin
besorgt über die Ausschreitungen unter den Nationalitäten
der ehemaligen Sovietrepubliken, über die Lebensmittelrationierungen
und die unsichere Zukunft der Regierung.
Matthäus und G. Gunthner haben die Familie Bush zu sich nach
Rußland eingeladen. Aber auch wenn das nie wahr wird, hofft
sie, sie einmal von Angesicht zu Angesicht im Himmmel zu sehen,
sagt. Loretta Bush "Für uns als Christen ist dieser Gedanke
an eine Familienvereinigung eine große Freude
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