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Grußworte des Abgeordneten des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten von Amerika Toby Roth, Wisconsin, USA

Congressman Toby Roth, Wisconsin
United States House of Representatives
Washington, D.C.

Bundestreffen der Rußlanddeutschen
Stuttgart, Deutschland
22 Juni 1996

English

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Ich möchte mich für die freundliche Einladung bedanken, heute vor Ihnen sprechen zu dürfen.

Für mich als Amerikaner, der aber ebenso wie Sie Rußlanddeutscher ist, bedeutet dies ein besonderes Privileg.

Heute feiern wir unsere "Wiedervereinigung", eine Wiedervereinigung der Rußlanddeutschen, aber mehr als das; wir zeigen auch, wer wir sind: ein Volk, das auf seine Herkunft und sein Erbe stolz ist. Wir stehen Seite an Seite und wollen niemanden vergessen, nicht die, die uns vorangingen, noch die, die immer noch in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion darauf warten, den Weg mit uns zu gehen.

Meine Vorfahren kamen aus dem Elsaß und siedelten sich 1806 in der Region von Kutschurgan nahe Odessa an. 1905 wanderten meine Urgroßeltern nach Amerika aus, weil sie abermals auf Landsuche waren und dem russischen Militärdienst entgehen wollten. Sie arbeiteten schwer und brachten Opfer, um sich eine bessere Existenz aufzubauen, damit ihre Kinder ein besseres Leben als sie haben würden.

Die Zeiten waren hart für sie, das Leben mühsam, aber sie liebten das Leben und hatten den Leitspruch: " Die Zukunft muß anders aussehen als die Vergangenheit", und meinten, ihre Kinder sollten es einmal besser haben als sie.

Wo immer unsere Vorfahren hinkamen, machten sie dem Land Ehre, denn sie waren stolze Leute und trugen mit ihrer Arbeit zum Gedeihen eines Landes bei. Auch heute noch haben Rußlanddeutsche diesen Ruf überall dort, wo sie Fuß faßten, obwohl sie so häufig unter so schweren Bedingungen neu anfangen mußten.

Als ich ein junger Mann war und meine Großmutter in einem kleinen amerikanischen Ort, in Strasburg, North Dakota, besuchte, erinnerte sie sich an die Vergangenheit.

(Im Dialekt): Ich fragte meine Großmutter: "Was waren denn das für Leute, die aus Rußland nach Amerika kamen?" Und ich weiß noch genau, was sie mir sagte: "Sie hatten eine harte Natur und einen großen Glauben an Gott."

Man hatte den Auswanderern gesagt, Amerika sei das Land, wo Milch und Honig fließe. Die Wirklichkeit sah anders aus. Als meine Vorfahren in die große amerikanische Prärie einwanderten, sahen sie, daß es weder Wasser noch Bäume gab, kein Bau- und kein Brennholz, und damit keinen Schutz und keine Wärme in den eisigen Wintern. So mußten sie ihre Unterkünfte aus Blöcken bauen, die sie aus dem Erdreich und dem Grasboden geschnitten hatten, oder sie gruben Erdhöhlen in einen Hügel, um einen Unterschlupf zu finden.

Oft versengten heiße Sommer das Land. Dürre, Insektenschwärme, Tornados und andere Stürme waren ihre ständigen Begleiter. Ein Blitzschlag konnte ein Präriefeuer entfachen, das über das offene Land brauste und die Ernten vernichtete. Aber die Leute hielten stand. In Amerika waren sie frei, und das Geschenk der Freiheit gab ihnen die Kraft, sich eine Heimat zu schaffen.

Unsere Vorfahren wußten nicht nur, daß das Leben schwer sein kann, sie wußten auch, was Leid heißt. So erzählte meine Großmutter davon, daß, als sie Rußland verließ, ihre Großmutter im Sterben lag. Meine Großmutter und ihre Mutter mußten die Ur-Urgroßmutter zurücklassen. Sie mußten den Zug nach Bremen erreichen, um sich nach Amerika einzuschiffen. Meine Großmutter war damals nur ein kleines Mädchen, aber den Abschiedschmerz hat sie nie ganz verwunden.

Heute wollen wir Gott für alle Rußlanddeutschen bitten, und vor allem für jene, zu denen wir durch die schlimmen Ereignisse in diesem Jahrhundert die Verbindung verloren haben; aber auch für diejenigen, die vor uns geschieden sind und denen wir so viel verdanken. Wir danken unserem Schöpfer, daß er unserem Volk durch Jahrhunderte viele Gnaden gewährt hat; und wir, die Auswanderer nach Amerika, haben besonderen Grund, dankbar zu sein, daß wir vor dem Schicksal anderer bewahrt blieben. Möge Gott denen beistehen, die immer noch auf dem Weg in die Heimat sind.

Obwohl ich aus Amerika komme, verstehe und spreche ich noch unsere gemeinsame Sprache, unseren alten Dialekt, der beweist, daß wir zusammengehören.

Wenn wir auch stolz auf unser Erbe sind, dürfen wir uns doch dadurch keine Fesseln auferlegen. Ich sage meinen Kindern, daß wir heute wieder wie unsere Vorfahren aufbrechen und wieder voller Unterehmungsgeist sein müssen. Seit unserem ersten schicksalhaften Aufbruch kommen wir nun in ein drittes Jahrhundert. Meine Kinder müssen Mut zeigen, Grenzpfähle dürfen sie nicht hindern, wenn sie abermals aufbrechen, diesmal jedoch nicht in ein neues Land, sondern in ein neues Zeitalter.

Konnten wir seinerzeit besser als andere mit Pferden und dem Pflug umgehen, so ist für unsere Kinder der geschickte Umgang mit einem Computer wichtig, heute, im Zeitalter des Computers. Statt als Farmer, Holzfäller und Bergleute etwas Besonderes zu leisten, müssen sie eine gute Ausbildung für die Zukunft haben. Und wir müssen dafür sorgen, daß sie die Ausbildung bekommen, die sie verdienen. Aber genauso wie unsere Vorfahren müssen auch sie etwas wagen.

Aber ich glaube auch, daß unsere Kinder hier im Vorteil sind, denn ihr Erbe ist der feste Wille, eine Arbeit anzupacken und Risiken nicht zu scheuen. Einst sprach man vom 'deutschen Geist'.

Den müssen sie sich wieder erwerben, nur so kann ihnen Erfolg beschieden sein. Hier an diesem Ort müssen wir den festen Beschluß fassen, daß wir miteinander verbunden bleiben. Die moderne Telekommunikation und die Informationstechnologie werden uns dazu verhelfen. Wir sind froh, da es Menschen wie Michael Miller gibt, der hier vorangeht und uns zusammenführt.

Unser Leben ist eine Reise, auf der wir viele Veränderungen erleben. Während wir nun als in das dritte Jahrhundert aufbrechen, dürfen wir nicht vergessen , daß zeitlose Werte, an die unsere Vorfahren glaubten, keiner Veränderung unterliegen, und zwar:

  1. Daß der Glaube an Gott menschlichem Leben Ziel und Sinn verleiht.
  2. Daß das Morgen besser als das Heute sein wird,
  3. Daß wir einander mit Vertrauen und gegenseitiger Achtung begegnen und einander helfen, denn wir sind ein Volk und gehören zu einer großen Familie. In diesem dritten Jahrhundert wollen wir unseren Beitrag in der Welt und in der Geschichte leisten, genauso wie unsere Vorfahren. Das ist unsere Plicht, wenn wir unserem Herkommen Ehre machen wollen.

U.S. Repraesentant Toby Roth (Wisconsin) spricht beim Bundestreffen (grosse Russland-deutsche Versammlung) am 22. Juni 1996 zu neuen Einwanderern aus Sibirien. Kongressabgeordneter Roth war beim Bundestreffen, dem 50,000 Leute beiwohnten, Hauptredner.

 

Übersetzung von Alice Morgenstern, München, Deutschland


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