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Deutschland zahlt dafür, daß Russlanddeutsche im Land bleiben

New York Times International, May 9, 1993

von Steven Erlanger, Bezymyannoye, Rußland


Übersetzung von Alice Morgenstern, München, Deutschland

Katerina A. Zarya ist eine von mehreren tausend Rußland-Deutschen, die aus dem Exil in Zentralasien dorthin zurückgekommen sind, wo such ihre Vorfahren vor mehr als 200 Jahren angesiedelt hatten, nämlich in das Land an der mittleren Wolga in Zentralrußland.

Obwohl Frau Zarya die russische Sprache beherrscht, kann sie auch noch "schwäbisch" sprechen, eine süddeutsche Mundart, die sie von ihrer Eltern lernte und im Herzen bewahrte, wie das alte Leinen ihrer Vorfahren. Und sie hat die Absicht, dort, wo ihre Eltern herstammen, ihr Leben neu zu beginnen.

Im Juli letzten Jahres hat die deutsche Regierung ein Abkommen zur Finanzierung eines sogenannten "Magnet-Siedlungs-Projekts" mit Rußland getroffen, das die Volksdeutschen ermutigen soll, in der ehemaligen Sowjetunion zu bleiben. Aber viele Tausende Rußlanddeutsche einschließlich der meisten Verwandten von Frau Zarya wollen lieber ihr gesetzlich garantiertes Recht wahrnehmen und nach Deutschland auswandern.

Katharina die Große rief sie ins Land

Die Wolgadeutschen kamen zuerst auf Einladung der Zarin Katharina der Großen, die selbst deutscher Herkunft war, nach Rußland. In der zweiten Hälfe des 18. Jahrhunderts rief sie die Deutschen ins Land, damit sie den Russen fortschrittliche Methoden in Landwirtschaft und Handwerk beibrachten. Aber als 1941 die Nazis in die Sowjetunion einfielen, löste Stalin die deutsche Wolgarepublik auf und ließ die Bewohner als potentielle "Fünfte Kolonne" (d.h. als potentielle Spione) deportieren und weit über Sibirien und Zentralasien verstreuen.

Frau Zarya, eine sehr schlanke Frau mit farblosem Haar und vielen Goldzähnen, ist erst 38 Jahre alt, wirkt aber 15 Jahre älter. "Meine Eltern gingen mit kleinen Bündeln von hier weg," erzählt sie, "und ein Leben lang träumten sie davon, zurückzukehren. Meine Großmutter, die im Alter von 90 Jahren in Kazakhstan starb, sehnte sich immer an diesen Ort zurück, und bei meinen Eltern, die auch dort starben, war es genauso,"

Die Eltern sprachen ausschließlich deutsch, und sie selbst wuchs in dem kleinen Dorf Gagarin in Süd-Kazakhstan auf, wo ihr die Kinder auf der Straße nachliefen und: `Faschistin! Faschistin!' schrien. Selbst noch zur Zeit des Zerfalls der Sovietunion als Erwachsene wurde sie von den Kindern in Kazakhstan angespucht und angepöbelt.

"Die Kazakhstaner betrachten sich zunehmend als Herren des Landes," sagt sie. Deshalb zog sie mit ihrem Mann, einem Ukrainer, in ein landwirtschaftliches Kollektiv der Armee, die Militärkolchose 23, 30 Meilen südöstlich von Saratov hinter der Stadt Engels und dem kleinen Dorf Bezymyannoye, was soviel wie `namenlos' heißt und zu erreichen auf einer Straße voller Schlaglöcher. Die deutsche Regierung versucht hier für Rußland- Deutsche eine neue Bleibe zu schaffen. Häuser wurden gebaut, eine Bäckerei und eine Wurstfabrik eingerichtet, und darüber hinaus werden Kurse für landwirtschaftliches Bauen angeboten. Dahinter steckt der Gedanke, dem Wunsch dieser Menschen nach Auswanderung nach Deutschland entgegenzuwirken, einem Land, das durch Asylsuchende und die Kosten der Wiedervereinigung in große Bedrängnis geraten ist.

Von den 700 Deutschen, die in dieser Kolchose von etwa 1,000 Menschen leben, haben jedoch 80 percent schon ihre Auswanderungsformulare für Deutschland ausgefüllt, wäre es auch nur als Rückversicherung in einem Land, wo man den Deutschen die besonderen Privilegien nicht gönnt.

Eine baumlose Steppe - tief im Schlamm

Die wirklichkeit sieht hier so aus: Eine fast baumlose Ebene verwandelt sich im Frühjahr und Herbst in knöcheltiefen Schlamm und verbrennt im Sommer in einer Hitze von 40 degree und mehr. Die Sovchose von 47,000 Acres wird `Brand' und `Sturm' genannt, eine besonders passende Bezeichnung für die Deutschen hier, die in der Sovietunion so sehr `vom Winde verweht' wurden.

Für die Frage, ob der Ort den Beschreibungen ihrer Eltern entspräche hatte Frau Zarya nur ein bitteres Lächeln übrig. "Damals war es nicht so ein `Bardak' (so ein `Verhau'), als meine Eltern hier lebten. Als wir hierherkamen, waren wir überrascht, daß es keine Bäume gab. Wir bekamen zur Antwort: `warum Bäume pflanzen? Eine Flasche Wodka wäre uns liber!'"

Die Deutschen sind bessere Arbeiter als die Russen, sagte sie und gab damit eine Meinung wieder, die selbst die Russen teilen. Ürsprünglich wurden die Deutschen ja aus diesem Grunde nach Rußland geholt. In der Hauptsache waren Mennoniten und Katholiken und lebten in Gemeinden mit weitgehender Selbstverwaltung.

1924 gründeten die Bolschewisten die autonome Wolgadeutsche Republik mit einer Größe von über 11,000 Quadratmeilen. Das Abkommen mit dem Ziel, diese Republik neu zu gründen, wurde von Präsident Jeltsin und dem deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl im Juli 1992 unterzeichnet. Es gab jedoch erhebliche Widerstände in der Bevölkerung, da nach der Auflösung des Wolgstaates durch Stalin im Jahre 1940 die Häuser und das Land der verschleppten Deutschen von Russen übernommen wurden. Heute leben in dem Gebiet der Wolgarepublik nur noch 30,000 Deutsche gegenüber 5 Millionen Russen.

"Die Spannungen ergeben sich teilweise aus Kriegserinnerungen, aber auch aus einer übertriebenen Furcht und einer neuen antiwestlichen Stimmung," sagt Sergei Y. Grishin, der Herausgeber der Lokalzeitung Saratovskoye Vesti. "Es gibt auch eine Menge alter sprichwörter hier, z.B. `Besser eine Kruste trockenes russisches Brot als ein Stück saftiges deutsches Fleisch'. Unter konservativen Politikern," Fährt er fort," besteht eine starke Opposition gegen die Autonomie, und die Ängste lassen sich leicht manipulieren." Nikolai S. Makarevich, der Vorsitzende der Provinzverwaltung, glaubt, daß mehr als 85 percent der Bevölkerung gegen eine Autonomie seien. "Das bringt die Deutsch-Russen in eine schwierige Lage," sagt er. "Gesetze sind zu grobschlächtig, um diese ethnischen Probleme zu lösen. Während der letzten 50 Jahre hat sich viel verändert, man darf auch den Krieg nicht vergessen. Das alles müssen wir zur Kenntnis nehmen. Es ist besser, wenn wir das Zusammenleben lernen."

Bis zu 5 Millionen kommen für eine Auswanderung in Frage

Nach offiziellen Angaben gibt es in der ehemaligen Sovietunion 2 Millionen Menschen, die laut Paß als Deutsche gelten. Davon lebt etwa die Hälfte in Kazakhstan. Wenn man aber Mischehen und die Tatsache in Betracht zieht, daß es in Zeiten der Diskrminierung vorteilhafter war, sich als russisch auszugeben, mögen es schließlich 5 Millionen sein, die sich um eine Auswanderung bewerben wollen, meint Heinrich Groth, der Direktor der Vereinigung "Wiedergeburt", die die volksdeutschen vertritt. Die deutsche Verfassung erkennt Nationalität durch "Blut und Geburt" an, und so wie in Israel gibt es ein Heimkehrergesetz. Durch die kriegsbedingte Kompensationsakte können jährlich 225,000 Deutsche aus Osteuropa und der ehemaligen Sovietunion nach Deutschland einwandern, 1991 und 1992 kamen je 147,000. Diese Auskunft gab Horst Waffenschmidt, Staatssekretär am deutschen Innenministerium, über Telefon.

Dabei hatten jedoch 1991, 557,000 und 1992 402,000 Menschen zusätzlich die Auswanderung beantragt, und dazu kamen, wie Herr Waffenschmidt angab, 650,000 noch nicht entschiedene Anträge. Ungefähr 100,000 Deutsche haben die Einwanderungserlaubnis erhalten, aber noch nicht von ihr Gebrauch gemächt, und einige werden dies niemals tun.

Das würde Bonn passen, denn es ist bereits schwierig, Ostdeutschland einzugliedern und der wachsenden Ablehnung von Einwanderern einschließlich gezielter Angriffe gegen Türken und Vietnamesen entgegenzuwirken. Die meisten Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion sind auf nachhaltige und kostspielige Unterstützung bei ihrer Eingliederung und Arbeitssuche angewiesen, während viele Ostdeutsche nichts dergleichen haben.

Die Politik Deutschlands ist klar, wenngleich optimistisch. Das Innenministerium stellt immer großere Summen zur Verfügung, um den Lebensstandard der Deutsch-Russen dort zu verbessern, wo sie bereits leben und ihnen von der Einwanderung nach Deutschland, wo man sie eigentlich nicht haben will, abzuraten. Während der letzten drei Jahre hat Deutschland etwa 240 Millionen zur Verfügung gestellt, und zwar für vorwiegend deutsche Gebiete in der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa, zum Bau von Häusern, Kulturzentren, Industriebetrieben, Bäckereien und ähnlichem. Für das Jahr 1993 sind 150 Millionen bereitgestellt worden die das Parlament bewilligen muß.

Die meisten drängen nach Deutschland

Aber die überwiegende Mehrheit der über die ehemalige Sovietunion verstreuten Deutschen, nach Aussage von Herrn Groth bis zu 90 percent, wollen auswandern. Ein deutscher Diplomat in Kazakhstan, dessen Aufgabe es ist, sie zum Bleiben zu überreden, meinte: "Hier wollen sie keine bessere Zukunft aufbauen. Sie wollen ihre Zelte abbrechen."

Im vergangenen Jahr verließen etwa 150,000 Deutsche Kazakhstan, obwohl einige von ihnen, wie Frau Zarya hierher oder in andere `Magnet' gebiete kamen, wo Deutschland Zentren für seine Unterstützung geschaffen hat, weil auch dort, wie z.B. in Omsk und Altai in Sibirien und in der südlichen Ukraine ehemals Deutsche lebten.

"Sie gehen schnell weg von hier," sagt Seitkazy B. Matayev, Sprecher von Nursultan A. Nazarbayev, dem Präsidenten von Kazakhstan. "Wir verlieren sie ungern, denn sie haben vielen unserer leute das Arbeiten beigebracht."

Herr Groth fürchtet, daß das `Magnet-Projekt' scheitern wird. "Ich kann das nicht so positiv sehen, wie man seitens der deutchen Regierung annimmt. Sie können die Verhältnisse durch den planmäßigen Bau von Schulen, Fabriken und Wohnhäusern nicht wirklich ändern. Das alles hat nur für kurze Zeit aufschiebende Wirkung. Die Leute drängen nach Deutschland."

Selbst in Altai, sagt er, wo es etwa 18,000 Deutsche gibt, sind im letzten Jahr 3,200 nach Deutschland emigriert. Wie sieht es da mit einer Zukunft aus?

Erna Müller, eine Frau von 79 Jahren mit eingefallenen Zügen, saß im Wohnzimmer ihrer Tochter in `Brand' und las in einer deutschen Bibel, die sie vor zwei Jahren aus Kazakhstan mitgebracht hatte. Sie war mit ihrem kranken Mann hierhergekommen, weil er in der Nähe seines Geburtsortes sterben wollte. Seit 6 Monaten lebt er nicht mehr. Die Familie wurde 1941 nach Kazakhstan verschleppt und hauste zusammen mit einer anderen in einem Viehstall. Man vertrieb sie auch von dort, und sie zogen in die Berge, wo ihr siebenjähriger Sohn verhungerte. "Man könnte ein ganzes Buch darüber schreiben", sagt sie jetzt, "aber allmählich vergesse ich alles."

Als sie hierher zurückkamen, hoffte sie auf eine neue Wolgarepublik - jetzt hofft sie, nach Deutschland zu kommen. "Ich werde bald sterben", sagt sie, "und das möchte ich lieber auf deutscher Erde."

Anspruchsvolle Kunden für ein neues Heim

In der gnadenlosen Steppe in `Brand' bauen einheimische Arbeiter, die bei der deutschen Firma Inkoplan' angestellt sind, Häuser für die neuen Bewohner aus Zentralasien. Mit Satteldächern, getüchten Wänden und Garagen stelen die Zweifamilienhäuser in einem bewußten Kontrast zu den verwohnten Wohnblocks, die aus der Zeit von vor zehn Jahren stammen, als das Kollektiv gegründet wurde. Die russischen Arbeiter behaupten, die Deutschen seien anspruchsvolle Kunden, die schlechtes Material zurückwiesen. "Früher haben wir es einfach genommen," sagt ein Zimmermann, "aber mit krummem Holz kann man nicht gerade bauen."

Ein halbes Dutzend Häuser ist fertiggestellt, Geld für weitere 58 ist vorhanden. Die neue Bäckerei produziert täglich 1,000 Laibe Brot, eine kleine Wurstfabrik verarbeitet das Fleisch der Kolchose. Es gibt Pläne für eine neue Schule, für ein Kultur-entrum und eine Klinik. Genauso wichtig erscheint die Tatsache, daß der Sachse Heinz Jörg Wobst, ein russisch sprechender Ingenieur und ehemaliger Offizier der ostdeutschen Volksarmee, seit Oktober vergangenen Jahres hier ist, um mit seinem Team von 12 Leuten einen Zweijahreskurs für landwirtschaftliches Bauen einzurichten. Das Programm lief am 1. März mit 23 Studenten an, 13 von ihnen waren Volksdeutsche. 25 weitere, darunter 5 junge Frauen, werden im September beginnen.

Wenn es `Magnet' nicht schafft, werden alle gehen Obwohl die Kurse von den Militärbehörden genehmigt worden sind, arbeitet Herr Wobst in eigener Regie. Die ganze Siedlung ist so widersprüchlich, daß diese Behörden dem Direktor der Sovchose verboten haben, der Presse Auskünfte zu geben. "Wir müssen das Magnetprojekt für die Deutschen hier aufbauen," sagt Herr Wobst, "sonst laufen alle weg."

Werden sie dann nicht ihre neuen Kenntnisse nutzen und nach Deutschland gehen? "Manche denken so," sagt Herr Wobst. "Aber die Studenten sind begeistert, und wenn sie das Gefühl haben, daß sie hier etwas von Dauer aufbauen, dann ist die Mühe nicht vergeblich, und jeder hat einen Nutzen davon."

Die Absolventen der Kurse erhalten ein russisches diplom mit deutscher Beglaubigung, jedoch nicht etwa deutsche Diplome, die sie für eine entsprechende Arbeit in Deutschland qualifizieren würden.

Als Herr Wobst das Projekt dem deutschen Innenminsterium vorschlug, waren er und sein Team arbeitslos im vereinten Deutschland. Er macht den Rußlanddeutschen klar, daß das Leben dort nicht perfekt ist. "sie hören genau zu." sagt er. "Ich erkläre ihnen: die Ostdeutschen sind Bürger 2. Klasse, und die Rußlanddeutschen wären noch eine Stufe darunter. Ja, sie hören zu, aber sie glauben es nicht."

Frau Zarya arbeitet jetzt für die Deutschen als Köchin und Haushälterin. Während sie in der Küche einen Auflauf bächt, läuft auf der Kassette ein deutsches Lied: "Du kommst einmal heim, ich weiß - ich weiß es in meinem Herzen." Ihre Schwester und Nichte waren darauf, nach Deutschland auszuwandern; eine weitere Schwester und ein Bruder haben Anträge Gestellt. Sie seufzt: "Meine Nichte Träumt davon. Aber meine Tochter möchte bleiben, ebenso wie mein Mann. Irgendjemand muß hier leben und arbeiten. Ohne Arbeit kommt nichts zustande." - Als man Herrn Wobst fragte, ob das Projekt, die Deutschen hier zu halten, Erfolg haben werde, wandte er sich ab und sagte: "Es muß!"

 

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