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Das Shirokolanovka Waisenhaus

Brief aus Shirokolanovka, Ukraine (ehemals das deutsche Dorf Landau) an Bettsy Madison Williams, Missoula, Montana, USA Dezember, 2000

Übersetzung: Alice Morgenstern, Munich Germany

Bettsy gehörte der Reisegruppe Journey to the Homeland im Juni 1996 und im Mai 2000 an. Zusamman mit ihrer Mutter, Agatha Doll Williams bereiste Bettsy die Ukraine und kam in das ehemals deutsche Dorf Laudau, wo sie das Weisenhaus besuchte.

English


Liebe Bettsy!

Wir haben Ihre Antwort auf unseren Brief erhalten. Neulich kam eine Sendung mit den Bildern der Kinder und Ihrem Brief. Wir sind für alles herzlich dankbar.

Wir freuen uns sehr darüber, daß Sie uns nicht vergessen haben und uns aufrichtig Mitgefühl zeigen. Dafür sind wir sehr dankbar.

Die Bilder von den Kindern sind Spitze. Wir haben sie den Kindern gegeben. Die Namen auf den Bildern stimmen. Alles ist richtig.

Unsere Kinder sind vom (Schwarzmeer) strand zurückgekommen. Sie erholten sich gut, und ihre Gesundheit hat sich gebessert. Sie kamen körperlich gestärkt und sonnengebräunt zurück. Das Wetter blieb schön. Der Sommer war sehr heiß. So war es eine gute Zeit um zu baden und in der Sonne zu liegen.

Leider tat das der heimischen Landwirtschaft nicht gut. Den ganzen Sommer hindurch war kein Regentropfen zu sehen. Deshalb hat die Dürre die Ernte auf den Feldern vernichtet. Das bedeutet abermals einen Winter für uns, in dem wir Not leiden. Aber wir sind daran gewöhnt.

Hier sind einige Informationen über die Geschichte der Entstehung und das Leben unseres Waisenhauses.

Unser Waisenhaus wurde 1944 im Zweiten Weltkrieg gegründet, (den großen vaterländischen Krieg, wie man ihn oft in den ehemaligen Sowjetrepubliken nennt). Damals hatte es eine Menge Waisenkinder gegeben, so sollte jemand dasein, der sich um sie kümmerte.

Jahrzehnte sind seit dem Ende des Krieges vergangen, aber das Problem der verwahrlosten und heimatlosen Kinder blieb bestehen und hat sich sogar verschärft. Die schwere wirtschaftliche Lege im Land und die Arbeitslosigkeit sind mit die Hauptgründe.

Den offiziellen Angaben zufolge gibt es über 100,000 verlassene Kinder. Aber in Wirklichkeit ist diese Anzahl noch höher. Wir haben viele Kinder, die von ihrer Familie weggelaufen sind, weil ihre Eltern Alkoholiker oder drogenabhängig sind. In solchen Familien gibt es niemand der sich um sie kümmert: kein Essen, keine Kleider, keine Schuhe, kein Heizmaterial, um das Haus im Winter zu wärmen. Viele Kinder werden verprügelt und zum Stehlen gezwungen. Die Kinder können das nicht aushalten und laufen weg auf der Suche nach Mitteln, um zu überleben.

Der Staat nimmt solchen Eltern ihre elterlichen Rechte und die Kinder gehen in Waisenhäuser oder Findelhäuser oder Internate. (Das bedeutet eine Schule für Kinder, die für Unterricht, Unterkunft und Unterhalt sorgt.)

Unser Waisenhaus wurde für Kinder mit Lernschwächen und körperlichen Behinderungen eingerichtet, die Schwierigkeiten mit ihrer geistigen und körperlichen Entwicklung haben. Wenn für ein Kind nicht gesorgt wurde, wenn es oft nichts zu essen hatte, dann kann man die normale Entwicklung dieses Kindes vergessen.

Wir versuchten die Rehabilitation und die Korrekturarbeit mit diesen Kindern zu fördern, damit sie ihren richtigen Platz im Leben finden.

Bettsy, Sie haben sowohl unsere älteren als auch unsere jüngeren Kinder gesehen und für uns scheinen sie überhaupt nicht schlimm zu sein. Vielleicht machen wir uns etwas vor, weil wir sie so behandeln, als ob sie unsere eigenen wären.

Unsere Regierung hilft uns: sie stellt Geld für ihre Ernährung und die Gehälter für unsere Mitarbeiter zur Verfügung. Aber diese Beträge sind sehr gering. So gibt es täglich 25 Cents, die wir für das Essen eines Kindes ausgeben können. Fur dieses Geld können wir weder Fleisch noch Milch kaufen. Die Kinder werden nur mit etwas Obst und Gemüse verköstigt.

Das normale Gehalt eines Lehrers beträgt 30 US Dollar (im Monat). Aber oft sehen wir das Geld monatelang nicht. Deswegen können wir mit unserem eigenen Geld nur ein wenig Hilfe leisten. Außer dem Essen müssen wir Kleider und Schuhe zum Anziehen beschaffen und Bettwäsche; die Kinder müssen sich und ihre Kleidung waschen, und dazu braucht man Seife und Waschpulver. Die Kinder haben Unterricht im Waisenhaus, und das heißt, daß Bücher und Schreibmaterial benötigt werden.

Die Lehrer unserer Schule sind ständig auf der Suche nach Leuten, die unseren Kindern helfen könnten. Wir glauben, daß Sie uns Gott geschickt hat. Wir möchten für Sie eine Aufstellung über die Ausgaben von dem Geld machen, das Sie uns geschenkt haben. Wir haben Kalk und Farbe gekauft, um die Klassenzimmer zu streichen. Die Ausbesserungsarbeiten haben die Lehrer und Schüler selbst gemacht. Wir haben Bettwäsche, Handtücher, Schulhefte und Schreibzeug für die Kinder gekauft.

Am 1. September begann das neue Schuljahr. An diesem Tag feierten wir ein Fest, an dem wir Sie genannt und für Ihre Hilfe gedankt haben, und ebenso dankten wir Gott, daß er uns solche Freunde geschickt hat.

Beste Grüße,

Tetyana Fix,
Maria Honcharenko

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