|
Swjatoslaw Richter ist tot Der Pianist Swjatoslaw
Richter, einer der bedeutendsten Klaviervirtuosen der Welt, ist
gestern im Alter von 82 Jahren an Herzversagen gestorben.
Kalifornishe Staatszeitung, Los Angeles, California, April,
1997.
"Er hat Mörderhände, aber seine Moral ist eine uneinnehmbare Festung",
schrieb eine Französische Zeitung einmal über Swjatoslaw Richter,
den "größten Pianisten unseres Jahrhunderts".
"Ich habe kein Talent für die politische Welt", sagte er. Obwohl
sein Vater, ein Klavierlehrer, beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs
wegen seiner deutschen Herkunft von russischen Soldaten erschossen
worden war, dachte der in der Ukraine geborene Sohn nie an Emigration:
"Spielen kann man überall."
Richter, ein Mann mit der Statur eines Holzfällers, verzichtete
auf Allüren. In seinem kargen Moskauer Arbeitszimmer standen nur
ein Flügel und eine Liege. Am liebsten musizierte er nachts, nur
beim Schein einer kleinen Lampe.
Von kaum einem Interpreten klassischer Musik sind wohl so viele
illegale Mitschnitte im Umlauf wie von Richter. Auf 200 wird allein
die Zahl der weltweit vertriebenen unautorisierten CDs geschätzt.
Vor drei Jahren veröffentliche Richter als Gegen-Offensive schließlich
21 CDs mit eigenen Konzert-Aufnahmen von 1963-1992.
Richter, der zunächst Maler und dann Dirigent werden wollte, begann
erst mit 22 Jahren als Meisterschüler von Heinrich Neuhaus in Moskau
das Klavierstudium. Mit der Uraufführung von Sergei Prokofiews 6.
Klavier-Konzert wurde er 1940 schlagartig berühmt. Auch das ihm
gewidmete 9. Klavierkonzert des befreundeten Komponisten hob er
1947 aus der Taufe.
Richters Mutter, einer Ukrainerin, gelang nach dem tod ihres Mannes
die Flucht nach Deutschland. Sie hielt sich verborgen und wagte
lange nicht, ihrem Sohn zu schreiben, um dessen Karriere in Rußland
nicht zu gefährden. Erst 1960 durfte der Stalin- und Lenin-Preisträger
erstmals im Westen (Finnland und USA) auftreten.
Auch in Deutschland war Richter mehrfach zu Gast, unter anderem
beim Schleswig-Holstein Musik Festival und bei den Schwetzinger
Festspielen. 1964 hatte er in Frankreich die "Fetes Musicales en
Touraine" organisiert. Seitdem pilgerten Fans aus aller Welt im
Juni zum Festival bei Tours, auf dem fast alles auftrat, was in
der Musikwelt Rang und Namen hat.
Reprinted with permission of California Staats Zeitung,
Los Angeles, California.
|