St Paul's Lutheran Church
Odessa, Ukraine
Deutsch


Die Evangelisch-Lutherische Kirche St. Pauls zu Odessa:
eine Chronologie von 1803 bis zum heutigen Tag

Friedrich Bienemanns Geschichte der evangelisch-lutherischen Gemeinde zu Odessa ist eine ausführliche Darstellung der Geschichte der St. Pauls-Gemeinde für den Zeitraum von 1803 bis 1976. Der Autor war der Sohn von Herbord Bienemann, Pfarrer der Gemeinde von 1868 bis 1890.  Wenn nicht anders vermerkt, stammen die folgenden Informationen zur Geschichte der Gemeinde bis 1890 aus dieser Quelle. 

1803-1830:  Die Ersten Jahre

1803

Gründung der deutschen Kolonie in Odessa an der Wende zum neunzehnten Jahrhundert. Die Pfarrer der evangelischen Gemeinde Odessa entstammen der theologischen Fakultät der Universität Dorpat, Estland. 

Der erste evangelische Pfarrer in Odessa ist Johann Heinrich Pfersdorff.  Neben seiner Tätigkeit als Pfarrer in Odessa, versorgt er auch mehrere deutsche Kolonien im Umland Odessas, ein Gebiet das sich als viel zu groß für einen einzigen Pfarrer erweist. Als das Haus des Pfarrers in Großliebenthal 1806 vervollständigt wird, zieht er dorthin, um im geografischen Zentrum des Gebiets wohnhaft zu sein.  Als 1811 ein Pfarrer für die Stadt Odessa ernannt wird, bleibt Pfersdorff in Großliebenthal als Pfarrer für die dortige Gemeinde.

1811

Der neue Pfarrer der Odessaer Gemeinde ist Carl August Böttiger.  Der Gottesdienst findet noch in einem Mietshaus statt.  Geld zum Bau von Kirche und Pastorenhaus wird beschafft, der Bau aber bis Mitte der 20er-Jahre wegen der napoleonischen Kriege, der Türkenkriege, und wiederholter Ausbrüche der Pest zurückgestellt. Ohne die Aussicht auf Haus und Kirche wird die Lage des Pfarrers unzumutbar; 1814 verlässt er die Gemeinde.

Während eines Besuchs in Odessa, wird zwischenzeitlich Zar Alexander I die Notwendigkeit eines neuen Konsistoriums für Südrussland vorgetragen.  Der Zar unterstützt die Bildung eines neuen Konsistoriums mit Sitz in Odessa.  Das Gebiet umfasst Cherson, Taurien (Krim), Jekaterinoslaw, Kiew, Tshernigow, Poltawa, Charkow, Wolhynia, Podolia, Bessarabien und den Kaukasus.  Zur gleichen Zeit wird ein neues Konsistorium für das Wolgagebiet mit Sitz in Saratow eingerichtet.

1818 Rückkehr Carl Böttigers nach Odessa, der nun die neu geschaffene Stelle des Superintendenten für Südrussland übernimmt. 
1820 Unter Anleitung Böttigers wird Johann Ambrosius Rosenstrauch Pfarrer. Er bleibt zwei Jahre und geht dann nach Charkow.
1825 Auf seinem Weg in den Kaukasus, um dort als Missionsprediger tätig zu werden, kommt Karl Friedrich Wilhelm Fletnitzer nach Odessa.  Während seines Aufenthalts wird ihm die Stelle des Pfarrers in Odessa angeboten, einschließlich der Verantwortung für die Kirchenschule, und des Adjunkts des Superintendenten.  Er bleibt vierzig Jahre an St. Paul.
1826 Gründung der Kirchenschule an St. Paul. In nicht mehr als zwei Jahren Anwachsen der     Schülerzahl auf 211 Kinder aus neun Ländern (105 Jungen, 106 Mädchen).
1824-27
Exterior of original church,
completed 1827.

(Source: Martin)

Antrag an den städtischen Bauausschuss auf Bereitstellung eines Bauplatzes für eine Kirche, welchen schließlich die deutsche Kolonie Odessa zur Verfügung stellt. Finanzierung durch Beiträge aus der Gemeinde und durch Unterstützung des Zaren.  Entwurf des Gebäudes durch Francesco Boffo, dem Architekt mehrerer bekannter Gebäude Odessas und der Potemkinschen Treppen.  1824 Grundsteinlegung und 1827 Fertigstellung des Gebäudes. Einweihung am 9. Oktober 1827. 1827 gilt auch als das Gründungsjahr der St. Pauls-Kirche.

Äußeres der ursprünglichen, 1827 fertiggestellten Kirche. 
(mit freundlicher Genehmigung der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland)

GemäldevonRud. Langhans.
 (mit freundlicher Genehmigung von Detlev von Bienenstamm und dem Odessa Regional Archiv)

1828-29 erneuter Ausbruch der Pest in Odessa, so dass Kirche und Schule zeitweise schließen.


1830-1869:  Die Fletnitzer-Jahre

1830

Wahl Karl Friedrich Fletnitzers durch die Gemeinde zum neuen Pfarrer und Nachfolger Carl Böttigers. Bestätigung der Wahl durch den Zaren, welcher von jetzt an alle Neubesetzungen geistlicher Ämter bestätigt.

Bis 1830, werden die Kirchenakten nicht systematisch geführt. Fletnitzer erkennt den Wert der Kirchenakten, einschließlich der Kirchenbücher, und sorgt nunmehr für eine ordnungsgemäße Führung der Akten.

1831-36 Ausbruch einer Choleraepidemie in Odessa, gefolgt von einer Missernte (1833). Beide Ereignisse wirken sich mehrere Jahre auf die wirtschaftliche Situation der Stadt aus.  Die Kirchenbeiträge reichen nicht aus, um die laufenden Kosten zu decken und dem Pfarrer von 1832 bis 1836 sein volles Gehalt zu sichern. Ein beträchtliches Darlehen wird aufgenommen, um dringende Reparaturen am Kirchengebäude auszuführen.
1832-43

Genehmigung eines neuen Kirchengesetzes für die evangelisch-lutherische Kirche in Russland durch den Zaren, das bis zum Ende der Monarchie 1917 in Kraft bleibt. Auflösung der Konsistorien in Südrussland und im Wolgagebiet und Anschluss an die Konsistorien von St. Petersburg beziehungsweise Moskau.

Die Anwendung der neuen Gesetze hat in den Folgejahren Rückwirkungen auf die Gemeinde in Odessa. Bisher benutzten Lutheraner und Reformierte in Odessa dieselbe Kirche gemeinsam zu Gottesdiensten; wegen des neuen Kirchengesetzes wird die Odessaer Kirche nunmehr als evangelisch-lutherische Kirche bezeichnet. 1843 trennen sich die Mitglieder der Reformierten Kirche und bilden ihre eigene Gemeinde.
1833 Mehrere Verbesserungen an der Kirche, darunter die Einzäunung des Grundstücks, Anpflanzung von Bäumen und Sträuchern und Bau einer Orgel.
1835 Fletnitzer gründet einen Fonds für die Armen, aus dem schließlich ein Armenhaus  für alte und arme Mitglieder der Gemeinde finanziert wird.
1839 Zusammenstellung eines neuen Gesangbuchs. Guss zweier Glocken. Verschönerung des Friedhofs,  Anpflanzung weiterer Bäume und Sträucher.
1841 Baubeginn eines Pfarrhauses und eines Raums für Konfirmandenunterricht. Fertigstellung des Gebäude 1846.
1844 Fletnitzer wird Propst.
1845-46 Gründung einer Gemeindeschule und Ergänzung höherer Klassen. Unterstellung der höheren Klassen unter die Aufsicht des Ministeriums für Volksaufklärung.

Bau eines Armenhauses für arme, ältere, und körperlich behinderte Mitglieder der Kirchengemeinde.

1853-54 Entwurf für ein größeres Armenhaus. 

Der Krimkrieg (1854-1856) mit verheerenden Auswirkungen auf die Gemeinde; Blockade des Hafens durch die britische und die französische Flotte am  Schwarzen Meer. Verschickung der Kinder aus Sicherheitsgründen zu abgelegenen Kolonieschulen,  Entlassung der Lehrer aus Finanzierungsgründen.

1858-64 1858 gilt als Gründungsjahr der St. Pauli Realschule. Umbenennung in “Deutsche Realschule St. Pauli”. Ausbau des Schulgebäudes. Anwachsen der Schülerzahl auf 718 Schüler verschiedener Konfession (1863).
1866 Installation einer Gasbeleuchtung in der Kirche kurz nach der Einführung von Gas in die Stadt Odessa, Fletnitzer bemüht sich um finanzielle Unterstützung für ein Waisenhaus für Jungen.
1867

Propst Fletnitzer erleidet einen Schlaganfall und muss von seinem Amt zurücktreten. Übernahme seiner Schulpflichten durch Moritz Oertel; Suche nach einem zweiten Pfarrer zur Hilfe in der Seelsorge (Amt des Propstes, Seelsorge für Lustdorf, Güldendorf, und die Gemeinden in Annenthal, sowie den Quarantänehafen und das Mädcheninstitut, dazu die Komiteearbeit).  Ernennung von Herbord Bienemann zum Propstadjunkt.


1868-1890:   Die Bienemann-Jahre

1868 Herbord Bienemann wird Fletnitzers Nachfolger als Propst.

Propst Bienemann
(mit freundlicher Genehmigung der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland.)

1872

Umbau der Schule, Bau eines Ziehbrunnens im Schulhof.

Ausbau des Armenhauses mittels Beiträgen von Gemeindemitgliedern. Aufnahme von Frauen aller Konfessionen.

1877

Fünfzig Jahre nach der Gründung von der St. Pauls-Kirche feiert die Gemeinde ihr Goldenes Jubiläum. Schaffung eines Ölgemäldes von Kunstlehrer Langhaus zum Andenken an das Ereignis; Herstellung von Lithographien des Gemäldes. Feier des Jubiläums am Sonntag, dem 9. Oktober, wobei das Innere der Kirche mit Blumen und Pflanzen geschmückt wird. Propst Bienemann hält eine Predigt, ausgehend von Psalm 84, musikalische Darbietungen von Chor und Orchester.

Gründung des Frauenvereins. Während des russisch-türkischen Kriegs sind die Mitglieder einen Tag in der Woche freiwillig im neuen militärischen Krankenhaus tätig.

In Dezember Einstellung des neuen Pfarrers Guido Hesselbart als Assistent bei Propsteidienst und Religionsunterricht.

1877-80

Diakonissin Annette Diegel.
(mit freundlicher Genehmigung der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland.)

Innerhalb von drei Jahren Bau und Eröffnung des Waisenhauses für Jungen. Spenden von Kaiser Wilhelm von Preußen und von der Gemeinde,  achtzehn Jungen und Hausvater Knauer bewohnen das Waisenhaus, Hausmutter Marie Jürgens darüber hinaus bis zu ihrem Tod ein paar Jahre später, danach Leitung des Waisenhauses durch Diakonissen, darunter Elisabeth Schwaderer (Direktorin), Christiane Gall, und Annette Diegel.
1881 Bau einer Turnhalle. 

Propst Bienemann plant ein deutsches Evangelisches Krankenhaus in Odessa, für die Schwarzmeerregion, in den folgenden Jahren Eingang von Spenden für das Gebäudeprojekt von der Gemeinde, von der Königin von Württemberg, und vom deutschen Kaiser.

1883

Einführung eines neuen Gesangbuchs.

Erweiterung der Realschule auf sieben Schulklassen.

Feier des 400. Jubiläums der Geburt Martin Luthers mit musikalischen Aufführungen unter der Leitung von Herrn Dr. Hans Harthau.
1886 Ernennung von Pastor Gustav Becker zum Rektor der Wohlfahrtsverbände der Gemeinde.
1887-88 Bau einer Kanzlei, eines neuen Altersheims, und einer Mädchenschule.
1889-92

Gründer des Krankenhauses.
(mit freundlicher Genehmigung von Detlev von Bienenstamm)

Ankauf eines städtischen Grundstücks für das Krankenhaus auf dem früheren Teleschnikow-Platz. Entwurf für das Krankenhaus von Giuseppe Bernardazzi, Eröffnung 1892. (Schleuning 101.)

1890-1914: Jahrhundertwende: ein neues Kirchengebäude

 

Dank ihrer strategischen Lage am Schwarzen Meer und ihrem tiefen Häfen, ist Odessa inzwischen eine florierende Hafenstadt an der südlichen Küste Russlands und eine lebendige kosmopolitische Stadt von internationalem Ansehen geworden, berühmt für ihre breiten Alleen und schöne Architektur, zu deren Einwohnern Leute multikultureller Herkunft aus dem russischen Reich und aus europäischen Ländern zählen.  In Odessa: A History, 1794 -1914, schreibt Patricia Herlihy:

1897 fand die erste landesweite Volkszählung des russischen Reichs statt.  Diese Tabelle zeigt die zehn größten Bevölkerungsgruppen der Sprache nach in Odessa nach der Volkszählung von 1897:

Muttersprache
Anzahl der gezählten Personen
Anteil an  der Gesamt-bevölkerung in Prozent
Russian
193,254
50.78
Yiddish
123,686
32.50
Ukrainian
21,526
5.66
Polish
17,038
4.48
German
9,933
2.61
Greek
5,013
1.32
Tatar
1,429
0.38
Armenian
1,399
0.37
French
1,224
0.30
Belorussian
1,095
0.29

Quelle: Perepis 1899-1905

(242)

1895-97

Abriss der ursprünglichen, 1827 gebauten Kirche (1895), um Platz für das neue Gebäude zu schaffen, welches 1200 Personen Platz bietet, Einweihungsfeier 1897, nach St. Petersburg und Moskau ist St. Paul nun die dritt-größte lutherische Kirche.

Die Kirche befindet sich auf dem Deutschen Hügel, 60 Meter über dem Meeresspiegel und etwa drei Straßenzüge westlich vom Sobornaya–Platz (Domplatz) und dem Stadtzentrum.  Der äußere Umfang der neuen Kirche ist 50 mal 22 Meter. (Schnurr 394-395)

Der 48 Meter hohe Glockenturm war scheinbar vom Meer her sichtbar. Von der Spitze des Turms blickt man also in nordöstlicher Richtung  die Dworjanskajastraße entlang (früher verschiedentlich Wittestraße, Petra Velikago ("Peter der Große") oder Kominternstraße)  und sieht über den Dächern dahinter, etwa 1,5 km entfernt, den Hafen.

Plan I (c.1888-1890)
(Quelle: Bienemann)

Plan II (1912)
(mit freundlicher Genehmigung von Konrad Mittelsteiner
)

Diese zwei historischen Pläne machen sichtbar, wie die Verwendung der Kirchengebäude mit der Zeit wechselte. Plan I an der linken Seite stellt die ursprüngliche Kirche mit Säuleneingang von 1827 dar. (vgl. Schnurr 394.) Plan II ist die Kirche mit verlängertem Schiff von 1897, als das Schiff näher an den Gebäuden hinter der Kirche lag als 1827. Beide Pläne zeigen die Kirche und den gesamten sie umgebenden Grundbesitz der damals der Kirche gehörte.

Links unten auf der linken Seite findet sich ein Maßstab, der auf einer alten deutschen Maßeinheit basiert. Laut der Erklärung unten rechts auf derselben Seite, entspricht ein Faden 7 englischen Fuß. Das ist nur ein ungefährer Wert. Einschlägige Wörterbücher legen eher 6 Fuß nahe. Abgesehen davon sollte man beachten, dass die Länge des Fadens von einem deutschsprachigen Land zum anderen variierte.

Der Plan hat keine Nordung, die es dem Leser erlauben würde, das Gelände, die Gebäude und umliegenden Straßen orientierungsmäßig einzuordnen.  Diese Auslassung könnte eine spätere Konfusion um  die Orientierung des Kirchengebäudes verursacht haben. In seinem grundlegendem Werk, Die Kirchen und das religiöse Leben der Russlanddeutschen, Evangelischer Teil (395, para. 2), schreibt Joseph Schnurr, dass die drei Rundbogenfenster der Apsis das Licht von Osten einlassen. Diese Annahme geht auf die Tradition zurück, Kirchen ostwärts auszurichten. Die Stadtpläne von Wagner & Debes aber im Baedeker zu Russland (herausgegeben in einer Reihe von Ausgaben in verschiedenen Sprachen in der Zeit vor 1914), zeigen eindeutig, dass der Haupteingang zur Kirche an der Nowoselskogo steht, also nach Nordosten zeigt. Es folgt also, dass die Kirche ungefähr auf einer nordöstlich-südwestlichen Achse liegt, so dass die Apsis nach Südwesten ausgerichtet ist. Der Leser mag diese Tatsache auch in Google Earth (earth.google.com) bestätigt finden, wenn auch die Apsis nicht mehr steht.

Auf der rechten Seite („Erläuterungen“) finden sich zwei Legenden zum Lageplan: die erste ist eine Liste nummerierter Kirchengebäude einschließlich ihrer Funktionen und Angaben der Baujahre; die zweite zeigt wie diese Gebäude 1890 benutzt wurden. Auch eingezeichnet sind die Größe des Grundstücks mit Hilfe der gepunkteten senkrechten Linien ab und ef, welche Gebäude und Garten links und rechts der Kirche durchlaufen, der Eingang zum Hof bis zum Jahr 1869 (g), der neuere Eingang (c), und ein Korridor (h), der am Gebäude V angebaut wurde.

Das Äussere von St. Paul (undatiert)
(mit freundlicher Genehmigung der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland)

St. Paul von Wittestr.
(Anfang des 20. Jahrhunderts. Postkarte)

Der Kirchengrundbesitz befindet sich zwei Straßenzüge westlich des Doms und wird begrenzt von:

  • Luteranski pereulok (“Lutherische Gasse”) im Südosten, während der Stalin-Jahre in Klari Zetkin umbenannt; nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder Luteranski;

  • Inwalidenskaja-Straße im Nordwesten ("Invaliden-/Veteranenstraße") jetzt Topol'skogo (“Topolski”);

  • Nowosiel’skago-Straße (“Neulandstraße”) im Nordosten, (später Jamskaja; während der Sowjetzeit in Ostrowidowa umbenannt); und

  • Kusnetschnaja-Straße (“Schmiedestraße”) im Südwesten.
Die folgenden vier Stadtpläne enthalten zahlreiche historische Details für den Zeitraum von ca. 1890 bis ca. 1930, die Umbenennungen von Straßennamen, und die Transliteration aus dem Russischen ins Englische, Französische und Deutsche.

Odessa 1892 Stadtplan. Wagner & Debes (Deutsche Ausgabe)
(Quelle: Russland. (mit freundlicher Genehmigung der Baedeker Gmbh.)

Der Stadtplan ist undatiert, wurde aber möglicherweise früher als 1892 erstellt, denn das Evangelische Krankenhaus, vervollständigt 1892, fehlt (vgl. unten die französische und die englische Ausgabe) Kartenkoordinaten für St. Paul: 5C; die schwarze Ziffer 15 suchen. Die Kirche liegt genau östlich der nord-südlichen Linie, die die Abschnitte 5B und 5C trennt.

Odessa 1911 Karte. Wagner & Debes (Französische Ausgabe)
(Quelle: Mediterranean. (mit freundlicher Genehmigung der Baedeker Gmbh.)

Der Stadtplan ist undatiert. Koordinaten für St. Paul: 5C, nach der schwarzen Ziffer 11 suchen.

Odessa 1914 Karte. Wagner & Debes (Englische Ausgabe)
(Quelle: Russland. (mit freundlicher Genehmigung der Baedeker Gmbh.)

Der Stadtplan ist undatiert. Koordinaten für St. Paul: 5C, nach der schwarzen Ziffer 4 suchen; Evangelisches Krankenhaus: 7E.

Odessa. Karte. ca. 1928. Geograph. Inst. Flemming.
(Quelle: Radó)

Der Stadtplan ist undatiert. Koordinaten für St. Paul: 4B; nach “Luth. zerk” suchen.

1906

Die Gemeinde zählt 5200 Seelen, einschließlich 450 in Lustdorf und 1200 in Güldendorf. (Schnurr 215)


1914-1937: Ein Sturm bricht los und letzte Tage

1914 Nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs, werden Deutsche in Russland zu Staatsfeinden erklärt. Deutsch wird als Verkehrssprache an lutherischen Schulen verboten, und auch zum Gebrauch in Kirchen untersagt.  Predigten müssen auf Russisch gehalten, Kirchenlieder auf Russisch gesungen, die Bibel auf Russisch gelesen werden, was vielen deutschsprachigen Gemeinden große Schwierigkeiten bereitet.
1917-24

Der 1. Weltkrieg und die politische Umwälzung in Russland führen zum Untergang der Zarenreiches und dessen Verwandlung in die Sowjetunion; darüber hinaus erfolgt eine tiefgreifende sozio-politische Richtungsänderung, die das ganze Land durchdringt. Es wird auch Zeit für eine neue Richtung innerhalb der Lutherischen Kirche in Russland, und der Prozess, eine neue Ordnung für die Kirche nach dem  Modell der Synode zu entwickeln, kommt in Gang. (Schleuning 106; Roemmich 30-33)

Dieser Prozess wird aber von der Oktoberrevolution von 1917 und vom Bürgerkrieg unterbrochen, die große politische Reformen und die gesetzliche Trennung von Kirche und Staat mit sich bringen, sowie die Enteignung  allen kirchlichen Besitzes. Bald darauf werden kirchliche Schulen vom Staat übernommen. (Schleuning 107; Roemmich 33)

Bis 1924, sinkt die Anzahl lutherischer Geistlicher in ganz Russland von 198 im Jahr 1914 auf 81. (Schleuning 112)

1927

Innenraum von St. Paul. (1927)
(Quelle: Foto vom Hundertjahrfeier)

Hundertjahrfeier der Gründung der St. Pauls-Kirche (Jahr der Fertigstellung des ersten Kirchen-gebäudes) am 9. Oktober. (Schnurr 101)

Die Fotografie von 1927 ist anscheinend gemacht worden, um den Innenraum im Schmuck der Hundertjahrfeier an St. Paul zu dokumentieren.  Eine zurecht geschnittene Version ist in Schnurrs Die Kirchen und das religiöse Leben der Russlanddeutschen, Evangelischer Teilzu finden.  Es fehlen dieser aber einige Details auf der rechten Seite, deren Bedeutung weiter unten besprochen wird.

St. Paul: Vorderer Teil des Kirchenschiffs. (1927)
(Quelle: Foto vom Hundertjahrfeier)

Diese Aufnahme vom vorderen Teil des Kirchenschiffs ist eine Vergrößerung der Fotografie des Innenraums von 1927 und lässt viele Details erkennen, die sich am unvergrößerten Original sonst der Wahrnehmung entziehen:

  • Blumen und Girlanden, die zeigen, dass die Kirche für einen festlichen Anlass geschmückt wurde

  • ein Spruch an der Kanzel

  • ausgestellte Bilder

  • Liedtafeln mit Liednummern

  • dekorative Verkachelung der Wände.

Die Sonne strömt durch das Mittelfenster der Apsis, die, wie schon erwähnt, ungefähr nach Südwest ausgerichtet ist, was zeigt, dass die Aufnahme spät nachmittags gemacht wurde.  Andere Lichtquellen sind Beleuchtungskörper der Kirche und möglicherweise zusätzliche Scheinwerfer des Fotografen.

Jubiläumsspruch an der Kanzel. (1927)
(Quelle: Foto vom Hundertjahrfeier)

100 Jahre
1827-1927
Eine feste Burg
ist unser Gott. (Martin Luther)

Nahaufnahme des Bildes und Liedbrett links. (1927)
(Quelle: Foto vom Hundertjahrfeier, oben)

Nahaufnahme des Bildes und Liedbrett rechts. (1927)
(Quelle: Foto vom Hundertjahrfeier, oben)

Die scheinbar ungleichförmig gestalteten Ränder der Bilder beiderseits des Mittelgangs sind von Girlanden verursacht, die um die Ränder drapiert sind. 

Das an einer Säule befestigte Bild anf der linken Seite stellt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Gebäude von 1827 dar, das tatsächlich einen Säuleneingang hatte (in den Bildern in dieser Chronologie, Jahrgang 1827, oben sichtbar; sowie in Schnurr 394). Eine weitere Ansicht der Kirche von 1827 ist auf folgender Website zu sehen: http://www.zimdocs.btinternet.co.uk/fh/index.html . Um die Ansichtskarte anzusehen, Link am Seitenende anklicken: <Postcards of Odessa circa 1900>, danach <Lutheran Church>. (Viele weitere historische Ansichtskarten von Odessa sind auf dieser Website zu sehen.)
 
Das Bild an der Säule rechts scheint den Bau von 1897 darzustellen.

Beiderseits des Mittelgangs sind auch zwei Liedbretter befestigt.  Das linke Brett hängt im Schatten, an einer mit Kacheln verzierten Wand, links von der Kanzel; das rechte hängt an der entsprechenden Wand gegenüber. Beide Bretter zeigen die gleichen Liednummer: 32, 12, 21, 13 aus der zu dieser Zeit gebräuchlichen Ausgabe des lutherischen Gesangbuchs.

1928-34 Für alle Kirchen in der ganzen Sowjetunion verschlechtert sich die Lage schnell. Pfarrer und Laienprediger werden aufgespürt und systematisch verhaftet, erschossen, oder in Arbeitslager geschickt. Bis 1934 sinkt die Zahl der Überlebenden auf 41. 
1937 St. Paul wird geschlossen und bleibt bis nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geschlossen. Pastor Karl Vogel wird verhaftet und in ein Arbeitslager geschickt, wo er 1943 stirbt. 
1941 Theophil Richter, ehemaliger Musikdirektor an St. Paul und Vater des weltberühmten Pianisten Swjatoslaw Richter, wird verhaftet und erschossen. (Smirnov (187); Stricker (22))
1976

Das Kirchengebäude wird am 9. mai fast ganz von einem Brand zerstört. (Schnurr 394)

 

die flammende Kirche.
(mit freundlicher Genehmigung von Jürgen Schäfer)

 

Innenansicht der Kirche nach dem Brand von 1976.
(Quelle unbekannt)


St. Paul heute: Postskriptum

2002

Das Pfarrhaus wird neben der Kirchenruine wieder aufgebaut.

 
 

 

  (mit freundlicher Genehmigung von Mats Andersson)
2007-10
(mit freundlicher Genehmigung von Detlev von Bienenstamm]
Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, mit zusätzlicher Unterstützung des Bayerischen Sozialministeriums und der Bundesregierung, führt zur Zeit den Wiederaufbau des Kirchengebäudes von St. Paul durch.  Das Projekt schließt ein deutsches Kulturzentrum mit ein. (Grötzsch, D.-M.)

Church House Brochure

Wissen Sie vielleicht mehr über die Geschichte der St. Pauls-Gemeinde? Wir würden gerne von Ihnen hören. Michael Miller Michael.Miller@ndsu.edu


Verwendete Literatur

Amburger, Erik: Geschichte des Protestantismus in Russland. Stuttgart: Evangelisches Verlags-werk, 1961.

---. Die Pastoren der evangelischen Kirchen Russlands vom Ende des 16. Jahrhunderts bis 1937: Ein biographisches Lexikon. Lüneburg: Inst. Nordostdeutsches Kulturwerk; Erlangen: Martin Luther Verlag, 1998.

Bienemann, Friedrich. Geschichte der evangelisch-lutherischen Gemeinde zu Odessa. Odessa: Schultze, 1890.

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Graßmann, Walter. Geschichte der evangelisch-lutherischen Rußlanddeutschen in der Sowjet-
union, der GUS und in Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Gemeinde, Kirche, Sprache und Tradition.
Diss. Ludwig Maximilians U. München, 2004. 24 Mar. 2007.

Grötzsch, D.-M. “Interim Leader for German Evangelical Lutheran Church in Ukraine.” Lutheran World Information. 3 Nov. 2005:10. 8 Nov. 2006.

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